Was machst du da!

Wer sich nach einem Scheuermittel benennt, hat sicher nichts Zartes im Sinn. Als Klaus Wolf Knoebel und Rainer Giese als „Imi und Imi“ auftraten – die Marke war in den 1960er-Jahren bekannt –, wollten sie die klebrigen Reste der Kunstgeschichte von ihrer Malerei kratzen. Zuerst in Darmstadt, dann, nachdem sie von den Anfeindungen gegen den Akademieprofessor Josef Beuys erfuhren, natürlich in Düsseldorf bei Beuys selbst.

Was Knoebel und den 1974 verstorbenen Giese damals verband, war ihr Interesse an jenem alten, für viele überholten Medium. Während ihr Lehrer in Kassel Eichen pflanzte oder in New York zum Dialog mit einem Kojoten lud, experimentierten seine Studenten mit Farbe, Pinsel und Maluntergründen. Der Impuls allerdings war hier wie dort ähnlich avantgardistisch: Wenn das Malen nicht länger der Abbildung von Realität dient, dachten die Imis, lassen sich damit andere interessante Dinge machen.

Knoebel, 1940 in Dessau geboren und als Jugendlicher mit seiner Mutter in den Westen gekommen, entschied sich für die Deklination der künstlerischen Mittel. Seine Sprache ist geometrisch, basiert auf Streifen, Rechtecken, Gittermustern.

Als Gegenspieler entzündet die Farbe ein visuelles Feuerwerk. In lichtem Gelb, streifigem Pink, Knallblau, Mennigerot, selten Schwarz. Der Künstler verfügt über hunderte von abgestuften Tönen, die er nach einem individuellen System verwendet. In vielteiligen Werken wie „Genter Raum“ oder „Raum 19“, eine Installation von 1968 aus braunen Hartfaserplatten, denkt er dazu über die skulpturale Expansion von Farbe nach.

Damit ist der Künstler weit gekommen. Wenn Knoebel Silvester seinen 80. Geburtstag feiert, blickt er nicht bloß auf ein reiches, stets wiedererkennbares Oeuvre, das sich in Museen wie privaten Sammlungen findet. Hinzu kommen große Ausstellungen, vier Teilnahmen an der renommierten Kasseler Documenta, eine Auftragsarbeit für den Deutschen Bundestag von 1997, internationale Anerkennung und neun gläserne Fenster in der Kathedrale von Reims.

Es geht vor allem um Farbe

Drei davon sind ein Geschenk der deutschen Regierung an Frankreich, im Gegenzug gab es für Knoebel vor fünf Jahren die Ehrenbürgerschaft jener französischen Stadt, in der die einst verfeindeten Nationen 1962 durch Charles de Gaulle und Konrad Adenauer ihre Aussöhnung feierten.

Ein künstlerischer Staatsauftrag, für den Knoebel keineswegs zum Staatskünstler geworden ist: Seine Arbeit ehrt oder überwölbt nichts und bleibt ohne Zugeständnisse, was ihre Verständlichkeit anbelangt. Sicher lässt sie sich als reines Farbspektakel genießen.

Doch darunter verbirgt sich eine zweite Lesart, in der es um Struktur, Konstruktion und Gesetzmäßigkeiten geht – auch und vor allem der Farbe. Imi Knoebel ist alles andere als ein malender Berserker, sein Werk feiert die Analyse, das Ergebnis ist ebenso ästhetisch wie hermetisch.

Seine Frau agiert als Sprecherin für Knoebel

Auch sonst liebt der Künstler die Kontinuität. Er lebt seit Jahrzehnten in Düsseldorf, wo seine Frau Carmen in den Siebzigern den legendären „Ratinger Hof“ führte. Eine Kneipe nahe der Kunstakademie, in der die Bandmitglieder von Kraftwerk neben Jörg Immendorff und dem Schriftsteller Thomas Kling saßen.

Bis heute agiert Carmen Knoebel als Sprecherin ihres Mannes, der lieber weiterarbeitet als redet. Seine jüngste Ausstellung im Oktober in der Frankfurter Galerie Bärbel Grässlin, die Knoebel seit über drei Jahrzehnten vertritt, hielt denn auch Neues im Vertrauten bereit: Acrylbilder, die das strenge Rechteck der Hartfaser- und Aluminiumplatten verlassen.

„Was machst du“ hieß die Schau, und weil der Künstler auf Satzzeichen verzichtet, kann man den Titel als Frage wie Ausruf lesen. Was er tut, hat Knoebel stets offengelegt, jeder kann es sehen und interpretieren.

Im Imperativ lesen sich die Worte, als sei er selbst von den neuen Kreationen überrascht. Was machst du da! Bilder, organisch geformt wie Barbapapas und mit gestischer Malerei bedeckt. Dass aber Knoebel nun die Kontrolle über sein Werk abgibt und wild zu malen beginnt, ist ähnlich unwahrscheinlich wie eine späte Hinwendung zum Blumenstillleben.