Vielleicht sogar besser als “Faserland”

Die Verlage sind ihrer Zeit bekanntlich stets ein halbes Jahr voraus, mindestens. Gegen die sozialen Medien aber, auch das ist bekannt, haben selbst sie keine Chance.

Noch bevor der Verlag Kiepenheuer & Witsch angekündigt hatte, dass im März 2021 ein neuer Roman von Christian Kracht erscheint, „Eurotrash“, war bei Facebook, Twitter und Instagram die Begeisterung groß und das Cover ein viel weitergeleiteter Selbstläufer.

Dafür hatte nicht zuletzt Kracht selbst gesorgt, als er im Oktober auf seinem Instagram-Account bekanntgab, dass er mit seinem „Freund und Verleger Helge Malchow“ den Roman fertig lektoriert habe, wohl in Schottland, wie es unter dem von dem Autor geposteten Malchow-Foto steht.

Was nicht nur Krachts altem Kumpel Dr. Eckhard Nickel gefiel, sondern laut Instagram mindestens tausend weiteren Personen. „Endlich. Can’t Wait“ kommentierte Benjamin von Stuckrad-Barre, „Yeah“ rief Clemens Setz, und Rafael Horzon weiß schon: „Ja, Eurotrash ist eindeutig besser als Moserland!“.

Die Begeisterung dürfte auch damit zu tun haben, dass „Eurotrash“ nicht bloß ein neuer Kracht-Roman ist, sondern wohl eine Fortsetzung von „Faserland“, Christian Krachts Debüt von 1995. „Faserland“ war zwar durchdrungen vom Geist der achtziger Jahre, galt aber mindestens ein Jahrzehnt lang als Blaupause für die Popliteratur.

“Es endet in Zürich, sozusagen auf dem Zürichsee, relativ traumatisch.“

„Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich“, lautet der erste „Eurotrash“-Satz, den der Verlag in der Ankündigung schon verrät:

„Es war ganz schrecklich. Aus Nervosität darüber hatte ich mich das gesamte verlängerte Wochenende über so unwohl gefühlt, dass ich unter starker Verstopfung litt. Dazu muss ich sagen, dass ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun nicht mehr einfällt, ,Faserland’ genannt hatte. Es endet in Zürich, sozusagen auf dem Zürichsee, relativ traumatisch.“

Die Reise, die Kracht seitdem um die Welt macht (u.a. Argentinien, Kalifornien, Tibet, Salzgitter–Lesse), führt also zurück an den Ausgangspunkt, zudem „in die Abgründe der eigenen Familie, deren Geschichte sich auf tragische, komische und bisweilen spektakuläre Weise immer wieder mit der Geschichte dieses Landes kreuzt“, wie der Verlag schreibt.

Ob es das jetzt braucht, ein Faserland II? Im Sound der neunziger Jahre gar? Doch „ganz schlauer Bursche“ (hat angeblich Peter Handke über ihn gesagt) und reifer Schriftsteller, der er ist, dürfte Kracht sich gehütet haben, sein Debüt bloß weiterzuschreiben. Manches Trauma setzt schließlich produktive Kräfte frei, und bezüglich des werbetechnischen Vorlaufs gilt sowieso: Von der Popliteratur lernen heißt, Bücher verkaufen lernen.