Unverständliches hören

Schlechte Zeiten für Putten. Während sie sonst die Stars der Weihnachtsmärkte sind, verstauben sie in diesem Jahr in Depots und blasen Trübsal in ihre Posaunen. Und dann geraten sie auch noch in die Schusslinie eines wütenden Theologen: „Degenerierte, ironisch gebrochene Halbwesen“ seien sie, schreibt Christian Lehnert, der für gewöhnlich eher tastend formuliert, ,„domestiziert wie Hausschweine“,

Doch angesichts der pausbäckigen Kerlchen geht ihm sein Temperament durch. Woher die Wut? Weil Lehnert die Engel von den menschlichen Vorstellungen befreien will, für die Putten in ihrer Extremform stehen.

Geflügelte Kinder oder Boten in Menschengestalt deutet er als Hilfskonstrukte, als verlegene Metaphern für Unbeschreibliches, Unaussprechliches, für etwas, was keine Gestalt hat und keine Botschaft sendet und dennoch unbedingt Wirkung zeitigt. Sein Buch „Ins Innere hinaus – Von den Engeln und Mächten“ ist eine Suche nach den Spuren und Bedingungen transzendenter Erfahrung.

[Christian Lehnert: Ins Innere hinaus. Von den Engeln und Mächten. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 234 Seiten, 22 €.]

Frömmigkeit ist für Engel offenbar keine notwendige Bedingung, und das mag irritieren, ist Lehnert, geboren 1969 in Dresden, doch Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Universität Leipzig. Transzendenz allerdings ist bei ihm nichts, worauf Religion ein Monopol besäße, sie ergibt sich ebenso in der Kunst, in der Natur, in psychischen Extremsituationen, im Todeskampf oder in der Gemeinschaft.

Begegnung mit Zweiflern

Auf Exegesen folgen bei Lehnert denn auch gleichberechtigt Bemerkungen über Tanz oder Literatur, Begegnungen mit Außenseitern und Zweiflern sowie biografische Prosa aus seiner Zeit als Bausoldat oder Pfarrer.

Das ist spirituell wie intellektuell anregend, gerade weil einen die geschilderten Erfahrungen durchaus das Fürchten lehren könnten: Einer seiner Jugendfreunde verliert in einem Bergwerk fast den Verstand; ein Religionslehrer findet erst nach einer Anzeige wegen Vergewaltigung zu Frieden mit sich selbst; ein Tänzer entdeckt eine rätselhafte Fremdheit in der Bewegung seiner Hand.

Engel sind damit überall auffindbar, aber nicht in einer festen Gestalt und mit einer klaren Agenda, sondern als Kontakt mit dem ganz Anderen, das zu konkretisieren nur seinen Verlust bedeuten würde. „Keine beständigen Namen, keine Gesichter, keine Offenbarung ihrer selbst – ja, nicht einmal die Kategorie ,Engel’ ist mehr als eine Annäherung an ein Geschehen, das sich jeder Zuordnung entzieht, weil es das für unsere Orientierung in der Welt maßgebliche Prinzip der Identität unterwandert.“

Die Fähigkeit, sie zu erfahren, darf man als anthropologische Konstante verstehen. Allerdings schwankt die Stärke der Verbindung,und gerade heutzutage scheint Lehnert dieses Talent zu verkümmern. Sein Buch ist von daher auch ein Plädoyer, das Unverständliche zu hören, mit dem Numinosen zu rechnen, im Kontakt zur Welt eine andere vor sich zu sehen. Eine solche Empfänglickeit für das ganze Andere, das Große und Größte, ist auch anschlussfähig für philosophische und kulturkritische Ansätze.

Gegen die postmoderne Haltlosigkeit

Engel bei Lehnert haben etwas Ereignishaftes, sie setzen der Haltlosigkeit des postmodernen Theoretisierens etwas entgegen. In einer Welt, die ganz aus Zeichen besteht, die wiederum nur auf weitere Zeichen verweisen, in der also jede Eigentlichkeit verschüttet ist, bricht das Ereignis, etwa in einer Performance, durch die Zeichendecke hindurch. Nicht mehr ein Inhalt, ein „Was“ wird so erfahrbar, sondern das „Dass“, jener Untergrund allen Seins, der sich jeder Deutung entzieht.

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Lehnerts Zugang zum Göttlichen ist ästhetisch geprägt. Die Überlegungen seines Bandes sind auch ein Stück Dichtung, so wie umgekehrt seine Gedichtbände als Logbücher transzendenter Suchbewegungen gelesen werden können. „Poesie ist dem Glauben zu eigen wie der Atem dem Leben.“ Dichten und Lesen sind ihm gleichermaßen Anregungen zur Unruhe, Erkundungen des eigenen Bewusstseins, Abstiege ins Reich des Unerklärlichen und auch der eigenen Seltsamkeit.

An Engel zu glauben, erscheint erstrebenswert, weil es bedeutet, skeptisch zu bleiben gegenüber dem Paradigma allgemeiner Machbarkeit und Erklärbarkeit. Sie stehen für die Offenheit der Welt und dafür, dass da mehr ist als das unmittelbar Gegebene. Das heißt auch: Der Mensch ist nie ganz allein.