Wenn Bilder die Welt ersetzen

Angela Merkel ist 66 Jahre alt und derzeit wohl der einzige noch gegen Corona ungeimpfte Mensch mit vergleichbarer Macht und Verantwortung auf dieser Welt („Ich warte, bis ich an der Reihe bin“). Nun hat sie per Video kürzlich mit erschöpften, oft verzweifelten Eltern und Erziehern über die Folgen des Lockdowns diskutiert.

„Mir tut es leid, wenn ich ihr Unglück sehe“, antwortete sie auf die Tränen einer Mutter. Dazu zeigte die Kanzlerin ihr kleines Lächeln, das neben Freundlichkeit auch Verlegenheit ausdrückte. Und es folgte die Bitte um Verständnis für alle Härten. Angela Merkel sprach einmal mehr von der Gefahr überforderter Covid-Intensivstationen, deren „Bilder wir unbedingt vermeiden wollten“.

Vor Bergamo kamen die Flüchtlingsbilder

Das klingt typisch. So werden von Politikern als schlimmste Erfahrung der Pandemie auch nach fast einem Jahr noch immer „die Bilder von Bergamo“ zitiert. Selbst die um Empathie bemühte Kanzlerin spricht von Bildern. Wobei das längst vor Covid begann.

Als 2015 die Flüchtlinge aus dem Syrienkrieg über Griechenland und den Balkan nach Mitteleuropa zogen und sich vor allem an der ungarischen Grenze Dramen abspielten, war ein Argument, die Grenzen nach Deutschland zu öffnen: „Diese Bilder“ seien nicht länger zu ertragen gewesen.

Nach Ausschreitungen gegenüber Flüchtlingen, die im abpuffernden Sprachgebrauch allmählich zu „Geflüchteten“ wurden, hieß es dann, auch diese „Bilder“ seien unerträglich. Jetzt im Winter sind es „die Bilder“ der furchtbaren Lager auf Lesbos, im Libanon oder in Bosnien, die in der Sprache der Politik Besorgnis erregen.

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Bevor noch über die zugrundeliegenden Ursachen und Anlässe gesprochen wird, ist selbst bei den moralisch und politisch Empörten von jenen Bildern die Rede. Als sei nicht die abgebildete Wirklichkeit selbst der Skandal. Susan Sontag hatte vor zwei Jahrzehnten in ihrem letzten Essay „Das Leiden anderer betrachten“ über die Macht und Ohnmacht von Fotografien als Zeugnissen von Kriegen, Katastrophen, Menschenrechtsverletzungen geschrieben. Was die amerikanische Autorin bei all ihrer Skepsis gegenüber der aufklärerischen Wirkung von Bildern noch kaum im Blick hatte, war allerdings die symbolische Substitution der Wirklichkeit.

An die Stelle des realen Leids tritt die mediale Botschaft. In der Sprache der Betrachter gilt die Sorge so nicht zuerst den tatsächlich Kranken, Verletzten, Sterbenden, sondern ihren Abbildern. Marshall McLuhans alte Formel „the medium is the message“ gewinnt damit eine makabre Aktualität. Als vor zwanzig Jahren auf den Bildschirmen der Welt die beiden Flugzeuge wie dunkle Killerbienen in die Twin Towers von New York rasten, wirkte diese Bildmacht so überwältigend wie kein Medienereignis zuvor.

Fernsehbilder von Nine-Eleven

Trotzdem galten die Worte des Erschreckens und der Empathie noch den dreitausend Opfern. Auch alle Analysen und Kommentare versuchten, die nie zuvor gesehene Bilder-Maske mit dem geisterhaften Heranfliegen der Maschinen und dem lautlosen Aufprall und explosiven Feuerschein gedanklich zu durchdringen. Nicht bloß die Fernsehszenen des 11. September 2001, vielmehr das in ihnen Enthaltene oder gar Verborgene sollte zum Vorschein kommen. Sollte als bis dahin ungeahnte Realität bewusst werden.

Zu sagen, wir wollten Bilder wie die von Nine-Eleven künftig „vermeiden“, hätte erkennbar unangemessen geklungen. Doch seitdem ist „die Macht der Bilder“ als Formel im öffentlichen Diskurs bis hin zur bewusstlosen Routine gewachsen.

Der Begriff “Image” hat eine Doppelbedeutung

Im Englischen birgt das Wort „image“ bereits die Doppelbedeutung. Es geht bei dem oft gedankenlosen Sprechen über die Bilder, die wir nicht mehr sehen möchten, tatsächlich auch um die Image-Pflege. Diktatoren versuchen Demokratiebewegungen zu unterdrücken, indem sie die Bilder von Protesten zu verhindern suchen. Umgekehrt wollten etliche Trump-Anhänger die Bilder von der Erstürmung des Kapitols zu Fake-News machen, indem sie den eigenen Pöbel zu angeheuerten Provokateuren und das Ganze zur Inszenierung der Gegenseite erklärten.

Aber selbst demokratische Politikerinnen und Politiker sprechen in ihrer Besorgnis angesichts bestimmter „Bilder“, als könne man sich ohne solche Bilder eine unerfreuliche, auch fürs eigene Image unangenehme Realität zumindest symbolisch vom Leibe halten. Die Welt der Flüchtlinge, Kriegsopfer, hungernden Kinder oder Pandemieopfer hinter und vor den Kameras.

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Als Fotografen im türkisch-russischen Krim-Krieg (1853-56) erstmals die unmittelbaren Abbilder der Grausamkeit militärischer Auseinandersetzungen lieferten, waren ihre Zeugnisse schockierende Weltereignisse. Seitdem gehören Fotografien und Filmaufnahmen, allen Manipulationsversuchen zum Trotz, zu den stärksten Waffen der Information und Aufklärung.

Ohne die Bilder des befreiten Konzentrationslagers Auschwitz oder der Leichenberge von Bergen-Belsen hätten viele Menschen den Zivilisationsbruch des NS-Terrors kaum geglaubt. Heute, viel trivialer, ist es ein Ibiza-Video oder vielleicht ein heimlich aufgenommener Putin-Palast, der Macht und Mächtige erschüttern kann.

Bilder sind wichtig und mächtig

Auch hätte es ohne die Bilder von Bergamo vor einem Jahr noch mehr Leugner oder Verdränger des bildlosen, unsichtbaren Virus gegeben. Bilder sind wichtig und mächtig. Neben Blockaden des Internets oder dem Verbannen von Kameras ist heute die verfälschende Beeinflussung von Medien und Bildbotschaften mittels staatlicher oder privat-krimineller Manipulatoren die gewiss größte Gefahr in einer medial vermittelten Welt.

Trotzdem beginnt das Ersetzen von Wahrheit und Wirklichkeit bereits dort, wo die genannte Bilder-Sprache in den Köpfen zur schieren Gewohnheit wird. Das betrifft alle politischen und gesellschaftlichen Sphären, auch den Journalismus.

Bilder dürfen nicht vergessen machen, dass es die Wirklichkeit jenseits der Abbilder gibt. Darauf hinzuweisen, war nicht zuletzt Susan Sontags bildkritische Intention.

Der Klimawandel wirkt für viele abstrakt

Weil beispielsweise der Klimawandel für viele noch so abstrakt wirkt und nicht ständig durch aktuelle Bilder beschworen wird, ist er als globale Bedrohung nicht weniger akut. Digitale Formate sind gegenwärtig ein Segen für Arbeit und Bildung.

Aber sie sind eben häufig nur ein Ersatz. Die nicht virtuelle Welt existiert weiterhin und sie wird nicht nur von Altanalogen, sondern selbst von „digital natives“ gerade sehr heftig ersehnt.

Ob man also lieber Greta T. oder Karl M. variieren will, ist egal. Jedenfalls, wer die Welt nicht nur interpretieren, sondern verändern und gar verbessern will, sollte nicht nur von ihren Bildern sprechen.