Von Corona und anderen Heimsuchungen

Wer glaubt eigentlich noch an Gespenster? Für die einen sind sie nicht mehr als Hirngespinste, für andere sind sie sehr real. Gespenstisch still war es in diesem Jahr während der Lockdowns in öffentlichen Räumen und kulturellen Einrichtungen, und auch die Angst vor dem Virus, für das bloße Auge nicht erkennbar, erinnert mitunter an die Frucht vor einem unsichtbaren Geist.

„Gespenster“ lautet passend der Titel der diesjährigen 17. Ausgabe des „Spring“-Magazins (Mairisch, 256 S., 24 €), unter dem sich 16 Zeichnerinnen der Welt der Geister widmen, alle im Farbschema Grau/Schwarz und Violett, der Farbe der Übersinnlichkeit, gehalten.

„Manchmal ist Atmen alles was du kannst“

Gespenstergeschichten sind in der Literatur seit Jahrhunderten populär. Umso größer ist die Herausforderung, sich zeichnerisch innovativ mit etwas auseinanderzusetzen, das man ja eigentlich nicht sieht.

In der 1843 erschienenen gesellschaftskritischen Erzählung „A Christmas Carol“ von Charles Dickens wird der geizige Geldverleiher Ebenezer Scrooge in der Nacht vor Weihnachten von drei Geistern heimgesucht – dem der Vergangenheit, dem der Zukunft und dem der Gegenwart. Nach dieser Nacht geläutert, entdeckt der vorher kaltherzige Mann die Freude am Teilen und die Liebe zu den Menschen.

Auch die Protagonistin im Beitrag der Hamburger Comic-Zeichnerin und Illustratorin Birgit Weyhe erhält Besuch von einem Geist – einem Ahnen in Militäruniform, mit dem sie schon öfter in Kontakt stand. Bei einer Tasse Tee entwickelt sich ein eindrückliches Gespräch über den „Internationalen Gespensterkongress“, auf dem über das Gespenst des Kapitalismus und die Folgen von Globalisierung und Gewinnmaximierung debattiert wurde – und warum die Geister der Ahnen kaum noch Platz in der Welt haben.

Damals beim Gespensterkongress: Eine Doppelseite aus Birgit Weyhes Beitrag.Foto: Spring/Mairisch

Von Anke Feuchtenberger ist ein Auszug aus ihrem bisher unveröffentlichten grafischen Essay „Der Spalt“ zu sehen – in dem ein riesenhaft vergrößertes Virus auf die Leser einwirkt. Das Virus ist namenlos, aber die assoziative Verknüpfung zum Coronavirus, das seit dem vergangenen Winter die Welt in Atem hält, liegt nahe. Bilder wie aus einem düsteren Traum werden hier kombiniert mit der Unterzeile: „Manchmal ist Atmen alles was du kannst. Manchmal ist Atmen genug.“

[Achtung, jetzt kommt ein Karton! Ein Atelierbesuch bei einer der „Spring“-Macherinnen.]

Die in Hamburg lebende Illustratorin und „Spring“-Mitbegründerin Stephanie Wunderlich lässt die neue Lebensrealität im Lockdown noch einmal Revue passieren. Collagenhaft kombiniert sie verschiedene grafische Mittel, vom Siebdruck bis zum fotografierten Schutzhandschuh, mit knapp formulierten neuen Verhaltensregeln und bezieht sich dabei auf die Anfangszeit der Pandemie und die Hoffnungen und Ängste, mit denen die Menschen sich seitdem beschäftigen.

„Schützt euch vor dem Virus“, heißt es auf dem zweiten Blatt. Wie ein Planet hängt das Virus im Bildraum, darüber ist die Zeichnung eines Menschen im Schutzanzug gelegt, nur in Umrissen – transparent. Das Virus wirkt dagegen massiv und übermächtig. Auf einer anderen Seite lautet die Anordnung: „Fahrt erst mal auf Sicht.“ Ein Auto voller Gesichter fährt ins Dunkle oder in dichten Nebel, die Scheinwerfer beleuchten nur ein kleines Stück vor ihnen.

Erinnerungen an Horrorfilm-Szenen von einsamen Straßen werden wach. Die Ungewissheit bietet Spielraum für düstere Fantasien: Welches Ungeheuer verbirgt sich vielleicht dort im Unbekannten?

Neue Lebensrealität: „Spring“-Mitbegründerin Stephanie Wunderlich lässt den Lockdown Revue passieren.Foto: Spring/Mairisch

Während im ersten Lockdown im Frühjahr Stille in den Straßen herrschte, machte sich mit dem Social Distancing bei vielen die Einsamkeit breit und Ängste trieben wie unerlöste Gespenster ihr Unwesen. Die in Berlin lebende Illustratorin Romy Blümel lässt in „You are not alone“ das Handy sprechen – als Störenfried, der ihre Protagonistin an der Arbeit hindert.

Zu sehen ist lediglich das, was sie zeichnet: ein Wirrwarr aus verschobenen Zickzack-Linien – oder sind es die vom nicht abreißenden Nachrichtenstrom gestörten Hirnströme der Zeichnenden? In einer anderen Episode versucht Blümels Protagonistin, zu Hause die Ruhe zu bewahren. Aber Meditieren im Gedankenkarussell – wie soll das gehen? Die Suche nach Entspannung endet im Suchmaschinen-Fieber.

Auge in Auge mit den persönlichen Dämonen

Die ebenfalls in Berlin tätige Illustratorin Doris Freigofas blickt derweil ihren persönlichen Dämonen ins Auge. Was macht man mit diesen riesigen Ungeheuern, die sich zum Beispiel Selbstzweifel, Wut und Misstrauen nennen, wenn man ihnen zu Hause nicht entrinnen kann? Genau, man macht seinen Frieden mit ihnen. Dafür findet die Protagonistin eine ebenso einfache wie herzerwärmende Lösung.

Der Umschlag des besprochenen Bandes.Foto: Spring/Mairisch

Das „Spring“-Magazin wurde 2004 von der gleichnamigen Hamburger Künstlerinnengruppe gegründet und erscheint einmal jährlich. Es ist gedacht als „Anthologie, der die unterschiedlichsten Arbeiten aus den Bereichen Comic, Illustration und freier Zeichnung zu einem Thema bündelt“ und ist als anspruchsvolles Statement der aktuellen Zeichnerinnen-Szene im deutschen Raum zu betrachten.

Die Gesamtqualität des Bandes ist hoch, auch durch Beiträge wie den der Malerin und Comic-Zeichnerin Moki, der auf bewegende Weise die Trauer der Lebenden und der Toten beschreibt.

Eine Doppelseite aus dem Beitrag von Moki.Foto: Spring/Mairisch

Auch wenn nicht jeder Beitrag künstlerisch oder inhaltlich überzeugt und für die Lesenden hin und wieder nicht ganz klar ist, von wem einzelne Zeichnungen stammen und dadurch manchmal Verwirrung entstehen kann: Diese lässt sich kreativ nutzen, indem man sich auf die Suche durch das Buch begibt und dabei immer wieder Neues entdecken kann.