Warum wir eine Klimakulturpolitik brauchen

Für Joseph Beuys, dessen Geburtstag sich 2021 zum hundertsten Mal jährt, wäre vermutlich jeder Mensch ein Klimaschützer oder eine Klimaschützerin. Oder könnte es zumindest sein.

Natürlich tragen wir alle Mitverantwortung für die Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Doch wie viele Zukunftsthemen leidet auch der Klimaschutz darunter, dass innerhalb der Politik und Verwaltung immer nur die Anderen tätig werden sollen.

Museen verbrauchen Unmengen von Energie

Die eigentliche Zuständigkeit wird entweder an Fachbehörden delegiert oder als Querschnittsthema ins administrative Nirgendwo abgeschoben. Die Pariser Klimaziele besagen etwas anderes, nämlich dass unsere Gesellschaft in Gänze klimaneutral werden muss und das möglichst bis 2035. Diese Messlatte kann kein Sektor unterlaufen, auch nicht die Kultur.

Aber bislang hat die deutsche Kulturpolitik am Klimaschutz herzlich wenig Interesse gezeigt. Dabei müsste sie im Sinne der Bewahrung und Neuinterpretation des kulturellen Erbes eigentlich eine Expertin für jede Form der Nachhaltigkeit sein.

Hinzu kommt, dass unser Kulturleben auch für die Reduktion von CO2-Emissionen „systemrelevant“ ist. Das beweist schon das Beispiel der Gebäudeenergie als einem der bedeutendsten Treibhausgas-Emittenten: Erst vor wenigen Wochen hat Stefan Simon, Direktor des Rathgen-Forschungslabors, im Tagesspiegel dargelegt, warum Museen zu den größten Energie-Schleudern überhaupt gehören.

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Allein der jährliche CO2-Ausstoß der Stiftung Preußischer Kulturbesitz entspricht mit 30.000 Tonnen etwa sechs Prozent des Jahresverbrauchs von Osttimor oder Burundi.

Notwendige Standards bei der Konservierung empfindlicher musealer Objekte mögen das eine sein. Etwas anderes sind die fragwürdigen Auflagen von Versicherungen im internationalen Leihgaben-System oder der Neubau vollklimatisierter Museen, die den maximalen architektonischen Effekt durch minimale Energieeffizienz erzielen.

Im Klassik-Tourbetrieb galt Klimaschutz lange als obsolet

Zumal einige Museumsleute zeigen, dass es auch anders geht. Mit der Ausstellung „Down to Earth“ wurde letzten Herbst im Gropius Bau der Praxistest gewagt: Kann die Präsentation von Bildender Kunst heutzutage überhaupt noch „unplugged“, also gänzlich ohne Energieverbrauch funktionieren?

Ja, sie kann, aber der Selbstversuch offenbart die Aporien eines Systems, das sich in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter technisiert und ökonomisiert hat – und auf einmal feststellt, dass es ebenso wie unser Planet die Grenzen des Wachstums überschreitet.

Auch im Musikbereich macht man sich darüber Gedanken, wie es um den eigenen ökologischen Fußabdruck steht. Vladimir Jurowski, Chefdirigent vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, setzt sich als einer von vielen kritisch mit einem Tourneebetrieb auseinander, in dem Klimaschutz bis vor kurzem ziemlich egal schien.

Daniel Wesener, geboren 1975 in Hamburg, ist parlamentarischer Geschäftsführer und kulturpolitscher Sprecher der Grünen im…Foto: Birte Zellentin/Grüne Fraktion Berlin

Zwar ist das schwedische Konserthus Helsingborg noch recht alleine mit seiner Entscheidung, Gastspiele nur noch via Zug und Schiff zu bestreiten. Doch die Coronakrise dürfte eine Entwicklung beschleunigen, in der ein Kultur-Jetset unter Rechtfertigungsdruck geraten ist.

Droht nun das Ende jeden Kulturaustauschs, ja ein Rückfall in die künstlerische Isolation? Quatsch. Manch Gastspiel-Hopping, das einige Orchester zwischenzeitlich betreiben, hat mit Transkulturalität etwa so viel zu tun, wie der durchschnittliche Preis einer Flugreise mit ihren realen ökologischen Kosten.

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Die staatliche Kulturförderung ist daran keineswegs unschuldig, denn das interkontinentale Reisegeschäft macht einen relevanten Anteil an der Gesamtfinanzierung vieler Orchester- und Theaterbetriebe aus. Im Wirtschaftsplan der Schaubühne sind die Gastspielerlöse in 2021 mit 2,2 Millionen Euro angesetzt, was immerhin knapp zehn Prozent ihres Gesamtetats als Einnahmevorgabe durch das Land Berlin ausmacht.

Nicht nur die Kulturschaffenden oder das internationale Publikum müssen sich also überlegen, was uns Klimaschutz im Kulturbetrieb wert ist, sondern auch die staatliche Kulturförderung.

Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit

Die Beispiele zeigen: Die Art, wie wir Kultur erleben oder Kulturveranstaltungen organisiert sind, steht im Zeichen der Klimanotlage ebenso infrage, wie unsere Weise sich fortzubewegen oder zu ernähren. Zugleich stellen Kulturschaffende und die Kulturszene selbst unter Beweis, dass es klimafreundliche Alternativen zu herkömmlichen kulturellen Formaten und den Logiken des Eventtourismus gibt.

Die Initiative der Grünen Bundestagsfraktion für ein „Green Cultural Desk“ zielt darauf ab, dergleichen Initiativen zu bündeln und zu verstärken. Das wäre, kombiniert mit einer Neuausrichtung von Förderkulissen, ein Anfang.

Warum sollten die versprochenen Konjunkturmaßnahmen des Bundes und der „Green Deal“ der neuen EU-Kommission nicht auch einen Schwerpunkt in der energetischen Ertüchtigung von Kulturorten oder der gezielten Förderungen von kulturellen Nachhaltigkeitsprojekten haben? Das wären Zukunftsinvestitionen, die diesen Namen auch verdienen.

Mit dem Vorschlag, einen Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit einzurichten, der unter anderem von Berlins ehemaliger Kultursenatorin Adrienne Goehler entwickelt wurde, kommt eine weitere Dimension einer neuen „Klimakulturpolitik“ hinzu.

Gesellschaftliche Transformation funktioniert nicht ohne Kreativität und Innovation, Reflexion und Widerspruch. Es sind Kunst und Wissenschaft, die diesen Wandel in Sprache und Bilder, Erkenntnisse und Handlungen übersetzen. Klimaschutz als eine Änderung von Strukturen, Denkmustern und Verhaltensweisen kann nur erfolgreich sein, wenn er Teil der Kultur wird.