Weißes Wunder

Auf ihrer großen Lebensreise nehmen die Helden des Schriftstellers Mirko Bonné immer wieder Kurs auf das Ende der bewohnbaren Welt, in menschenleere Landschaften aus Eis und Finsternis. Dort erhoffen sie sich von der Begegnung mit dem „weißen Wunder“ des Schnees eine Erlösung aus ihrem unerfüllten Dasein, das bislang nur Niederlagen für sie bereitgehalten hat. „Ja, der Schnee überall! / Ist aus dem Himmel, ist/ eine Zusammenzeit, ja/ ist das weiße Wunder.“

Enthusiastisch feierte ein Gedicht des Bandes „Wimpern und Asche“ die sinnliche Erfahrung einer unbegrenzbaren Schneelandschaft. Und in dem Roman „Der eiskalte Himmel” schmuggelte sich der junge Waliser Merce Blackboro auf das Expeditionsschiff des britisch-irischen Polarforschers Ernest Shackleton, um mit einer zu allem entschlossenen Mannschaft die Antarktis zu Fuß zu durchqueren. Im Januar 1915 wird hier das Polarschiff „Endurance“ vom Packeis eingeschlossen und bald von Eisblöcken zerdrückt, worauf Shackleton sein Team zu einer übermenschlichen Kraftanstrengung animiert, sodass alle 27 Expeditionsteilnehmer gerettet werden können. Mit einem zusammengeflickten Beiboot erreichen sie eine Walfangstation und können von dort aus die in der Eiswüste zurückgebliebenen Freunde vor dem Hungertod bewahren. Der 17-jährige Merce Blackboro entwickelt sich dabei vom Küchenjungen zum unentbehrlichen Assistenten Shackletons.

Der romantische Topos von der unendlichen Fahrt bis ans Ende der Welt wurde schon in diesem Roman kunstvoll fortgeführt, wobei Bonné auch die Vorbilder fantastischer Abenteuerliteratur dieser Art – wie Jack London und Edgar Allen Poe – mit in sein episches Tableau aufnahm.

Fünfzehn Jahre nach der episch ausschweifenden Chronik der „Endurance”-Expedition schreibt Mirko Bonné nun die Geschichte des Sehnsuchtsreisenden Merce Blackboro fort. Bereits in „Der eiskalte Himmel” hatte er Merce’ verzehrenden Liebeskummer als geheimes Motiv seines Aufbruchs ins Eis markiert: „Die Antarktis bedeutet mir nichts im Vergleich zu dem, was mir Ennid Muldoon bedeutet.“

Am Ausgangspunkt des neuen Romans „Seeland Schneeland“ hat sich Merce in einen notorischen Melancholiker und Grübler verwandelt. Vier Jahre nach der Rückkehr aus der Antarktis sitzt er im Februar 1921 stundenlang im Kontor des väterlichen Schiffsbau-Unternehmens im walisischen Newport herum, schaut aus dem Fenster und versinkt in Gedanken an seine geliebte Ennid, die seinen Liebeswunsch nicht erfüllen will. Vergeblich versucht die Familie den Liebeskranken von seiner Passion abzubringen, hat sich Ennid doch an einen Toten gebunden, einen im Ersten Weltkrieg abgeschossenen Piloten, für den sie ein „Lebensbuch“ in Briefen anlegt. Die Handlungslähmung des Melancholikers löst sich erst, als er vom Aufbruch Ennids in die Neue Welt erfährt und dann der Geliebten hinterherreist.

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Die im „eiskalten Himmel“ entfaltete Aufbruchsbewegung wie auch der gewaltsame Stillstand werden nun als zentrale Motive wiederaufgenommen und variiert. Während Shackletons Polarschiff vom Packeis eingeschlossen wird, gerät in „Seeland Schneeland“ der betagte Passagierdampfer „Orion“, auf dem Ennid nach Amerika reisen will, ebenfalls durch eine Havarie in eine bedrohliche Lage, verursacht durch einen tagelang tobenden Schneeorkan. Das Schiff wird nahe den zu Schottland gehörenden Orkney-Inseln manövrierunfähig und nur durch eine Rettungsaktion von der schottischen Nordküste aus haben die 1900 Passagiere noch eine Überlebenschance.

Das Leben auf dem Schiff: eine Sozialgeschichte klein- und großbürgerlicher Lebensträume

In der intensiven und detailgenauen Darstellung der Schneekatastrophe ist Bonné auf der Höhe seiner Erzählkunst. Der mühselige Alltag an Bord des Dampfers und die bizarren Maßnahmen zur Beseitigung der alles erdrückenden Schneemassen werden mit großer Plastizität geschildert und die Lebensschicksale der „Orion“-Passagiere mit leichter Hand verknüpft. Fast beiläufig entsteht so eine kleine Sozialgeschichte klein- und großbürgerlicher Lebensträume nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg.

Der Schriftsteller Mirko Bonné schreibt die Geschichte des Walisers Merce Blackboro aus seinem Roman “Der eiskalte Himmel” fort.Foto: Bogenberger/Autorenfotos

In die kollektive Aufbruchsbewegung in die Neue Welt hat der Autor zudem drei Liebesgeschichten eingezeichnet, die auf unterschiedliche Weise eine Befreiung aus erstarrten Lebensverhältnissen vorführen. Der exzentrischste Gast auf dem Passagierdampfer ist der New Yorker Hotel-Tycoon Diver Robey, ein schwerer Alkoholiker, der sich mit seiner reichen Gespielin Kristina Merriweather ständig egomane Auftritte leistet und sich am Ende von einem professionellen Menschenfeind in einen großzügigen Philanthropen verwandelt.

Sein ihm treu ergebener Assistent Meeks erlebt auf der Reise unerwartetes Liebesglück mit dem japanischen Steward Jiro, der ihn aus seiner Gefühlsstarre befreit. Und gegen Ende des Romans zeichnet sich ab, dass sich auch die allseits begehrte Ennid aus ihrem permanenten Totengedächtnis lösen und dem ihr entgegenreisenden Merce eine Chance auf einen gemeinsamen Neustart einräumen kann.

Für seine Verflechtung der Schnee- mit der Liebesutopie wählt Bonné ein bewusst orchestriertes Erzählverfahren der Entschleunigung. Geradezu sinnbildlich für dieses Pathos der Langsamkeit fungiert gleich im ersten Kapitel der Chronometer, der im Schreibtisch des Schiffszimmerer-Büros der Familie Blackboro eingelassen ist und dessen Minutenzeiger immer nur mit kleiner Verzögerung auf die nächste Ziffer springt.

Mirko Bonnés Buch ist nichts für Ungeduldige

Hier agiert ein Erzähler, der sich in seiner Bedächtigkeit am Erzählduktus von Leo Tolstois „Anna Karenina“ orientiert, dem Roman tragischer Liebender, den auch die Heldin Ennid als Reiselektüre mit sich führt. Bonnés Roman lässt sich viel Zeit, um die inneren Konflikte und Sehnsüchte seiner Protagonisten zu entfalten, bis er nach 100 Seiten seine Figuren auf dem Auswandererschiff „Orion“ versammelt hat. Der Autor verwendet zudem viel Sorgfalt auf die akribisch genaue Topografierung der Landschaften, die seine Helden durchqueren, ebenso auf die Charakteristik der Dreiklassen-Gesellschaft der Passagiere, die auf dem Schiff in getrennten Welten leben. Das ist alles glänzend recherchiert, und auch die konsonantischen Bizarrerien der walisischen Ortsnamen sind liebevoll nachgezeichnet.

„Seeland Schneeland“ ist nichts für Ungeduldige, die sich nur von der Anhäufung von Plots ernähren. Es ist ein großer Roman, der auf die Kraft des alten realistischen Erzählens ebenso vertraut wie auf die Energien, die aus der Sehnsuchtsbewegung der unglücklich in ihre Einsamkeit verpuppten Helden hervorgeht. Am Ende ist der Schnee überall – aber die unglücklichen Liebessucher können befreit ins Offene gehen.
Mirko Bonné: Seeland Schneeland. Roman. Verlag Schöffling & Co, Frankfurt/Main 2021. 448 Seiten, 24 €.