Warum hat sich Zdenek Adamec angezündet?

Im Frühjahr 2003 übergoss sich der 18-jährige Zdenek Adamec auf dem Prager Wenzelsplatz mit fünf Litern Benzin und entzündete dann ein Streichholz. „Was hat er sich wohl versprochen, der Zdenek, von seiner Selbstverbrennung gegen den Zustand der aktuellen Welt?”, fragt jetzt knapp zwei Jahrzehnte später Peter Handke in seinem jüngsten Theaterstück. Und natürlich geht es ihm mitnichten darum, darauf eine schlüssige Antwort zu geben.

Wahrheiten werden in diesem „Eine Szene“ genannten Text ohne Rollen- und Figurenzuordnungen allenthalben gesucht, nicht gefunden. Und auch dies, selbstredend, ausschließlich im höheren Sinn; nicht im profan dokumentarischen. „Woher weißt du das?“, fragt das nicht näher spezifizierte Personal einander immer wieder skeptisch, sobald jemand einmal so etwas wie eine Aussage getroffen hat. Um dann, hinter der nächsten ins Feld geführten Zeitungsnotiz, dem nächsten Twittereintrag, der nächsten vermeintlichen Wahrheit nurmehr das nächste Fragezeichen zu setzen.

Die Uraufführung in Salzburg war ein Flop

Mit der allerdings nur bedingt aufschiebbaren Frage, wie man das inszeniert, hatte sich im Sommer schon Friederike Heller herumgeschlagen, als sie bei den Salzburger Festspielen die Uraufführung einrichtete – in den Augen der meisten Rezensenten mit eher mäßigem Erfolg.

Jetzt legt Jossi Wieler in den Kammerspielen des Berliner Deutschen Theaters nach und siedelt das (Nicht-)Geschehen in einem zwischen Kirche und Bahnhofshalle changierenden Wartesaal an. An den Wänden ikonengleiche Heiligenbilder, in der Ecke eine Jukebox – und dazwischen stehen oder sitzen in einer mutmaßlich aerosolfreien Aufführung drei Schauspielerinnen (Lorena Handschin, Linn Reusse und Regine Zimmermann) sowie drei Schauspieler (Felix Goeser, Marcel Kohler und Bernd Moss).

Sie warten in gebührendem Abstand auf ihre Einsätze, nesteln hier an einer Perücke oder da an einem absichtsvoll vergessenen Instrument und versuchen, dem 90-minütigen Entlangreden an der Selbstverbrennung des 18-Jährigen einen je eigenen Tonfall zu verleihen; von der Eifernden über den Bescheidwisser mit Understatement bis zum in sich Gekehrten Kurzerleuchteten.

“Keine Interpretation!” fordert diese Inszenierung

Thematische Sprungbretter zur Gegenwartskritik bietet die Geschichte natürlich en masse. Adamec bezog sich in seinem im Internet veröffentlichten Abschiedsbrief explizit auf Jan Pallach, den Studenten, der sich 1969 am selben Ort aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings selbst angezündet hatte.

Außerdem bezeichnete sich Adamec als „Opfer des sogenannten demokratischen Systems, in dem aber nicht die Menschen entscheiden, sondern Geld und Macht“. Er gehörte er einer Hackergruppe an, die Teile des Prager Stromnetzes lahmlegte, um der Welt das “falsche Licht” auszuknipsen. All das wird nun mehr oder weniger vage und assoziativ beschworen, hin und her gewendet und ausdrücklich im Deutungsoffenen belassen: „Keine Interpretation!“, wünscht der Abend. Tun wir ihm den Gefallen!