Wende im Gelände

Gorleben und die „Freie Republik Wendland“ sind zum Mythos geworden – und zu einem utopischen Ort. Die damals entstandene Protestkultur lebt fort.




Identitätsstiftende Zeichen und Symbole. Eine Demonstration im Jahr 2012 vor dem Erkundungsbergwerk in Gorleben.Foto: Focke Strangmann/ddp

Am 3. Mai 1980 strömten mehrere Hundert junger Leute zu einem Wäldchen im Landkreis Lüchow-Dannenberg an der Elbe. Kinder und Hunde hatten sie dabei, Zeltplanen, Bretter, Latten und Stangen, Decken, Kochkessel, Obstkisten voller Proviant, Streichhölzer, Taschenmesser. Auch der vorgezimmerte Bausatz für ein „Freundschaftshaus“ gehörte dazu, ein alternatives Fertighaus, das nur noch aufgerichtet werden musste.

Denn hier sollte das Hüttendorf der „Freien Republik Wendland“ entstehen, eine utopische Waldsiedlung der Protestierenden, geschmückt mit Transparenten, auf Bettlaken gemalten Sprüchen im schönsten Szenesound: „Gemeinsam werden wir es schaffen, daß es endlich alle raffen“.

Solange die Aktivistinnen und Aktivisten hier siedelten, konnte der unterirdische Salzstock nicht erkundet werden, den „die da oben“ zum Lager für radioaktiven Atommüll umwidmen wollten. Anfang 1977 hatte Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht erklärt, Gorleben werde vorläufiger Standort für ein „nukleares Entsorgungszentrum“, geplant seien eine Wiederaufarbeitungsanlage und ein Endlager für Atommüll.

Dieser Entsorgung galt die brennende Sorge vieler in der Bevölkerung. Nicht nur junge Leute aus der Stadt, auch Landwirte organisierten den Protest und zogen mit Traktor-Konvois los.

“Gorleben soll leben” dichtete Wolf Biermann

Und Andreas Graf Bernstorff, Eigentümer eines Teilgebiets über dem Salzstock Gorleben, weigerte sich, sein Land an die Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen zu verkaufen. 26 Millionen Mark waren geboten worden, damit die Brennelementelager Gorleben GmbH (BLG) zum Zuge käme.

Gorleben, das Wendland, der Salzstock, die Probebohrungen, die Castor-Tonnen – so lauteten die Reizworte der regionalen Bewegung gegen Atomkraft, die bundesweit und darüber hinaus politische Wirkung entfaltete. Alternative Ökos, grüne Bürger, wütende Bauern und aufgebrachter Adel fanden im Widerstand zeitweise zueinander.

Eine der Protagonistinnen war die Bäckersfrau und fünffache Mutter Lieselotte „Lilo“ Wollny, geboren 1926. Sie trug Brot und Semmeln ins Hüttendorf und wurde Jahre später parteilose Abgeordnete der Grünen im Bundestag. Was Wollny, die 2019 starb, nun nicht mehr miterlebt, ist das Ende der atomaren Castor-Kartenhauses, zumindest in Gorleben.

Seit Montag steht offiziell fest: Gorlebens Salzstöcke gelten als nicht geeignet, Castor-Behälter voller Atommüll sicher zu bergen, so sprach die Bundesgesellschaft für Endlagerung. Demnächst müssen also auch die derzeit zwischengelagerten 113 Behälter mit hochradioaktivem Abfall aus dem Salzstock gehievt und fortgeschafft werden.

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Die einen sahen in der Atomspaltung und der ungeheuren Energie, die aus ihr gewonnen werden kann, eine triumphale Errungenschaft. Die anderen beargwöhnten genau diesen Fortschritt als destruktiv und dämonisch. Inzwischen ist, nach den atomaren Desastern von Tschernobyl und Fukushima, die Akzeptanz für Atomkraftwerke gegen Null gesunken. Deutschland hat unter Kanzlerin Merkel den Ausstieg aus der risikoreichen Technologie beschlossen. Doch wer Atomkraftwerke hat, der hat auch Atommüll. Und wer Atommüll hat, der hat ein Problem.

So harren noch 1900 Castor-Behälter ihrer Entsorgung. Nuklearer Abfall kann über eine Zeitdauer weiterstrahlen, die jedes menschliche Denkvermögen übersteht. Wegen der Halbwertszeiten radioaktiver Substanzen fordert das Gesetz sichere Lagerung – über eine Million Jahre. Auch die Halbwertszeit des schneller zerfallenden Plutonium-239 beträgt immerhin 24 000 Jahre.

Neunzig neue mögliche Standorte im Land gebe es, so wird den enttäuschten Entsorgern jetzt versichert, was erneut Bürger besorgt und verunsichert. 2031 soll Baubeginn für ein strahlendes Endlager sein, 2050 soll Betriebsbeginn sein, in einem Irgendwo. Noch gibt es keinen Ort. Zu erwarten ist, dass ganz gleich wo, neuer Protest und Aufruhr folgen wird.

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Utopie leitet sich ab aus dem Griechischen „ou topos“, kein Ort. Für das wendländische Hüttendorf besaß Utopie damals doppelte Bedeutung: Hier sollte kein Ort für Atommüll entstehen, und zugleich ein utopischer Ort des Zusammenhalts, eine konkrete Demonstration solidarischen, ökologischen Lebens. „Gorleben soll leben!“ dichtete Wolf Biermann und sang zu Gitarre und Rasselklingen: „Auf, Chauvis und Emanzen, kommt mit uns paar Bäume pflanzen!“

Er bebilderte seine Vision „gegen den atomaren Wahnsinn“ mit idyllischen Szenen von Tanz, Liebespaaren und gutem Leben, „ein Wein aus der Flasche, ein Stück Käse aus der Tasche!“

Utopische Siedlungen jenseits der Stadt, Landkommunen, hatten Vorläufer bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, etwa auf dem Monte Verità bei Ascona.

Dort versammelten sich Vegetarier, Anarchisten und Lebensreformer im Protest gegen Ausbeutung und Entfremdung im Kapitalismus. Noch die Landkommune der Band Ton, Steine, Scherben, die ihr Refugium in Fresenhagen in Nordfriesland suchte, knüpfte dort zeithistorisch an.

Was für ein Bündnis! Alternative, Bürger, Bauern – und der Adel

Einen Monat lang wimmelte und wuselte es im Httendorf der Atomgegner, bis die Buden mit Baggern, Planierwalzen und zehntausend behelmten Polizisten abgeräumt wurden. In ihrer Sonderausgabe zu Gorleben schrieb die „taz“ damals, Innenminister Gerhart Baum und Kanzler Helmut Schmidt hätten sich alle halbe Stunde vom Lagezentrum der Polizei über den Fortgang des Abrisses informieren lassen, über das Ende der „Freien Republik Wendland“. Vorbild für das Hüttendorf sei eine Platzbesetzung des geplanten Standorts für das Atomkraftwerk im süddeutschen Wyhl gewesen sein.

Doch die selbsternannte Freie Republik sollte mehr sein, ein Mikrokosmos mit Modellcharakter. „Der Widerstand gegen Gorleben ist ein Gesamtkunstwerk“, erklärt daher die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg auf ihrer Homepage.

Die Formen des Protests, dessen ikonographischen Programme, Zeichen, Symbole, die Codes und Memes der damaligen Aktionen waren nicht nur identitätsstiftend für einen großen Teil der Gesellschaft, der sich heute im grünen Spektrum der Gesellschaft findet. Strahlkraft bekamen Facetten des Widerstands gegen strahlenden Müll und Atomkraftwerke.

Damals zuckelten Traktor-Konvois über die Landstraßen bei Gorleben mit Aufschriften wie „Unser Zorn ist gewaltig“ vor der Kühlerhaube. Heute organisieren Landwirte der ganzen Republik Sternfahrten vor das Kanzleramt, sei es für, sei es gegen ökologische Reformen. Hüttendörfer, damals Ballungsräume der frühen, grünen Szene, werden inzwischen in Zweit- und Drittversionen neu aufgelegt von den Kindern und Enkeln der ersten Protestgeneration, wie beim Widerstand gegen die Abholzungen des Hambacher Forsts.

Ad hoc entstehende Protestcamps als Zeltlager in Städten waren eine Ausdrucksform der Kapitalismusgegner von Attac. Nachmachen wollte ihnen das unlängst eine Phalanx aus Gegnern der Maßnahmen zum Schutz vor Corona, darunter verirrte Rechte, echte Neonazis, esoterische Paranoiker, autonome Szenetypen sowie verzweifelte Gewerbetreibende.

In einer pervertierenden Volte der autonomen Landkommunen-Bewegung imitieren heute Reichsbürger die einstigen Vorhaben, und gründen rassistische Dörfer für Arier, wie Jamel in Mecklenburg-Vorpommern.

Utopische Projekte sind und waren fast immer durchzogen von inneren Widersprüchen. Auf dem Monte Verità hatte ein Radikalökologe um 1900 seinen eisernen Ofen im Boden verscharrt, da er das Erz der Erde zurückgeben wollte. Als es im Winter bitterkalt wurde, grub er ihn reumütig wieder aus. Dass allerdings die Atomkraft nochmal ausgegraben wird, um Energie zu liefern, scheint kaum noch denkbar. Es bleibt der Müll ihrer Geschichte.

Die Autorin war federführende Redakteurin des 1980 im Verlag Zweitausendeins in Frankfurt am Main erschienenen Bild-Textbandes „Republik Freies Wendland. Eine Dokumentation“, herausgegeben von dem Fotografen Günter Zint.