Was bedeutet das für Künstler, Kinos und das Publikum?

Kein roter Teppich vor dem Berlinale-Palast am Potsdamer Platz, keine fröstelnden Stars, keine glamouröse Bären-Verleihung, zum ersten Mal in der 71-jährigen Geschichte von Berlins jährlich größtem Kulturereignis gibt es einen Februar ohne Berlinale: Die Absage des Publikumsfestivals, das vom 11. bis 21.2. geplant war, steht jetzt fest. Sie war überfällig angesichts der anhaltend hohen Corona-Infektionszahlen. Und ist dennoch ein schmerzlicher Gedanke. Hilfe, was erwartet die Berliner Filmfans jetzt 2021?

Was ist statt der Berlinale geplant?

Ein digitales Branchen-Event für die Online-Akkreditierten des European Film Market. Dies hatte zuerst das Branchenblatt „Variety“ berichtet. Es soll vom 1. bis zum 5. März stattfinden. Die Berlinale wird ein „Line up“ bekanntgeben, die Liste der ausgewählten Filme, damit diese es bei ihrer Vermarktung leichter haben. Es soll auch einen Wettbewerb geben, zunächst unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Neben den Filmeinkäufern und Weltvertrieben wird auch eine Jury die Bären-Kandidaten sehen und Preise vergeben. Offen ist die Frage, ob Medienvertreter die Filme als Streamings sehen können. Das muss nicht zuletzt mit den Rechteinhabern der Produktionen geklärt werden.

Fest steht außerdem, dass in der ersten Junihälfte ein Publikumsfestival ausgetragen wird, in den Open-Air-Kinos und Filmtheatern der Stadt. Die Preisträgerinnen und Preisträger reisen an, erhalten jetzt erst ihre Bären. Nicht nur Wettbewerbsfilme werden im Juni zu sehen sein, sondern auch Filme aus anderen Sektionen. Wobei die Berlinale sie nicht über Monate in Geiselhaft nehmen möchte. Je nachdem, wann die Kinos wieder öffnen, sind Filmstarts von Berlinale-Titeln auch vor dem Juni möglich.

Mit dem Sommer-Event bekennt sich die Berlinale zu ihrer Geschichte als einem der weltweit größten Besucherfestivals . Das Publikum ist der Star, das Motto hatte der 2019 scheidende Festivaldirektor Dieter Kosslick ausgegeben. Eine Sommer-Berlinale ist übrigens nichts Neues: Von ihrer Gründung 1950 an bis 1977 fand sie im Juni/Juli statt. Laue Nächte, heiße Debatten, Berlinale-Veteranen kennen das noch. Gut möglich, dass Filmfans dann auch aus Rest-Deutschland und dem Ausland anreisen. Vor allem soll es jedoch ein Festival für die Berliner werden.

Welche Kriterien haben zu der Entscheidung geführt?

Sie haben gerungen, der neue künstlerische Leiter Carlo Chatrian, Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und der Bund als Hauptgeldgeber. Jede Verschiebung, jedes Online-Format ist kostspielig, bedeutet ein Minus bei den Einnahmen, verlängerte Verträge und Mehrkosten. Da ist dann der Bund gefragt, der vor lauter Corona-Care-Paketen kaum hinterherkommt. Man sei im engen Austausch gewesen, habe sich intensiv abgestimmt, erklärt Rissenbeek gegenüber dem Tagesspiegel. In welcher Höhe der Bund die jetzige Lösung mitfinanziert, wird noch verhandelt. Auch mit den Sponsoren ist das Festival im Gespräch.

„Der Filmmarkt kann nur Anfang des Jahres positioniert werden, wenn er der Branche nützen soll“, sagt Rissenbeek weiter. „Wichtig war uns gleichzeitig die Planungssicherheit für ein Publikums- Event, denn die Berlinale und das Berliner Publikum sind eng miteinander verbunden. Der Juni schien uns der frühestmögliche Zeitpunkt für größere Publikumsveranstaltungen.“ Natürlich sei eine Trennung von Publikum und Branche nicht ideal, aber die Alternative hätte gelautet, das gesamte Festival abzusagen.

Das Leitungsduo wollte beide Interessen berücksichtigen, die der Filmschaffenden und die des Publikums. Bei der Berlinale mit ihrem Filmmarkt ist dies eng ineinander verzahnt. Die Weltpremiere eines Films führt je nach Publikumsresonanz zu entsprechenden Verkäufen und Verleih-Interesse. Festivals pushen Filme in die Öffentlichkeit, in die Kinos und auf andere, kleinere Festivals.

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„Es ist eine Herausforderung, die beiden voneinander zu trennen und die Filme im März auf dem Markt zu präsentieren, vielleicht auch Medienvertretern. Das diskutieren wir noch“, betont Carlo Chatrian am Telefon. „Im Juni laufen die Filme dann im Rahmen des Sommerfestivals im Kino. Es ist ein neues Konzept, dem nicht zuletzt die Rechteinhaber der Filme zustimmen müssen. Und wir bitten das Publikum um etwas Geduld. Wir versprechen ihm dafür eine tolles Sommer-Event.“ Denn wir alle bräuchten die reale Begegnung, sagt Chatrian. Da sei es besser, ein bisschen zu warten. „Damit wir das Filmerlebnis im Kino beim Sommer-Event in vollen Zügen und angstfrei genießen können.“

Hat das Publikum genug Geduld bis zum Juni und kann dafür dann ein echtes Festivalerlebnis genießen? Hilft es den Filmen, lediglich die Rückendeckung von Fachbesuchern zu haben? Ein riskantes Experiment.

Welche Optionen waren im Gespräch?

Auch eine Verschiebung in den April wurde erwogen. Aber keiner weiß, wann die Impfungen eine Normalisierung des gesellschaftlichen Lebens erlauben. „Wir haben eine Verantwortung als Festivalmacher, dürfen die Gesundheit der Besucherinnen und Besucher nicht gefährden und müssen auf die Finanzen achten, deshalb war der April am Ende nicht möglich“, so Carlo Chatrian. Das Risiko war zu groß, dass kurzfristig nochmals abgesagt oder verschoben werden muss. Eine Verschiebung auch des Filmmarkts in den Sommer ist wiederum für die Branche unattraktiv. Auch weil Mitte Mai das Festival von Cannes im Kalender steht. Der dortige Direktor Thierry Fremaux hat bereits angekündigt, in den Juli oder den August zu wechseln, falls der traditionelle Termin nicht zu halten sein wird.

Welche Folgen hat die ausgebremste Berlinale für die Filmbranche?

Die Lage ist dramatisch. Filmproduktionen sind gestoppt, Verleihfirmen können kaum noch überleben vor lauter Startverschiebungen. Alleine die deutschen Kinos rechnen dieses Jahr mit einem Gesamtverlust von einer Milliarde Euro. Mit 120 Millionen Euro unterstützt das „Neustart Kultur“-Programm des Bundes die Filmwirtschaft, ein Tropfen auf den heißen Stein. Und Festivals als Startrampen sind besonders wichtig, wenn sich die Corona-Lage im nächsten Jahr normalisiert. Denn der Filmstau wird gewaltig sein.

„Die Februar-Absage ist tragisch, aber vernünftig“, sagt Yorck-Kino-Geschäftsführer Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kino. „Der April wäre unser Favorit gewesen, die Festivals in Venedig oder Salzburg haben ja auch unter Corona-Bedingungen funktioniert.“

Aber auch Bräuer versteht, dass das Risiko zu hoch wäre. Er betont die Sprungbrettfunktion der Berlinale, gerade für den Arthouse-Markt. Auch Preise seien zwar keine Erfolgsgarantie, „aber eine große Chance, sie schaffen Aufmerksamkeit“. Filme wie Christian Petzolds „Undine“ oder Faraz Shariats „Futur 3“ sind auch dank der Berlinale trotz Corona sehr gut im Kino gelaufen.

Von einem Online-Wettbewerb unter Ausschluss der Öffentlichkeit hält Bräuer nicht viel. Für die Schubwirkung „braucht es den roten Teppich, den Glamour, das große Publikum und die Berichterstattung“. Lieber ein zwar kleineres, aber ansehnliches Sommer-Festival. „Dann muss es krachen, das hilft auch den Filmen und den Kinos: ein tolles Event, drinnen und draußen, bei dem die Filme, die Berliner, das Publikum und die Kinos gefeiert werden“, sagt der Verbands-Vorsitzende.

Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und der künstlerische Leiter Carlo Chatrian erklären die Absage.Foto: REUTERS/Annegret Hilse

Wie haben andere Filmfestivals auf die Coronakrise reagiert?

Nachdem die 70.Berlinale am 1.März 2020 mit dem Publikumstag zu Ende ging, an genau dem Tag, als in Berlin die erste Covid-Infektion gemeldet wurde, kam es zu zahlreichen Festivalabsagen. Cannes-Chef Thierry Fremaux zögerte bis zuletzt, musste dann aber canceln. Als weltweites Filmkunstereignis Nummer eins gab Cannes eine Art Zertifikat aus. 56 Filme erhielten das Siegel „Cannes 2020 Official Selection“, darunter Werke von Wes Anderson, Steve McQueen und Thomas Vinterberg. Auch Oskar Roehlers Fassbinder- Biopic „Enfant terrible“ war dabei. Kaum beachtet von der internationalen Öffentlichkeit präsentierte Cannes Ende Oktober zudem ein Mini-Ersatzfestival im Palais du Cinéma, mit vier Produktionen aus der offiziellen Auswahl, dazu Kurz- und Nachwuchsfilmen. Ein symbolischer Akt.

Venedig konnte nach den Lockerungen im Sommer analog ausgetragen werden, mit weniger Filmen in mehr Sälen, weniger Stars und weniger Fachpublikum, das überwiegend aus Europa anreiste. Das Festival im kanadischen Toronto, das ohne Wettbewerb über die Bühne geht, aber ähnlich viele Zuschauer anlockt wie Berlin, präsentierte eine Ausgabe im XS-Format mit 50 statt sonst 300 Filmen, ebenfalls im September.

Kleinere Festivals, vom Münchner Dokumentarfilmfest über die Hofer Filmtage und DokLeipzig bis zum Ophüls- Fest demnächst im Januar in Saarbrücken wurden und werden entweder komplett ins Netz verlegt oder experimentieren mit hybriden Formen. Locarno, wo Chatrian bis 2018 als Direktor fungierte, mischte Kinoangebote fürs lokale Publikum mit Streamings für Auswärtige.

Wie steht die Berlinale zur Zeit da?

480000 Kinobesuche, davon 330000 verkaufte Tickets und Besuche von 18500 Fachbesucherinnen und Fachbesuchern aus 132 Ländern listet die 70. Berlinale auf, dazu knapp 3500 Medienvertreter. Das Interesse am Festival ist ungebrochen hoch. Dreizehn Sektionen zeigten 340 Filme in 1100 Vorführungen, in den Wettbewerben, im Panorama, dem Forum, die Kinder- und Jugendfilmreihe „Generations“, bei den „Shorts“ oder „Berlinale Goes Kiez“. Die Berlinale, das sind viele Festivals unter einem Dach.

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Das Thema der für 2021 geplanten Retrospektive wurde bereits im Oktober veröffentlicht . „No Angels“ will das komödiantische Oeuvre der drei US-Schauspielerinnen Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard präsentieren. In Krisenzeiten braucht der Mensch gute Laune, da ist eine Reihe mit Screwball-Comedies eine gute Idee. Vielleicht wird sie ihm Frühjahr gezeigt, wenn die Kinos wieder öffnen können, vielleicht auch beim Juni-Event, das steht noch nicht fest.

Das Jahresbudget des Festivals betrug zuletzt 27,2 Millionen Euro. Zehn Millionen Euro steuerte der Bund bei, der Rest fließt über Ticketverkäufe, Merchandising und Sponsorengelder in die Kasse.

Mit welchen Herausforderungen ist die Berlinale-Spitze konfrontiert?

Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek hatten keinen leichten Start nach ihrem Amtsantritt im Sommer 2019. Nachdem die Reduktion der Filmanzahl von rund 400 auf 340 Titel begrüßt worden war, folgte der Eklat um Gründungsdirektor Alfred Bauer Ende Januar 2020. Über Medienberichte wurde bekannt, dass der erste Chef der Berlinale ein engagierter Nationalsozialist war.

Die Berichte wurden inzwischen durch ein wissenschaftliches Gutachten bestätigt – und damit auch die Versäumnisse des Festivals (und der Stiftung Deutsche Kinemathek) bei der eigenen Geschichtsschreibung. Der nach Bauer benannte Festivalpreis heißt jetzt anders. Chatrian hat sich allerdings bis heute nicht öffentlich zu dem Gutachten geäußert – seltsam für einen Künstlerischen Direktor. Spätestens auf der Berlinale 2021 hätte man eine Äußerung dazu erwartet, eine öffentliche Auseinandersetzung.

Die Einführung von „Encounters“, einem zweiten Wettbewerb mit eigener Jury neben der Bären-Auswahl, war bei der 70. Berlinale auf ein gemischtes Echo gestoßen, da die Reihe den Hauptwettbewerb schwächt. Kritisch fiel auch die Reaktion auf die Ankündigung aus, als erstes großes Festival die Darsteller-Preise nicht mehr nach Geschlechtern getrennt, sondern genderneutral zu vergeben und dafür einen Preis für die beste Nebendarstellung einzuführen. Von einem Bärendienst an den Frauen war die Rede.

Schließlich das Sponsoren-Problem. Im ersten Jahr war es Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek gelungen, nach dem Ausscheiden diverser Partner neue Sponsoren zu finden. Die Pandemie macht das nun fast unmöglich. Dass der Auto-Sponsor Audi seinen Ausstieg bekannt gab, ist eigentlich keineswegs eine Katastrophe; die Fuhrpark-Partner des Festivals wechseln immer mal wieder. Aber bislang wurde kein Nachfolger für Audi bekanntgegeben. Keine Berlinale im Februar, da braucht es nun auch keine Autos: Was für ein bitterer Trost.