Weniger Besucher, dafür mehr Kunst

Die Krise durch Corona brachte endlich alle Player an den Tisch. Auf der 9. Artweek gab es so viel Programm wie noch nie.




Luftige Präsentation. Wegen Corona mussten die Kojen auf der Positions weiter auseinanderrücken.Foto: AFP/John MacDougall

Die am Sonntag zu Ende gegangene Artweek dürfte nach fünftägiger Laufzeit wohl in die Geschichte Berliner Festivals eingehen – nicht nur als eines der ersten umfangreichen Kunstevents landesweit, sondern auch als Berlins erste stadtweite Großveranstaltung seit dem Lockdown. Selten wurde ein Eröffnungstermin so herbeigesehnt und wohl auch ein wenig gefürchtet.

Selten war so viel Erleichterung zu spüren, dass es endlich wieder losging, wie bei der Vernissage am Mittwochabend auf dem Werkhof Lehrter Straße, wo Künstler, Sammler, Architekten in den umgebauten Kasernenbauten zusammenleben und -arbeiten.

Das Glück, Kunst real zeigen zu können, brachte bei der neunten Artweek- Ausgabe mehr Teilnehmer denn je an einen Tisch, unter den besonderen Umständen auch solche, die sich bisher bewusst abseits gehalten hatten. Zwanzig Berliner Kunstinstitutionen und Museen – neu darunter Brücke-Museum, ifa-Galerie, Savvy Contemporary und Times Art Center – waren dabei, dazu die Messe Positions im Flughafen Tempelhof, 13 Privatsammlungen, dann das auf den Herbst verschobene Gallery Weekend sowie die Berlin Biennale, deren Eröffnung im Juni hätte stattfinden sollen.

Die Positions durfte nur 750 Besucher in die Hangarhallen lassen

Sie alle fieberten der Begegnung mit dem Publikum entgegen, mancher auch sorgenvoll. Doch durch die in die Länge gezogenen Öffnungszeiten ließen sich die verordneten Abstandsregeln wahren. Das führte mancherorts zu Wartezeiten, vor allem jedoch bei der Positions, die nur maximal 750 Besucher in ihre luftigen Hallen einlassen durfte.

Auch die anderen time slots des Artweek-Programms waren restlos ausgebucht. Die Kulturprojekte GmbH als Organisator zeigt sich mit den Besucherzahlen – auf „mehrere zehntausend“ beziffert – zufrieden. Das Tragen von Masken, die Abstandsregeln konnten die Lust an der Kunst offensichtlich nicht verderben.

Zwar war diese Artweek vornehmlich ein Festival für Berliner, weil auswärtiges Publikum weitgehend fernblieb. Dennoch kamen trotz Einschränkungen auch aus dem Ausland Besucher. So konnten einige besonders enthusiastische Sammler aus den USA den amerikanischen Behörden glaubhaft machen, dass ihre Ausreise dringend erforderlich sei. Diese Leidenschaft schlug sich auch in Verkäufen nieder.

Die Verkäufe liefen gut, Thomas Fuchs’ Koje leerte sich sogleich

Sowohl beim Gallery Weekend als auch bei der Positions wurden zahlreiche Abschlüsse gemeldet. So verkaufte Thomas Fuchs 85 Prozent seiner Koje im Tempelhofer Hangar, darunter auch ein Gemälde von Rainer Fetting für 56 000 Euro. Die Galerie The Curve fand für sämtliche Werke der Künstlerin Diane Meyer, insgesamt elf, neue Sammler.

Zufrieden zeigten sich auch die Neuzugänge, darunter die König Galerie und Michael Haas. Neben Sammlern waren ebenso Messemacher von der Art Karlsruhe, der Volta, Art Cologne oder Messe Erfurt angereist, um sich anzuschauen, ob das Berliner Modell funktioniert. Der Versuch ging auf. Die Positions erwies sich als gelungener Probelauf.

Ein Gallery Weekend im Frühjahr, eins im Herbst – das wär’s

Auch beim Gallery Weekend wurde positiv bilanziert. Die Möglichkeit zum längeren Gespräch durch weniger Besucher wirke sich günstig aus, hieß es. Für die Vermittlung der Künstler sei dies besser, ist Nina Koidl-Weidemann von der Galerie Capitain Petzel überzeugt, die den US-Maler Ross Bleckner mit einer ersten Einzelausstellung präsentiert. „Wir wünschen uns auf Dauer ein Gallery Weekend im Mai und eines im Herbst!“, sagte die Galeriedirektorin. Das nächste ist nun wieder regulär für das Frühjahr avisiert. Die Artweek nennt schon jetzt als Termin für die zehnte Ausgabe den 15. bis 19. September 2021.

Für die Berliner Kunstszene ist die Artweek nicht zuletzt ein starker finanzieller Impuls. Die Kulturverwaltung hat 300 000 Euro aus ihrem Festivalfond investiert. An die Projekträume gingen im Rahmen der Preisverleihung für zehn ausgezeichnete Off-spaces insgesamt 100 000 Euro.

Die Wirtschaftsförderung gab für den VBKI-Galeriepreis 20 000 Euro aus, außerdem 150 000 Euro für Artweek und Positions. Die Ausstellung der Boros-Sammlung im Berghain, einer der Höhepunkte der Art Week, wurde mit 250 000 Euro unterstützt. Die Maßnahme wird zugleich als Clubspielstättenförderung gerechnet.

Wer es zur Artweek nicht ins Berghain geschafft hat, behält weiterhin Gelegenheit, Kunst in dieser extravaganten Kulisse zu betrachten – so lange, bis der Clubbetrieb wieder regulär läuft. Mögen die Publikumszahlen diesmal geringer ausgefallen sein, dafür war mehr denn je zu sehen. Für die Berliner dehnt sich die Artweek ohnehin über die Laufzeit hinaus. Denn innerhalb von fünf Tagen Ausstellungen in zwanzig Institutionen zu absolvieren, das könnte den Genuss schon wieder trüben.