Vertrauen ins Flüchtige

Einen Gedichtband aufschlagen, notiert Philippe Jaccottet in seinem frühen Journal „Tout n’est pas dit“, sei, als ob man inmitten der Explosion einer Wasserstoffbombe mit einer Kerze Licht machen wolle. Aber, so fährt er fort: „In diesem Fall auf die Kerze zu setzen, ist ziemlich verrückt, und doch liegt in dieser Art von Wette vielleicht unsere Zukunft.“

Wenn der Dichter in seinen Versen mit dem Wind, der Sonne, den Wolken und dem Regen sprach, wie er ihnen Tag für Tag vor seinem Haus in Grignan, im Norden der Provence, begegnete, lag darin also weniger eine naturschwärmerische Idylle als der Versuch, das Irdische und seine Elemente gegen alle Bedrohungen zu feiern.

Für Philippe Jaccottet, 1925 in Moudon im schweizerischen Kanton Waadt geboren, zeigte sich darin mit zunehmendem Alter aber auch der Vorschein von etwas Anderem und Größerem. Einer Kraft außerhalb und zugleich innerhalb dieser Welt, die er in seinen Gedichten sichtbar machen wollte. „Die Berge ähneln schon lang nicht mehr Mauern“, heißt es in dem Band „Unter den Wolken“ aus dem Jahr 1983. „Sie strahlen, es wachsen auch sie, / die großen Pförtner bewegen sich über uns – / und das Wort, das der Bussard langsam zeichnet, sehr hoch, / wenn der Wind es verwischt, ist es nicht jenes, / da wir glaubten nie wieder zu hören?“

Echos von Hölderlin

Es ist nicht schwer, in solchen Zeilen ein Echo jenes deutschen Dichters zu hören, den er der französischsprachigen Welt neben Rainer Maria Rilke, Robert Musil oder Ingeborg Bachmann als Übersetzer näherbrachte: einen von allem hymnischen Pathos befreiten Friedrich Hölderlin. Ihm billigte er in seinem Aufsatz „Landschaften mit abwesenden Figuren“ als einzigem Dichter seiner Zeit zu, noch die griechischen Götter anrufen zu dürfen. Soweit ließ es Jaccottet selbst in seiner unnachahmlich stillen Art nie kommen. Es hätte seinen Sinn für das sanfte Gesetz der Dinge allzu mächtigen Instanzen überantwortet.

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Philippe Jaccottet, der von 1953 an mit seiner Frau, der Malerin Anne-Marie Haesler, in seinem 1500-Seelen-Dorf in der Drôme lebte, war nach dem Tod von Francis Ponge und Yves Bonnefoy der letzte Überlebende einer Generation von französischen Dichtern, von denen jeder auf seine Weise eine zutiefst im Alltäglichen verankerte Metaphysik pflegte. Er war aber auch der, der sie in seiner Zurückgezogenheit am intensivsten lebte. Seiner Anerkennung stand dies nicht im Wege stand: Als einziger Schweizer Dichter fand er schon zu Lebzeiten Aufnahme in die kanonische Bibliothèque de la Pléiade des Pariser Gallimard Verlags.

„Wir gehen, solange wir können“, schreibt er in seinen „Notizen aus der Tiefe“, „sammeln von Zeit zu Zeit diese Dinge, deren flüchtiger Duft unser Verhältnis zur Welt verändert und ihre Grenzen aufzulösen scheint. Es wäre ein Unglück, würde man diesem Tun nicht ein wenig Vertrauen schenken, diesem Tun, das kaum wahrnehmbar ist, doch überdauert seit unvordenklichen Zeiten.“ Dazu hat Philippe Jaccottet, der am Mittwoch in Grignan mit 95 Jahren starb, mit einigen seiner zusehends knapperen Zeilen beigetragen.