Warum die „Moskauer Werkstätten“ als sowjetisches Bauhaus gelten

Die Revolution lag drei Jahre zurück. Sowjetrussland befand sich im Bürgerkrieg; noch war die Sowjetunion nicht gegründet. In solch unsicheren Zeiten unterschrieb Lenin am 19. Dezember 1920 das Dekret, mit dem die Einrichtung der „Höheren künstlerisch-technischen Werkstätten“ in der Hauptstadt Moskau beschlossen wurde.

Die Anfangsbuchstaben ihres russischen Namens ergeben das Akronym WChUTEMAS. Die Werkstätten, wie sie im Folgenden der Einfachheit halber genannt werden, stachen bald aus der Fülle neuer Einrichtungen heraus, die im revolutionären Schwung entstanden und oft wieder vergingen.

Die Werkstätten WChUTEMAS sind oft als das „sowjetische Bauhaus“ bezeichnet worden. Denn sie zeigten sich in vielem dem Bauhaus eng verwandt, genauer dem Dessauer Bauhaus, das auf die Erneuerung der ganzen Lebensgestaltung zielte. Darin waren die sowjetischen Kollegen weit voraus; auch darin, dass bei ihnen Frauen eine größere Rolle spielten.

Die Parallelen sind frappierend, bis hin zum bitteren Ende: Während das Bauhaus sich im Frühjahr 1933 unter dem Druck des frisch installierten Nazi-Regimes selbst auflöste, wurden die Moskauer Werkstätten 1930 ihrer institutionellen Einheit beraubt. Die Avantgarde verlor ihren Ort.

Aus der Architekturabteilung ging das Moskauer Architekturinstitut hervor, das als MARChI bis heute Bestand hat und nicht nur eines der beiden Gebäude des Vorgängers nutzt, sondern auch dessen Nachlass hütet.

Die WChUTEMAS schufen kein eigenes Gebäude

Der war lange Zeit nicht zugänglich oder eher: Er wurde totgeschwiegen. Die revolutionären Experimente waren verfemt, seit die Kulturpolitik unter Partei-Generalsekretär Stalin Ende der zwanziger Jahre auf eine traditionell-akademische Linie einschwenkte. Viel Sichtbares war von den Werkstätten nicht geblieben. Das ist der große Unterschied zum Bauhaus.

Während die Bauhäusler vertrieben wurden und vorwiegend in den USA ein neues Betätigungsfeld fanden, mussten sich die Lehrer und Absolventen der Moskauer Werkstätten anpassen – oder verstummen. Die materielle Not der frühen Sowjetzeit hatte es mit sich gebracht, dass die hochfliegenden Entwürfe aus dem Unterricht beinahe nie umgesetzt werden konnten.

Und noch ein Unterschied zum Bauhaus: Die WChUTEMAS schufen kein eigenes Gebäude, kein signature building, so wie Gropius mit dem Dessauer Neubau von 1926. Stattdessen übernahmen die Werkstätten zwei Gebäude älterer Kunstschulen, beide im Stadtzentrum. Das eine an der quirligen Mjasnitzkaja-Straße, wo es unverändert steht und mit seiner Säulenfront nichts von dem Geist verrät, der dort einmal herrschte.

Den vergessenen Strang der Architekturlehre wiederherstellen

Die Werkstätten gliederten sich in die klassischen Abteilungen für Malerei, Grafik, Skulptur und von Anfang an – anders als das Bauhaus! – auch Architektur, dazu solche für Metallbau, Holz, Keramik und Textil. Was es nicht gab, war ein allseits verpflichtendes Programm, auch wenn natürlich fleißig verfasst und publiziert wurde; es war die Zeit der Manifeste.

Von Anfang an aber waren die unterschiedlichen Strömungen von Konstruktivisten, Produktionskünstlern und auch Akademikern vertreten und teilten besonders die Abteilungen für Malerei und für Architektur unter sich auf.

Am Berliner Gropius-Bau war 2014 eine vorzügliche Ausstellung zu den Architekturentwürfen zu sehen. Nun hat die am hochnoblen Institute of Advanced Study in Princeton tätige Historikerin Anna Bokov ihre Forschungen in einem voluminösen Buch gebündelt („Avant-Garde as Method. Vkhutemas ans the Pedagogy of Space, 1920-1930“. Park Books, Zürich 2020. 624 S., 58 €.), das mit hunderten von nie gesehenen Originalfotografien einen Eindruck von der Vielfalt des damaligen Betriebs vermittelt.

Bokov geht es darum, den in Vergessenheit geratenen Strang der Architekturlehre herauszustellen, der neben den auf gebaute Ergebnisse zielenden Konstruktivisten und den auf klassisches Dekor geeichten, älteren Akademikern an den Werkstätten Platz hatte. Er lässt sich am ehesten als „Raumlehre“ bezeichnen.

Mitte der 20er Jahre entstanden zahlreiche Arbeiterklubs

„Raum, nicht Stein, ist das Material der Architektur”, verkündete Nikolai Ladowski, der 1941 verstorbene Architekt, einer der einflussreichsten Lehrer der Werkstätten. Von ihm ist fast nur ein einziges gebautes Werk erhalten: das Eingangsgebäude zur Metro-Station „Rotes Tor“ in Moskau. Im Unterricht ließ er Gipsmodelle formen, die die Einflüsse von Schwerkraft und Bewegung sichtbar machen sollten.

Nichts Baubares entstand dabei, sondern eine Annäherung an das, was „Raum“ als das Nicht-Sichtbare der Architektur sein kann. Im benachbarten Atelier verfolgte der heute ungleich bekanntere Alexander Rodtschenko Ähnliches mit seinen raumgreifenden Holz- und Metallkonstruktionen, eher er sich zunehmend der Fotografie zuwandte.

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Mitte der zwanziger Jahre sah es so aus, als ob die Konstruktivisten die Richtung der sowjetischen Architektur bestimmten; zahlreiche „Arbeiterklubs“ entstanden in einer neuen, den Materialien Stahl und Glas angemessenen Formensprache. Ein Akademiker wie Iwan Scholtowski, der die ersten Jahre eine großen Schülerkreis versammelt hatte, ging nach Italien, um die Baukunst von Antike bis Barock und Klassizismus zu studieren – und übernahm nach der Auflösung der Werkstätten die prägende Rolle mit seinen säulengeschmückten Großbauten.

Zu kurz kommt in Anna Bokovs Buch der gleichfalls lehrende Architekt Moissei Ginsburg, der mit dem Kommune-Wohnhaus für die Angestellten von „Narkomfin“ einen Meilenstein der Avantgarde gesetzt hatte – und damit zur Zielscheibe späterer „Formalismus“-Kampagnen wurde. Alexandra Exter leitete die Malerei-Werkstatt, die früh verstorbene Ljubow Popowa entwickelte mit Alexander Wesnin bald einen Bauhaus-ähnlichen Vorkurs, Warwara Stepanowa schuf Textilentwürfe und Bühnendekorationen; auch sie nach 1930 zunehmend verfemt.

War alles umsonst?

In den Publikationen, die aus den Werkstätten hervorgingen ist von hochfliegenden Theorien die Rede wie auch gelegentlich von den irdischen Übeln des Hungers und der Kälte. Man muss sich die Werkstätten weniger als Unterrichts- denn als Lebensgemeinschaft vorstellen.

Wie fürchterlich die Lebensumstände waren, weiß man aus den Tagebuchnotizen von Walter Benjamin, Bruno Taut oder der in die Sowjetunion übersiedelten Bauhäusler, die 1931 die einzige Ausstellung des Bauhauses in Moskau einrichten konnten, als ihre sowjetischen Partner bereits auf Druck der Partei zerstreut wurden.

War alles umsonst? Ein paar Jahre lang gab es Austausch mit dem Ausland, konnten die sowjetischen Avantgarde-Zirkel aufnehmen, was im Westen geschah, wirkte der Allround-Künstler El Lissitzki, der sich als einer der wenigen frei bewegen konnte, als Vermittler.

An ihrer kommunistischen Einstellung haben die Kulturleute nie einen Zweifel gelassen, aber es war die „Linke Front“ – so der Titel einer bald verbotenen Zeitschrift – , mit der in Verbindung gebracht zu werden alsbald tödlich enden konnte. So steht WChUTEMAS für ein abgebrochenes Experiment, das alle Erwartungen der Avantgarde barg, und ohne das die Entwicklung der Moderne nicht verstanden werden kann.