Wassily Kandinskys Playliste

Wer bisher zu Wassily Kandinsky, dem Wegbereiter der abstrakten Malerei, forschen wollte, musste persönlich nach Paris ins Centre Pompidou. Dort befindet sich die „Bibliothèque Kandinsky“, unter anderem mit 3000 Sammlungsstücken aus dem Werk des Malers, dazu gehören Gemälde, Fotografien, Briefe und Malutensilien aus seinen Ateliers. 1980, kurz vor ihrem Tod, hatte Nina Kandinsky, die Witwe des in Moskau geborenen Malers, dem französischen Ausstellungshaus wesentliche Teile seines Nachlasses vermacht.

Nun hat Google Arts & Culture sich dieses weltweit einzigartige und größte Kandinsky-Konvolut geschnappt – die Bibliothek des Centre Pompidou wurde digitalisiert, samt der Gemälde des Meisters und steht nun in Form verschiedener Online-Ausstellungen und Themendossiers allen zur Verfügung.

Beim Zoom-Pressetermin mit Google Managern und der Pariser Kuratorin für Moderne Kunst Angela Lampe schalteten sich Journalisten rund um den Globus zu. Und schon hagelt es Superlative, wie man es von der amerikanischen Internetplattform nicht anders erwartet: in der „Taschengalerie“ am heimischen Computer kann man alle wichtigen Meisterwerke Kandinskys ganz aus der Nähe betrachten.

Man kann förmlich in sie hineinkriechen und erstmals so nah an die Kreise, Dreiecke und Linien heranzoomen, wie es selbst dann nicht möglich wäre, wenn man einen Kandinsky bei sich im Wohnzimmer hängen hätte.

Details aus Wassily Kandinskys Leben

Google geht auf Tuchfühlung nicht nur mit dem Werk, sondern auch mit dessen Autor. Möglich, dass viele Menschen ein oder zwei Werke von Kandinsky erkennen würden, aber wer weiß schon wirklich über den Menschen Bescheid? Wer weiß, dass er erst mit 30 Jahren beschloss Künstler zu werden?

Wer kennt die schick aussehenden Künstlerkollegen, mit denen er sich in seinen Anfangsjahren in München traf? Und wer kann sich vorstellen, wie es in seinem Hirn geklungen hat, wenn er malte? Denn das hat es!

Wassily Kandinsky und Ehefrau Nina in ihrem Garten in Dessau.Foto: Bibliothèque Kandinsky, MNAM/CCI, Centre Pompidou

Wassily Kandinsky, der am Bauhaus in Dessau „Analytisches Zeichnen“ unterrichtete, und der in seinen Schriften „Über das Geistige in der Kunst“ und „Punkt und Linie zu Fläche“ über die emotionale Wirkung von grafischen Elementen berichtete, war Synästhet. Er war in der Lage Farben und Formen als Klänge, Rhythmen und Strukturen wahrzunehmen. Seine abstrakten Gemälde kann man sich demnach nicht nur als visuelle sondern auch musikalische Kompositionen vorstellen.

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Die digitale Ausstellung rückt Kandinskys weltberühmtes, abstraktes Bild „Gelb, Rot, Blau“ von 1925 in den Mittelpunkt. „Play a Kandinsky“ (Spiel’ einen Kandinsky) heißt das interaktive Tool, das das Herzstück der Online-Präsentation bildet.

Kuratorin Angela Lampe und die Google-Kunstaufklärer haben die Pariser Elektromusiker Antoine Bertin and Nsdos damit beauftragt, die vermeintliche Musik in Kandinskys Kopf ins Heute zu übersetzen.

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Farben und Formen hören

Behilflich waren ihnen dabei ein neuronales Netzwerk – auch gerne Künstliche Intelligenz genannt, obwohl es keine ist – in das zunächst alle möglichen Musiken eingespeist wurden, die Kandinsky zu seiner Zeit gehört haben könnte, sozusagen seine persönliche Playlist.

Dazu alle Informationen, die über sein multisensorisches Empfinden vorliegen, etwa dass der Künstler das dunkle, kräftige Blau mit dem Klang einer Orgel verband, das helle warme Rot ihn an Fanfaren und Zinnoberrot an eine Tuba erinnerte. Der Algorithmus wiederum kombinierte dieses Wissen mit den experimentellen Klangkompositionen von Antoine Bertin and Nsdos, so dass das Gemälde schließlich als Musikstück hörbar wird.

Anschießend können Kunstinteressierte selbst auf dem gelben Rechteck, dem roten Kreuz und dem blauen Punkt in Kandinskys Gemälde herumdrücken, die schwarze Linie hinzuschalten oder auf die violetten und grünen Farbflächen klicken, so als würden sie einen Synthesizer bedienen.

Dabei sind den Farben und Formen bestimmte Empfindungen zugeordnet, wie Wut, Freude oder Rastlosigkeit. Das hat allerdings nur noch am Rande etwas mit Kandinsky zu tun, und sehr viel mit einem Algorithmus, der alles mögliche zusammenwirft und auf Basis unbekannter Kriterien bearbeitet. Was zumindest hängenbleibt: Gelb ist fröhlicher als Blau und gekräuselte Linien machen Stress.

Neue Einsichten. Wassily Kandinskys abstraktes Gemälde „Auf Weiss II“ entstand im Jahr 1923.Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI/Georges Meguerditchian/Dist. RMN-GP

Man spielt auf dem Gemälde wie auf einem Synthesizer

Ist man selbst kein Synästhet, kann einen dieses interaktive Experiment ganz schön kribbelig machen. Besser man widmet sich den kleinen thematischen Dossiers, die ebenfalls zur Verfügung stehen und die etwa über Kandinskys Reisen, seine Vorliebe für Ölfarben oder seine Bühnenexperimente während seiner Zeit am Bauhaus in Dessau informieren. Die Materialien aus der Bibliothèque Kandinsky sind mit Skizzen, Fotos, Manuskripten und Zeichnungen ein echter Schatz.

Natürlich lässt es sich Google Arts & Culture auch nicht nehmen, alle Gemälde, Zeichnungen und Dokumente in einem endlosen Scroll zu zeigen. Wie sie geordnet sind – keine Ahnung. Man sieht berühmte Meisterwerke neben Porträtfotos, rare Skizzen neben Familienbildern, dazwischen Nina Kandinskys Gästebuch, das ihr Ehemann mit abstrakten Farbkompositionen geschmückt hat.

Eine Entdeckung sind die Gemälde aus der frühen Zeit Kandinskys , etwa ab 1903, als er sich zwar an die Abstraktion bereits herantastete, aber noch gegenständlich malte; zum Beispiel venezianische Stadtansichten oder ein holzschnittartiges Pferd vor einer Abenddämmerung.

[Hier geht es zu Online-ausstellung: artsandculture.google.com/project/kandinsky]

Seine „Mühle, Holland“ besticht durch einen zentral platzierten Mühlenturm vor dunklem Hintergrund. Die traditionelle russische Malerei lässt hier noch grüßen, aber wie Kandinsky die kräftigen, kontrastreichen Farben einsetzt und die Landschaft hintupft, lässt bereits erahnen, dass er sich vom Gegenständlichen verabschiedenen wird. Bald wird er sich für die Theosophie Rudolf Steiner interessieren und seine faszinierende, ganzheitliche Grammatik der Farben und Formen entwickeln.