Wenn der richtige Moment gekommen ist

Vor ziemlich genau elf Monaten wurde Julia Görges gefragt, ob sie sich mit ihren damals 30 Jahren im Kreis der vielen jungen Spielerinnen nicht schon als Tennisveteranin fühlen würde. Ihre Antwort kam ohne Zögern: „Da muss ich schmunzeln, weil, ich weiß ja, was ich noch vorhabe in meinem Leben, aber auch in meiner Karriere. Und heute ist 30 im Tennis ja auch überhaupt kein Alter mehr.“

Am Mittwoch hat Julia Görges ihre Profikarriere beendet, mit nunmehr 31 Jahren. Auf ihrer Homepage veröffentlichte sie eine Erklärung, in der es unter anderem heißt: „Liebes Tennis, ich schreibe Dir diese Zeilen, weil ich bereit bin, mich von dir zu verabschieden. Ich habe immer gewusst, dass ich es fühlen werde, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, zu Dir Tschüss zu sagen – der Moment ist da.“

Dieser Moment kam allerdings für viele in der Szene und offenbar auch für‘ Görges Internetseitenbetreiber überraschend – die Website war zunächst nicht mehr erreichbar.

Die deutsche Frauen-Tennischefin Barbara Rittner erklärte nicht ohne Wehmut: „Ich habe Jule auf ihrem Weg vom ersten Sichtungslehrgang bis in die Weltspitze mit viel Freude begleiten dürfen. In diesen mehr als 15 Jahren haben wir gemeinsam Höhen und Tiefen, vor allem aber viele Emotionen erlebt.“ Sie könne „sehr gut nachvollziehen, dass man sich in diesen schwierigen Zeiten intensiver mit dem Karriereende beschäftigt und den Schritt dann auch macht.“

2018 stand sie in Wimbledon im Halbfinale und schafft es in die Top Ten der Weltrangliste

Zuletzt hatte Julia Görges viel Gelegenheit über sich und ihr Leben nachzudenken. In der ZEIT schrieb sie im Sommer, dass Sie es auch ganz gut ohne Tennis aushalten könne. Da blieb ihr wegen der coronabedingten Tennispause auch nichts anderes übrig. Aber sie machte das Beste daraus und entwöhnte sich vielleicht auch ein bisschen von ihrem Sport. „Es war für mich in guter Ausgleich nach 13 Jahren mit Reisen, deswegen war es für mich auch etwas Schönes.“ Klar sei es „eine Umstellung gewesen. Aber eine positive“, sagte sie dem Tagesspiegel damals.

Den Sommer verbrachte sie nach langer Zeit mal wieder in der Heimat, für die gebürtige Bad Oldesloerin ist das inzwischen Regensburg. 2015 zog sie von Norddeutschland nach Bayern, auch um ihrer Karriere noch einmal einen Schub zu geben.

Das gelang, 2017 beendete sie die Saison nach einem Sieg bei der B-WM als beste Deutsche, im Jahr darauf zog sie in Wimbledon bis ins Halbfinale ein und schaffte es für ein paar Wochen unter die Top Ten der Weltrangliste. Insgesamt gewann Görges sieben Einzeltitel und elf im Doppel.

Aufgrund ihrer offensiven Spielweise galt sie vielen als potenzielle Kandidatin für einen Grand-Slam-Titel, allerdings war ihr Tennis oft zu fehleranfällig. Vielleicht dachte Julia Görges auch ab und an zu viel nach auf dem Platz. Ihre Aussagen nach Sieg oder Niederlage wirkten auffallend analytisch, darin unterschied sie sich deutlich von Angelique Kerber, die sich häufig in Floskeln flüchtet – egal, wie es für sie auf dem Tennisplatz gelaufen ist.

2019 sagte Julia Görges in Wimbledon nach nach einem gewonnenen Match zu Beginn: „Da ich sehr organisiert bin, buche ich die Unterkunft immer bis zum Ende eines Turniers. Dann gibt es keine Probleme.“

Das gab ihr auch die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob sie nach dem Ausscheiden noch ein bisschen länger am Ort des Turniers bleibt. Besonders gern hielt sich Görges zu Beginn des Jahres in Australien und Neuseeland auf, die Lebensart down under hat ihr immer gefallen.

Doch mit der Selbstbestimmung ist es im Tennis seit ein paar Monaten nicht mehr so weit her. Turniere gleichen großen Blasen, aus denen es kein Entrinnen mehr gibt. Zudem lauert überall die Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus.

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Aus diesem Grund hatte Julia Görges auch auf eine Teilnahme an den US Open Ende August verzichtet, in Paris bei den French Open spielte sie dann zwar wieder mit – überstand aber nur eine Runde. Ihr letztes Match bestritt sie gegen Laura Siegemund, die ein Jahr älter ist und gerade erst anfängt, ihr bestes Tennis zu spielen.

Davon war Görges zuletzt ein gutes Stück entfernt, in der Weltrangliste ist sie nur noch die Nummer 45, im Jahr 2020 gewann sie nur sieben Matches. Vielleicht hat das die Entscheidung erleichtert, gleich ganz aufzuhören, zumal niemand weiß, wie es mit ihrem Sport in den kommenden Monaten weitergeht. „Ich bin bereit, das Kapitel Tennis zu schließen und ein Neues aufzumachen, worauf ich mich sehr freue“, schrieb Julia Görges. Was auch immer das sein wird – 31 ist dafür definitiv kein Alter.