Vom Leben geduckt

Es muss sich schon seltsam anfühlen, wenn einem Käthe Kollwitz im Atelier über die Schulter schaut. Doch für den in Kuba geborenen Künstler Enrique Martinez Celaya gehört diese Situation zum Alltag. Erstens besitzt er ein Selbstporträt von Kollwitz. Und zweitens fühlt er sich dem Werk der deutschen Expressionistin so nah, dass er das eigene beständig mit der Qualität und den Botschaften von Kollwitz’ Nachlass abgleicht.

Was liegt da näher, als beider Arbeiten aufeinander treffen zu lassen? In der Berliner Galerie Judin kommt es zu diesem Dialog – allerdings in elaborierter Form, denn Celaya, der seit langem in Los Angeles lebt, hat sich unmittelbar mit der Malerin und Bildhauerin auseinandergesetzt: Seine aktuellen Exponate spiegeln berühmte Zeichnungen, montieren sie neu oder interpretieren sie mit Blick auf die Gegenwart.

Basis seiner Beschäftigung war die herausragende Sammlung von Gudrun und Martin Fritsch. In Berlin kennt man das Paar als Experten für Käthe Kollwitz und Martin Fritsch dazu als Gründungsdirektor des Kollwitz-Museums in der Fasanenstraße, in dem Leben und Werk der Künstlerin ausgebreitet werden. So stößt man auch in der Galerie Judin auf das Blow-up einer schwarz-weißen Fotografie, die Kollwitz in den letzten Tagen ihres Lebens zeigt. Im Frühjahr 1945 sitzt sie in Moritzburg auf dem Balkon ihres Hauses, den Blick ins scheinbar Unendliche gerichtet, bereit für die letzte Reise.

Kollwitz’ Motive sickern in seine Arbeit

Diese Atmosphäre prägt die gesamte, museal aufgebaute Schau. Auch die Selbstbildnisse aus den 1890er-Jahren zeigen eine junge, ernsthafte Frau, deren Sensibilität für das Leid ihrer Umgebung sich einen Weg durch ihre Hand in die Zeichnungen bahnt. Der Holzschnitt „Hunger“ von 1925 hängt dafür ebenso beispielhaft in der Ausstellung wie die düstere Kreidezeichnung „Tod, Frau und Kind“, auf der sich die Lebenden geduckt im Block zusammenpressen, um dem wütenden Skelett am Horizont keine Möglichkeit zu geben, in eine Lücke zwischen ihnen zu fahren. Auch die übrigen (unverkäuflichen) Bilder demonstrieren noch einmal, mit welcher Intensität Kollwitz ihre humanistischen Ansprüche in ebenso intimen wie erschütternden Zwiegespräche von Mutter und Kind verwirklicht.

Enrique Martinez Celaya, Jahrgang 1964, ist von dieser Konsequenz sichtlich berührt. Seine eigene Werkgruppe besteht aus neun Gemälden, zwei Papierarbeiten und einer Skulptur, in denen ihm weit mehr gelingt als pure Aneignung. Der Künstler prüft, wie weit Kollwitz’ universale Sprache auf die Gegenwart einer Pandemie und globalen Flüchtlingskrise passt. Viel muss er nicht ändern, ihre Motive sickern in seine Arbeiten, sind wiedererkennbar und doch transformiert, weil auch Celaya über eine eigene malerische Sprache verfügt.

Bei großen Gefühlen droht Gefahr

Großartig gelingt ihm das im Hochformat „The long Night“ (2020). Mit Öl- und Wachsfarben schafft er einen nur spärlich erleuchteten Ort, an dem sich eine monumentale Hand aus dem Dunklen schält. Vorsichtig berührt sie das Kinn eines liegenden Menschen, von dem man nicht weiß, ob es ein Liebender oder ein Toter ist. Kollwitz’ Pendant spielt auf dem Schlachtfeld, doch die Eindeutigkeit ihrer Szene weicht einem schwebenden, uneindeutigen, faszinierenden Moment.

Es gibt auch die andere Seite. Ausgerechnet das größte Bild „The Child’s Song“ zeichnet den Tod eines Kindes – für das Original nahm die Künstlerin ihren Sohn als Modell – monumental nach. Gefühle werden aber nicht stärker, bloß weil man sie ins Monumentale überführt. Im Gegenteil provozieren sie Ablehnung, da sich der Schmerz und die Trauer ins Überproportionale zu verzerren drohen.
Galerie Judin, Potsdamer Str. 83; bis 10. April, Di–Sa 11–18 Uhr nach Voranmeldung unter www.galeriejudin.com