Vergangenheit und Gegenwart der jüdischen Geschichte

Natürlich, W. Michael Blumenthal ist in Berlin vor allem als Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in Erinnerung, das er von 1997 bis 2014 geleitet hat. Weniger bekannt ist, dass ihn noch ein anderer, auch nicht ganz unwichtiger Strang mit Berlin verbindet: Er wurde hier geboren. Oder, um genauer zu sein, kurz vor der Stadtgrenze, in Oranienburg, am 3. Januar 1926. Noch während der kurzen, trügerischen Sonnenscheinphase der Weimarer Republik also, doch bereits mit den aufziehenden dunklen Wolken des Nationalsozialismus am Horizont.

Werner Michael Blumenthals jüdische Vorfahren, zu denen entfernt auch Rahel Varnhagen und Giacomo Meyerbeer gehören, hatten seit Generationen in Deutschland gelebt – was ihn 1998 zu dem Buch „Die unsichtbare Mauer“ inspirierte. Sein Vater Ewald war Textilkaufmann und einer von zehntausenden Juden, die im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatten – Dank hatten sie dafür bekanntlich von den Nazis nicht zu erwarten.

Nach der Pogromnacht 1938 wurde Ewald Blumenthal für einige Monate in Buchenwald interniert und gefoltert. Schließlich gelang der Familie im Frühjahr 1939 die Flucht nach Shanghai, der junge Michael war 13 Jahre alt und staatenlos. Einen „elenden Wartesaal“ nannte er später die Zeit in China. Dann 1947 die Ausreise in die USA, mit dem Dampfschiff durchs Golden Gate, Ankunft in San Francisco: Nachvollziehbar, dass ein 21-Jähriger in solchen Momenten beschließt, etwas aus seinem Leben zu machen.

In den USA war Rosenthal ein renommierter Finanzexperte

Er tat es, arbeitete sich nach oben: wurde Berater von John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson, war 1977-1979 Finanzminister im Kabinett von Jimmy Carter, ging dann in die Wirtschaft. Seine Berufung als Direktor des 1997 noch gar nicht eröffneten Jüdischen Museums in Berlin war ein Signal: Eine eigenständige Institution sollte dieses Haus werden, nicht nur eine Abteilung des Berlin Museums, aus dem heraus es entstanden war.

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Und ein Ort, an dem nicht auf Berlins jüdische Lokalgeschichte geblickt wird, sondern der vielmehr umfassend Geschichte und Gegenwart der Juden in Deutschland seit dem Mittelalter darstellt. Zwei Tage vor den Anschlägen auf das World Trade Center in New York, am 9. September 2001, wurde das Museum eröffnet und noch im gleichen Jahr als Stiftung in die Trägerschaft des Bundes übernommen.

Die Akademie des Museums trägt seinen Namen

Es folgten, im Vergleich zu heute, ruhige Jahre. „Das Museum war sehr erfolgreich unter der Leitung von Blumenthal. Als politisch erfahrener alter ,Löwe’ hat er alle beschützt. Das Haus musste sich auch bei kontroversen Themen kaum rechtfertigen“, sagt der Historiker Christoph Stölzl. Blumenthals Nachfolger Peter Schäfer hingegen verhedderte sich 2019 in der Frage, wie politisch das Museum vor allem in Bezug auf die anti-israelische Protest-Initiative BDS sein soll, und trat zurück – auch auf Druck des Zentralratsvorsitzenden Josef Schuster. Ein Minenfeld aus legitimer Israelkritik und der Frage, wo Antisemitismus beginnt, ist entstanden, in dem sich auch Blumenthals Nach-Nachfolgerin Hetty Berg bewegen muss. Wie aktuell die Debatte ist, zeigt die Gründung der „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit“ vor drei Wochen, mit der deutsche Kulturinstitutionen gegen die BDS-Resolution des Bundestages protestieren.

W. Michael Blumenthal, dessen Name in Berlin auch durch die nach ihm benannte Akademie in der früheren Blumengroßmarkthalle präsent bleibt, muss sich mit diesen Kontroversen nicht mehr auseinandersetzen. Zumindest nicht an diesem Sonntag, an dem er in Princeton, New Jersey, mit Gattin Barbara seinen 95. Geburtstag feiert.