Warum Richard Wagner Popkultur und Kunst so inspirierte

Noch ein Buch über Wagner und ein so beängstigend umfangreiches zumal? Auf das neue Werk des US-amerikanischen Musikkritikers Alex Ross hat wohl niemand gewartet. Die Erforschung des Bayreuther Meisters hat ihre größten Defizite inzwischen beglichen, vor allem die Verharmlosung von Wagners ideologischer Brisanz und die vom Wagner-Clan befeuerte Legendenbildung.

Indem das Thema ausgespart wurde, blieb Hitler viel zu lange der dominierende Stammgast auf dem Grünen Hügel. Dabei war die Welt schon seit 1876 nach Bayreuth gepilgert, vor allem, solange das Festspielhaus der einzige Ort war, an dem der „Parsifal“ erklingen durfte. 1914 endete das Exklusivrecht, kurz darauf fiel die alte Welt in Trümmer.

Es ist „der Einfluss eines Musikers auf Nicht-Musiker“, dem Ross auf gut 900 Seiten nachspürt. Klar, Wagner habe auch die Musikgeschichte geprägt, räumt der Autor ein, doch nicht mehr als Monteverdi, Bach oder Beethoven.

„Aber sein Einfluss auf andere Kunstformen war beispiellos und ist seither nicht wieder erreicht worden, auch nicht im Bereich der populären Kunst“, führt Ross aus. „Die größte Faszination übte er auf Vertreter der ,stummen Künste’ aus – auf Romanschriftsteller, Dichter und Maler, die ihn um die kollektiven Gefühlsausbrüche beneideten, die er im Klang entfesseln konnte.“

Unter dieser Prämisse beginnt der Autor des „New Yorker“ eine beispiellose Sammlung von Hinweisen und Querverbindungen. Sein unschätzbarer Vorteil: Er muss nichts beweisen, keine These argumentativ ins Ziel tragen. Er darf sich an allen Fundstücken erfreuen, aus denen, manchmal auch mit etwas Fantasie, ein Einfluss Wagners spricht.

Wagner ist besonders beliebt bei Frauen

Doch Ross springt nicht gleich davon zur wilden Blütenlese. Das Buch beginnt mit dem Tod des Komponisten in Venedig. Er stirbt am Canal Grande an einem Herzinfarkt, während er in rosa Spitzenunterwäsche über die Emanzipation der Frau nachdenkt, Cosima spielt im Nebenzimmer Schubert. Viele Seiten später, als Wagners Rezeption unter Schwulen und Lesben beleuchtet wird, bringt Ross den Komponisten als veritablen Crossdresser ins Spiel.

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Wieder an anderer Stelle zitiert er die Anarchistin Emma Goldman, die bemerkt, dass „mehr Frauen als Männer Wagners Musik hören und ihn auch verstehen“. Sie vermutet, dass „der elementare schrankenlose Geist der Musik Wagners Frauen hilft, die aufgestauten, erstickten und verborgenen Gefühle der Seele freizusetzen“.

Tatsächlich belegen die frühen Gästelisten Bayreuths den regen Besuch von Frauengruppen, vor allem aus den USA. Meist hörten sie den entsagungsreichen „Parsifal“, von dem es hieß, er mache jeden Menschen besser.

Wagner inspiriert auch US-amerikanische Bürgerrechtler

Der afroamerikanische Autor und Bürgerrechtler W.E.B. Du Bois besuchte 1936 den Grünen Hügel. Ausgerechnet in Nazideutschland fühlte er sich nicht als Schwarzer diskriminiert. Sein Buch „The Souls of Black Folk“ enthält eine erschütternde literarische Erzählung über den Rassismus in den USA, zu der „Lohengrin“ mehr als nur die Begleitmusik liefert: Je mehr der Schwarze John sich bildet, desto stärker spürt er die alltägliche Unterdrückung.

In New York besucht er ein Konzert, und während des „Lohengrin“-Vorspiels hebt sich der Schleier seines Bewusstseins: „Eine tiefe Sehnsucht schwoll in seinem Herzen, sich mit dieser klaren Musik aus dem Schmutz und Staub des niederen Lebens zu erheben.“

Doch das Glück währt nur kurz, ein weißer Freund aus Kindertagen lässt John aus dem Konzert werfen. Später sorgt dieser Sohn eines Richters dafür, dass John seine Schule schließen muss, weil er dort für Rassengleichheit eintritt, und versucht, dessen Schwester zu vergewaltigen. Voller Wut tötet John den ehemaligen Spielkameraden, dann erwartet er den reitenden Lynchmob, die Klänge des „Lohengrin“ im Kopf.

Zwischen Wagner und seinen Anhängern entstand ein Riss

Es sind Fundstücke wie diese, die Ross’ Buch faszinierend machen. Die klassischen Spannungsfelder referiert er ohnehin schlüssig: die zwischen Liebe und Verachtung pendelnde Kritik Nietzsches, das tückische Amalgam von Wagners Antisemitismus und in einem treffsicheren Doppelporträt von Heinrich und Thomas Mann die Größe und das Unbehagen an Wagner.

Der exzentrische französische Wagnérisme trifft auf die hüftsteife Begeisterung im viktorianischen England für „The Meister“, während in Russland die Revolution mit Siegfried zu Grabe getragen wird. In der Schweiz serviert man „wagnerianische“ Wurstrationen, in den USA schweift der Blick westwärts mit Wagner-Soundtrack. Das Kino liebt ihn, sogar Dada arbeitet sich am „Parsifal“ ab: „Polyphoner Eiter aus der grindigen Wunde des Amfortas. Weinerliche Schläfrigkeit der Gralsritter. Vorsintflutlich! Vorsintflutlich! Basta!“

[Alex Ross: Die Welt nach Wagner. Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne. Aus dem amerikanischen Englisch von Gloria Buschor und Günter Kotzor. Rowohlt, Hamburg 2020. 912 Seiten, 40 €.]

Wagners selbsternannte Jünger haben immer wieder versucht, seinen bei allen Wandlungen rebellischen Geist mit den Zeitströmen zu versöhnen. Zur deutschen Reichsgründung unterdrückten sie die antimilitaristische und antipreußische Haltung des Komponisten und schreckten nicht davor zurück, ihn zu einem patriotischen Bürger zu schrumpfen, der Kinder und Hunde liebt.

„Zwischen Wagner und seinen Anhängern entstand ein schmaler, aber merklicher Riss“, konstatiert Ross. „Störende Komponenten seiner Weltsicht, das Nachwirken revolutionärer Neigungen, Augenblicke kosmopolitischen Großmuts, Anwandlungen von Weltverdrossenheit, all das fiel weg.“

Eine Übung in Diversität

Er erlebte sie noch mit, die Pamphlete zu „Parsifal“, die Arier feierten und gegen Juden polemisierten. Wagner fühlte seinen Traum von der Erneuerung der Welt missverstanden. Kurz vor seinem Tod sah er die Bayreuther Wagnerianer auf dem besten Weg, seine Gedanken der Lächerlichkeit preiszugeben.

Das liegt Alex Ross fern. Hüter des Grals werden in seinem Buch klare ideologisch-methodische Leitplanken vermissen, doch der Autor will nichts besser wissen über Wagner, sondern den Blick weiten für dessen mitunter verleugneten Einfluss.

Es ist eine Übung in Diversität, zugewandt, flüssig formuliert und übersetzt, deren größte Schwachstelle der deutsche Titel ist. „Die Welt nach Wagner“ handelt in Wirklichkeit von unserem Leben mit Wagner, zwischen latentem Erlösungswunsch und trügerischer Heilserwartung.