Was Joseph Beuys heute einem karibisch-amerikanischen Maler zu sagen hat

Alvaro Barrington, der Titel Ihrer Ausstellung in der Pariser Galerie Ropac zitiert eine Zeile aus einem Song des kanadischen Rappers Drake. Zwei Werke der Schau haben Sie Superstars des Hip-Hop gewidmet, Tupac Shakur und Notorious B.I.G. Was verdanken Sie diesem überaus populären Soundstil?

Fast alles. Diese Musik liefert mir meine energetischen Impulse. Der Sound einer Ära war für bildende Künstler schon immer eine wichtige Inspirationsquelle. Zum Beispiel für Henri Matisse, dem ich ebenfalls eine Arbeit widme. In den dreißiger Jahren besuchte er die schwarzen Clubs in New York und begeisterte sich für Jazz. Die Linien seiner späten Zeichnungen improvisieren Rhythmen und Klänge. Der eigentliche Sound von Paris ist der Jazz für mich, das habe ich gespürt, als ich jetzt dort war. Mit den Gemälden meiner Ausstellung versuche ich, Musik zu malen. Das zweite, damit verknüpfte Thema ist der Lockdown.

Wie taucht er in den Bildern auf?

Es war interessant zu beobachten, wie viele Freunde die Zeit der Isolation damit verbrachten, an sich selbst zu arbeiten. Dinge zu tun, die sie bisher hinausgeschoben hatten wie Drehbücher schreiben, Yoga machen, kochen, komponieren. Bei sich sein, jeder in seiner eigenen Zone. Wie für sich allein tanzen. Auch dazu gibt es einige Bilder.

Sie mixen Figuration und Abstraktion und verknüpfen unterschiedliche Materialien und Techniken: Zement, Rupfen, Seide, Samt und Sticken, Nähen, Malen, Zeichnen. In Grenada in der Karibik, wo Sie – 1983 in Venezuela geboren – die ersten acht Jahre bei Ihrer Großmutter verbrachten, gab es in den späten sechziger Jahren Dub. Das ist ein Genre der elektronischen Musik, entstanden aus dem Reggae, bei dem es um den Remix von Melodien und Rhythmen geht. Entspricht das Ihrer Arbeitsweise?

Ja, aber ich bin ein Kind des Hip-Hop, der mächtigsten popmusikalischen Bewegung des Globus. Als ich acht Jahre alt war, zog ich mit meiner Mutter nach Flatbush in Brooklyn, New York. Beim Rap geht es ebenso um Sampling und Mixing. Es stimmt, die Kultur der schwarzen Musik – Soul, Funk, Reggae, R & B – ist die eine Lizenz, die ich habe. Gleichzeitig befinde ich mich in einem ständigen Zwiegespräch mit der Kunst und ihrer Geschichte. Nehmen Sie noch einmal Matisse: Er hörte Jazz, gleichzeitig beschäftigte er sich mit chinesischer Kalligraphie und Tuschemalerei und fragte sich, wie er diesen Sound und diese Ästhetik verbinden könnte, die sich für ihn einander zugehörig anfühlten.

Sie erwähnen auch Künstlerinnen wie Louise Bourgeois oder Helen Frankenthaler als Referenzen für Ihre Arbeit.

Durch ihre Kunst lerne ich, ihre Menschlichkeit zu verstehen. Für Frankenthaler, die jüdisch war wie Lee Krasner, Mark Rothko oder Philip Guston, war Kunst machen ein Akt, sich zu beweisen, dass sie überlebt hatte. Der abstrakte Expressionismus nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war in gewisser Weise eine existentialistische Bewegung. Die Künstler lebten in der Natur, in den Bergen, am Meer, sie inszenierten ihre Kunst als Drama und fühlten sich so lebendig.

Wollen Sie mit Ihrer Ausstellung auch zeigen, dass schwarze Kultur eine zentrale Rolle in der Kunstgeschichte spielt?

Grundsätzlich ist jede Kultur ein wesentlicher Teil der Kunstgeschichte, auch die Kultur in einem winzigen Dorf im Amazonas. Die Menschen dort wissen vielleicht nicht, wer Michelangelo war, aber sie leben ihre jeweilige Kultur, und diese ist Teil der Kunstgeschichte.

Ich unterscheide nicht zwischen high und low, zwischen elitärer und populärer Kunst. Für mich geht es in jeder Kultur und jeder Kunstform um einen Austausch. Darum, eine Konversation zu starten. Es gibt den weit verbreiteten Irrtum, Künstler würden als Genies mit universellen schöpferischen Kräften geboren. Das ist so weit weg von der Wahrheit!

Mit den Worten von Joseph Beuys, der im Mai seinen 100. Geburtstag feiern würde: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“

Genau! Beuys ist einer meiner philosophisch-künstlerischen Giganten. Er hat mein Verständnis von Kunst als gelebtem Prozess geprägt. Kunst muss kein Bild an der Wand sein, es kann auch die Gründung einer grünen Partei bedeuten. Wir Künstler sind Teil der kulturellen Imagination der Welt, uns prägen die gleichen Wahrnehmungen und Eindrücke. Beuys revolutionärer Satz gilt mehr denn je. Jeder hat das Recht, kreativ zu sein.

Von der afroamerikanischen Künstlerin Kara Walker stammt der Satz: „Was immer ich tue, es ist politisch.“ Gilt das auch für Sie?

Alles was ich tue, hat politische Konsequenzen. Das gilt für jeden von uns, wir machen es uns nur zu wenig bewusst. Ein Gemälde meiner Schau, „Back that azz up (Black dress)“ zeigt eine Frau in einem schwarzen Cocktailkleid, eine Freundin. Während Corona kann sie nicht ausgehen, also trägt sie das Kleid für sich selbst. Auch das ist ein politisches Statement.

Leider gibt es wieder mehr abscheulichen Rassismus. Alvaro, haben Sie ebenfalls Diskriminierung erlebt?

Ja. In den achtziger und frühen neunziger Jahren gab es diese verheerende Crack-Epidemie in den USA mit Massenverhaftungen. Ich war ein Kind in Brooklyn und musste erleben, wie Freunde und Nachbarn, manche erst zwölf, dreizehn Jahre alt, als Kriminelle zu bis zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt wurden! Anstatt ihnen zu helfen, sie zu heilen! Das hat mich zutiefst verstört. In Amerika gibt es diese unmenschliche Art der Massenverhaftung von Menschen anderer Hautfarbe, die in systemischem Rassismus wurzelt. Andererseits: Dass ich in einem Milieu aufgewachsen bin, in dem ich um mich herum Brutalität und Morde erlebt habe, hat mir geholfen, niemanden vorzuverurteilen.

Wie finden Sie die Ankündigung des New Yorker Galeristen David Zwirner, eine neue Galerie mit Ebony L. Haines als Direktorin und einem ausschließlich schwarzen Team zu eröffnen?

Ein komplexes Thema. Wussten Sie, dass schwarze Frauen in den USA zur Bevölkerungsgruppe mit dem am schnellsten wachsenden Wohlstand zählen? Es könnte sein, dass Galeristen in ihrem Business bisher zu wenig dafür getan haben, solche Frauen – und natürlich auch Männer – einzubeziehen.

Noch einmal zurück zu Beuys und gleichzeitig zu den derzeit so gehypten digitalen Echtheitszertifikaten, den NFTs oder non-fungible tokens. Sie ermöglichen, dass unter eine Vielzahl identischer Kopien nur eine einzige Datei als Original gelten kann. Von vielen werden sie als Wunderwaffen gepriesen, die den Markt und vor allem die kreative Produktion demokratisieren. Glauben Sie das auch?

Dieses NFT-Ding ist ein brandneues System, mit dem digitale künstlerische Werke direkt bezahlt werden können. Das würde dann tatsächlich eine Demokratisierung kreativer Produktionen à la Beuys bedeuten und wäre ein Durchbruch. Aber ich glaube, wir befinden uns im Augenblick in einer Blase. Derzeit verkauft Twitter-CEO Jack Dorsey seinen allerersten Tweet als non-fungible token auf der Plattform Valuables. Das höchste Gebot vor einigen Tagen lag bei 2,5 Millionen Dollar.

[Die Ausstellung „You don’t do it for the man, men never notice. You just do it for yourself, you are the fucking coldest“ von Alvaro Barrington ist bis zum 17. 4. in der Pariser Dependance der Galerie Thaddaeus Ropac zu sehen. Informationen und Anmeldung unter, www.ropac.net]

Aber wird man sich in 15 Jahren noch an Twitter erinnern? Genau wie das soziale Netzwerk Myspace. Jeder dachte, es wäre das größte Ding im Internet, aber benutzt es noch jemand? Vielleicht passiert dasselbe bald mit Instagram, wer weiß? Bei den NFTs frage ich mich auch nach dem Kunstbegriff.

Sie könnten eines Ihrer Werke dort präsentieren.

Das muss sich entwickeln. Ich bin sehr an allem Digitalen interessiert. Die kreativsten Köpfe derzeit kommen aus dem Silicon Valley. Aber das Internet ist zur größten Überwachungsmaschinerie des globalen Kapitalismus geworden. Wir sind die Künstlergeneration, die die Kontrolle über das Digitale zurückgewinnen muss. Wir müssen das Internet als Freiraum zurückerobern.