Von der Weimarer Republik lernen

Keine Zukunft ohne Brandenburg: Eine Ausstellung erinnert an 100 Jahre Groß-Berlin und entwirft architektonische Visionen.




Zukunft Schiene. Der ehemalige Potsdamer Hauptbahnhof.Foto: Harald Bodenschatz

Vor hundert Jahren, am 1. Oktober 1920, schlossen sich Städte wie Charlottenburg, Schöneberg und Cöpenick (damals noch mit C) und Dörfer wie Biesdorf, Cladow und Britz zu einer Megagemeinde zusammen, die Groß-Berlin genannt wurde. Die Hauptstadt des Deutschen Reiches, die gerade den Kapp-Putsch und die Pandemie der Spanischen Grippe überstanden hatte, wuchs mit ihren nun 3,8 Millionen Einwohnern schlagartig zur drittgrößten Metropole der Welt, nach London und New York. Es war eine Zeit der Krisen und des Aufbruchs.

Immer werden, nie sein

Der Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg (AIV) nimmt das Jubiläum zum Anlass, mit einer Ausstellung im Kronprinzenpalais an diese Geschichte zu erinnern und gleichzeitig städtebauliche Zukunftsvisionen zu entwerfen. „Unvollendete Metropole“ heißt die Schau, ein Titel, der an Karl Schefflers längst zu Tode zitierte Formel von Berlin als Stadt, die verdammt sei, „immerfort zu werden und niemals zu sein“, erinnert. Wobei es ja stimmt: Berlin wird einfach nie fertig, bleibt auch im 21. Jahrhundert eine ewige Baustelle.

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Auch Moskau, Wien, Paris und London, die in der Ausstellung als Vergleichsgrößen dienen, entwickelten sich ähnlich sprunghaft. Doch Berlin sei „auf besondere Weise unvollendet“, sagt Kurator Harald Bodenschatz. Der Architekturhistoriker verweist auf die Brüche der letzten hundert Jahre, vom Versuch der Weimarer Republik, aus der Kapitale des Kaiserreichs eine moderne, sozial stärker durchmischte Stadt zu machen, bis zum Ausbau zur autogerechten Stadt, der im Kalten Krieg auf beiden Seiten der Mauer betrieben wurde. Wohnlicher wurde Berlin dadurch nicht.

Vergangenheit als Spiegel

Verblüffend ist, wie sehr sich Gegenwart und Vergangenheit ineinander zu spiegeln scheinen. Das Verhältnis zwischen Magistrat und den Bezirken war schon 1920 nicht klar genug geregelt, und in Brandenburg wurde die Entwicklung der ins Umland ausgreifenden Metropole argwöhnisch beobachtet. Stadt und Provinz müssten „wirtschaftlich und verkehrlich ineinandergreifen“, forderte Oberbürgermeister Gustav Böß 1929. Eine Aufgabe, die sich heute nicht erledigt hat.

Wie desaströs viele Nachkriegspläne waren, zeigt die Ausstellung mit Vorher-Nachher-Bildern entlang der ehemaligen Reichsstraße 1, die von Königsberg nach Aachen führte. Der kleinteilig bebaute Molkenmarkt verschwand in einer Asphaltwüste, aus dem Innsbrucker Platz wurde ein Verkehrsknoten, und dort, wo sich heute das Hochhaus des Steglitzer Kreises und eine Autobahntangete befinden, gab es noch bis in die sechziger Jahre das Dorf Steglitz.

Drang ins Grüne

Erfreulicher sind einige Kontinuitäten. In der Weimarer Republik wurde die Wuhlheide in einen Volks- und Waldpark umgewandelt das Strandbad Wannsee angelegt, der Bau von Kleingärten forciert. Heute zeigt sich der Drang ins Grüne an Projekten wie dem Mauerpark und dem „Grünen Band“, das entlang des einstigen Grenzverlaufs vom Nordbahnhof bis zum Stadtrand entsteht.

Wie weiter? Die Ausstellung endet mit dem Ausblick, wie ein neues Groß-Berlin in fünfzig Jahren aussehen könnte. An einem städtebaulichen Wettbewerb hatten sich 55 Teams aus aller Welt beteiligt. fünf Preise wurden vergeben. Die Visionen reichen von einem zusammenwachsenden Stadt-Landschaft mit eng vernetzten Schienen- und Wasserwegen über die „Kontur einer Übergangsgesellschaft“ mit Landwirtschaft in der Innenstadt bis zu einem „Sternarchipel“ mit Hochhaustürmen. Zukunft haben, so viel ist klar, Berlin und Brandenburg nur gemeinsam (bis 3. Januar, tgl. 10–18 Uhr. Der zweibändige, bei DOM publishers erscheinende Katalog kostet 48 Euro).