Weltmann, Publikumsliebling und Schurke

Mit Mario Adorf feiert ein großer Schauspieler und deutscher Weltstar seinen 90. Geburtstag. Eine Gratulation.




Mario Adorf auf einer privaten Aufnahme aus dem Jahr 1987.Foto: imago

Ein Phänomen, dieser Mario Adorf: Wie sich fast siebzig Jahre Bühnen-, Film-, und Fernsehschaffen in zwei Szenen verdichten, die Jahrzehnte auseinander liegen und sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben.

1963 übernahm Adorf in „Winnetou I“ die Rolle von Winnetous bösartigem Gegenspieler Santer, der die Schwester des Apachenhäuptlings erschießt, Nscho-tschi. In einem Interview sagte Adorf 2013, dass ihn Menschen bis heute auf diese Rolle ansprechen, sie hätten ihm diese Filmtat lange nicht verziehen.

Ebenso unvergessen: Adorf Mitte der achtziger Jahre als steinreicher Kleberfabrikant Haffenloher in Helmut Dietls TV-Serie „Kir Royal“. Wie er da im Bademantel den Reporter Baby Schimmerlos, gespielt von Franz Xaver Kroetz, zusammenfaltet: „Isch scheiß disch so was von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast.“

Keine ruhige Minute, das ist so etwas wie sein Lebensmotto. Jedes Mal, wenn man Adorf zum Interview getroffen oder auf dem Bildschirm, der Bühne oder im Kino gesehen hat, fragte man sich: Wird der nicht älter? Wie macht der das bloß? Und was heißt das eigentlich: Schurkenrollen?

Mario Adorf ist einer der großen deutschen Schauspieler; er spielte in actionreichen Western ebenso mit wie im Neuen Deutschen Film oder in turbulenten Komödien. 

Beim Vorsprechen von der Bühne gestürzt

1930 in Zürich als unehelicher Sohn einer deutschen Röntgenassistentin und eines Italieners geboren und aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in der Eifel, hatte seine Karriere zunächst holprig begonnen. Beim Vorsprechen an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule war der junge Mann von der Bühne gestürzt. „Es war eigentlich ein Misserfolg“, sagt er im Dokumentarfilm „Es hätte schlimmer kommen können“.

Mario Adorf studiert seinen Rollentext während der Dreharbeiten des Films “Fedora”.Foto: picture alliance / dpa

Der damalige Kammerspiel-Intendant wurde neugierig. „Er hat zwei Dinge, die mir aufgefallen sind: Er hat Kraft und Naivität“, nennt Adorf ein Zitat Hans Schweikarts, das ihm überliefert wurde. 1953 traf Mario Adorf den legendären Regisseur Fritz Kortner. Bis 1962 blieb er an den Kammerspielen. Den Durchbruch vor der Kamera hatte er 1957, als Frauenmörder in Robert Siodmaks Krimi „Nachts, wenn der Teufel kam“.

Es folgten Rollen in Volker Schlöndorffs oscarprämierter Literaturverfilmung „Die Blechtrommel“ als Papa Matzerath, als Baulöwe in Rainer Werner Fassbinders Wirtschaftswunder-Satire „Lola“, als Kommissar in der Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, als Promiwirt in Dietls Gesellschaftssatire „Rossini…“.

Er drehte mit Claude Chabrol und Billy Wilder, war in Mafia-Filmen zu sehen, auch mal in Filmen unter seinem Niveau. Er spielte Theater und Hauptrollen in Dieter Wedels TV-Reich, „Der Schattenmann“ und „Der große Bellheim“.

Eine kaminknisternde, warme Stimme

Raubeiniger Knecht, Ganove, edler Mafioso oder Signor – das sieht aus wie ein Image. Aber ganz zu fassen war Adorf in seinen rund 200 Filmen nie. Immer mit dieser kaminknisternden, warmen Stimme, der raumgreifenden Präsenz, dem ewigen Schnauzbart – irgendwie konnte man dem Mörder von Winnetous Schwester kaum böse sein.

2013 spielte Adorf den Puppenvater Geppetto in „Pinocchio“. Ein Schurke? Nein. So jemanden hätte man gerne als Großvater, wie den störrisch-alternden Schriftsteller in der ZDF-Komödie „Krokodil“, der einen Jungen aufnimmt und lieb gewinnt.

Mario Adorf posiert während der Präsentation seines Buches.Foto: picture alliance / dpa

So bewegend wie seine Kunst entwickelte sich auch Adorfs Privatleben. In Saint-Tropez lernte er seine spätere Ehefrau Monique kennen, die mit Brigitte Bardot befreundet war: „Ich hatte zuerst nur Augen für die Bardot“. Die Liebe zu Monique sollte Jahrzehnte später noch halten, anders als die Beziehung zur Schauspielerin Lis Verhoeven, mit der er eine Tochter hat, Stella-Maria.

Einer der wenigen deutschen Weltstars

Nun wird Mario Adorf also tatsächlich 90 Jahre alt. Er ist einer der wenigen deutschen Weltstars, ausgezeichnet unter anderem mit dem Grimme-Preis, dem Ernst-Lubitsch-Preis, dem Bundesverdienstkreuz, dem Deutschen und dem Bayerischen Filmpreis. Im vergangenen Jahr hat er sich mit einer Tournee von der Bühne verabschiedet.

„Es sind sicher viele Wünsche offen geblieben“, sagte er vor ein paar Tagen in einem Interview, „aber ich war mit meinem Leben und dem, was ich erreicht habe, im Ganzen zufrieden“.

Ein Weltmann, ein Publikumsliebling. Es gibt nicht viele, die das hierzulande von sich behaupten können. Der Bundespräsident hat schon recht, wenn er in seiner Gratulation sagt, dass Adorf uns in unzähligen Rollen die Schwächen und Stärken des Menschseins vor Augen geführt habe, „mit großer Intensität und physischer Präsenz“.

Vielleicht muss man sich immer auch vor Augen halten, wo dieser Schauspieler herkommt. Zu jener Szene als Kleberfabrikant in „Kir Royal“ befragt, sagte Mario Adorf einmal: „Diese ganze Kraft, auch seine Jovialität, das waren Zutaten von mir.“ Er verdanke sie diesen Leuten, die er nach dem Krieg in seinen Jobs kennengelernt habe, als junger Arbeiter im Akkord in der Bimssteingrube.