Unsere Filmauswahl für morgen

Am 31. Januar 1960 führt Leonard Bernstein sein Publikum durch die CBS-Sendung The creative performer und dabei durch die Herausforderungen musikalischer Interpretation. Der Dirigent fragt, wie das, was in der Vergangenheit komponiert wurde, in der Gegenwart seinem Wesen entsprechend belebt werden könne. Mit Sopranistin Eileen Farrell, Glenn Gould am Klavier und den New Yorker Philharmonikern im Dienst Bernstein’scher Musikvermittlung ist die Sendung prominent besetzt.

Ihr Höhepunkt wird die Übergabe des Podiums an Igor Strawinsky, der drei Szenen aus seinem Ballett Der Feuervogel dirigieren wird. Bernstein kündigt das Dirigat seines Gastes als zukünftiges Zeitzeugnis an, da es dank moderner Aufnahmegeräte dort interpretatorische Antworten konserviere, wo sich das Repertoire der Vergangenheit mit Vermutungen begnügen müsse. So dirigiert Igor Strawinsky in diesem Januar 1960 umgeben von Kameras “ for us and all the future”. 60 Jahre später zeigt die Schwarzweißaufnahme Menschen, von denen die meisten heute nicht mehr leben, knappe elf Minuten lang als lebendigen Teil des Feuervogels. Darin sind sie Bestandteil eines audiovisuellen Erbes.

Menschen wollen vermitteln, was sie bewegt hat und was sie bewegt haben. Leonard Bernstein will es durch seine Sendung auch bewahren. Film- und Tonaufnahmen werden zum Werkzeug, das Eindrücke aus einem gegenwärtigen Erleben so weit herauslöst, dass es asynchron vermittelbar bleibt. Millionen von Eindrücken haben sich so aus ihrer immanenten Flüchtigkeit zunächst in die Fragilität eines Streifen Nitrofilms retten können.

Um solche Eindrücke als Zeitzeugnisse zu bewahren, formulierte die UNESCO 1980 die Empfehlung zum Schutz bewegter Bilder, die seit 2005 mit dem Welttag des audiovisuellen Erbes stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden soll. Schon auf der praktischen Ebene mangelt es hier nicht an Herausforderungen.

Die Lebensdauer einer Filmrolle ist sehr kurz

Bevor filmische Zeugnisse tatsächlich gerettet werden können, muss gesichtet werden, was sich auf welcher Filmrolle befindet, wie es um den aktuellen Materialzustand bestellt ist und welche Weiterverarbeitung mit welcher Priorität dadurch notwendig wird.

Es muss evaluiert werden, ob katalogisierte Filmrollen in die Unsichtbarkeit unbeschrifteter Kartons sortiert wurden; entschieden werden, ob Aufnahmen zusammengeführt werden, wie ihre Archivierung organisiert sein soll, wie eine spätere Zugänglichkeit erreicht wird und welches Filmmaterial überhaupt schützenswert ist.

Währenddessen stehen immer wieder Fragen der Finanzierung, der Zusammenarbeit zwischen nationalen und internationalen Einrichtungen und Archivieren in Klärung. Letztere sehen manches Damoklesschwert über sich schweben. Es ist erstaunlich, wie vergleichsweise sensibel die Medien des 19. und 20. Jahrhunderts sind. Frühere Medienbindung mag weniger unmittelbar wirken, dafür bietet sie robuste Langlebigkeit. Platon-Abschriften auf Papyrus haben über weite Strecken ohne Restaurierung ein Alter von 1700 Jahren erreicht, verschiedene Höhlenmalereien etwa 40.000 Jahre.

Dagegen ist die Lebensdauer eines Nitrofilms, beziehungsweise Nitratfilms, außerhalb von Idealbedingungen recht kurz und seine Vitalfunktion oft unvorhersehbar. Neben chemischen und klimatischen Einflüssen droht ihm durch Mikroorganismen und seine hohe Entflammbarkeit ein physisches Ende teilweise bereits unterhalb der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Menschen. Doch gerade diese Empfindlichkeit des Materials ermöglichte die differenzierte Abbildung von bewegter Welt.  

Zwischen Entzauberung und Bezauberung

Filmische Mittelbarkeit schafft Entborgenes. Während vor dem späten 19. Jahrhundert bewegte Szenen durch individuelle innere Vorstellung modelliert wurden, sehen wir heute selbstverständlich in alltägliche, in epochemachende oder künstlerisch ausgeformte Momente der Vergangenheit.

Das audiovisuelle Fixieren bedeutet sowohl Entzaubern von Mythen als auch nostalgisches Bezaubern. Szenen des Zögerns, Eindrücke von äußerer oder innerer Uneinigkeit entzaubern historische Momente ihrer vermeintlichen Zwangsläufigkeit.

Zuschauer blicken auf Szenen, in denen weder gänzlicher Logos noch voller Eros, sondern Kontingenz den Ausgang bestimmt. Filmaufnahmen sowjetischer und US-amerikanischer Panzer, die 1961 am Checkpoint Charlie aufeinander zufuhren, geben eine Ahnung davon, wie eine zu spät eingeleitete Bremsung aus einer Drohgebärde des Kalten Krieges einen historischen Fakt hätte werden lassen können.

Im gleichen Moment bezaubert ebendiese Aufnahme an der Berliner Sektorengrenze durch ihre gebündelte Symbolkraft und einen Eindruck historischer Monumentalität. Bezaubern und Entzaubern sind hierbei weder immer aneinandergekoppelt, noch immer voneinander zu trennen. Ihre jeweilige Qualität kann aber ein Entscheidungsmaßstab dafür sein, welche Aufnahmen in den Archiven unbedingt aktiv gerettet werden sollten.

Historischer Moment. John F. Kennedys auch filmisch dokumentierte Rede vor dem Schöneberger Rathaus 1963.Foto: dpa / Heinz-Jürgen Göttert

Diese Frage der Rettung ist weit von einem Gedankenspiel oder einer theoretischen Allokationsethik des Mediums entfernt. Tatsächlich ist es fast unmöglich, mit den gegebenen Ressourcen all das dem Restaurieren zu unterziehen und Zuschauern zugänglich zu machen, was derzeit in den Archiven der Welt darauf wartet.

Natürlich gibt es Filmzeugnisse, die über alle Entscheidungsverfahren hinweg promenieren – wie Georges Demenÿs 1891 in die Kamera übermittelte Liebesbekundung oder die filmgeschichtlich noch unbelasteten fantastischen Welten eines Georges Méliès.

Gleiches gilt für den deutschen Stummfilm. Diejenigen wenigen Filme, die noch nicht verloren oder zerstört sind, müssen schon deshalb erhalten bleiben, um hier blinde Flecken des audiovisuellen Erbes zu vermeiden. Historische Aufnahmen wie das I have a dream Martin Luther Kings oder Kennedys Rede vor dem Schöneberger Rathaus bewegen sich genauso außerhalb einer Konkurrenz des Bewahrens wie die knapp vor der Sektorengrenze am Checkpoint Charlie abbremsenden Panzer. Jede hinterfragte oder unhinterfragte Auswahl von Szenen bildet bis zu einem gewissen Grad auch das Selbstbild und Selbstverständnis einer archivierenden Gesellschaft ab.

Selbstbild und unser Erbe im Weltall

Das vielleicht dichteste Konzentrat eines menschlichen Selbstbildes wurde 1977 an den Außenwänden der Voyager Raumsonden ins Weltall geschossen. An beiden Sonden wurden die Golden Voyager Records befestigt, vergoldete Kupferplatten, die zwar keine Bewegtbilder, aber neben den Fotografien akustische Eindrücke der Erde und ihrer Bewohner vermitteln sollen.

Mit einem Abstand von jeweils mehr als 18 Milliarden Kilometern zur Erde haben die Voyager Sonden als einzige menschliche Artefakte den interstellaren Raum erreicht. In der immer weiter wachsenden Distanz zur Erde könnten sie innerhalb ihrer geschätzten Lebensspanne von etwa 500 Millionen Jahren zum Zeugnis einer bis dahin mutmaßlich verschwundenen Lebensform Mensch werden.

Die poetische Idee einer Erddarstellung in Klängen und Bildern vereint auf den Kupferplatten Walgesänge, Musik aus unterschiedlichen Stilen, Epochen und Kulturen mit multilingualen Grußbotschaften. Vieles ist zu hören und zu sehen, nichts aber, das Leid, Krieg oder schmerzliche Ereignisse und Umstände berührt.

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Die Aufnahmen zeichnen das Bild einer sorgenfreien, beinahe einigen Menschheit – dies in einer Zeit, deren nukleares Vernichtungspotential sich genau gegen die Lebensform richtet, die diese Sonden konstruiert und ins All geschickt hat. Dennoch: das vermittelte Selbstbild folgte keiner Intention von Übervorteilung, Unterdrückung oder Lenkung anderer Lebewesen.

Positiv betrachtet manifestieren sich hier das Potential und die Artefakte menschlichen Edelmuts. Auch vor dem Hintergrund berauschender Unwahrscheinlichkeit, dass diese Aufnahmen jemals abgespielt werden, vergewissert sich die Menschheit ihres Selbstbilds, das in dem Moment nie ganz ohne Inszenierung sein kann, in dem es Auswahl trifft und sich positioniert.

Zwischen Inszenierung und Kommentierung

Strenggenommen beginnt die Inszenierung schon mit der räumlichen Positionierung einer Kamera und der damit getroffenen Entscheidung, aus welchem Blickwinkel Menschen und Ereignisse gesehen werden und welche Aspekte unsichtbar bleiben. Auch Bernsteins The creative performer ist nicht frei von Inszenierung. Der Ausstrahlung ging einige Wochen zuvor die Aufzeichnung voraus, die einem mehrfach überarbeiteten Skript folgt und das scheinbar exklusive Filmmaterial von Strawinsky mit dem Feuervogel wurde in ähnlicher Weise bereits ein Jahr zuvor mit dem NHK-Orchester für das japanische Fernsehen produziert. Bernsteins Sendung vermittelt aber in all dem ihre Intention im Mittel der Inszenierung.

Ob legitim, nachvollziehbar, wünschenswert oder nicht – auch historische Aufnahmen wurden immer wieder inszeniert, teils aus praktischen Gründen, wenn symbolträchtige Momente nicht direkt während der Kampfhandlungen von einer Kamera begleitet werden konnten. Dennoch sind und bleiben sie Zeitzeugnis und audiovisuelles Erbe.

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Der kommentierende Blick auf inszenierte Bilder und deren Kontexterweiterung werden zur Reaktion der Verantwortlichkeit, in der auch mit propagandistischen Zeitzeugnissen wie Leni Riefenstahls Triumph des Willens oder rassistischen Vorbehaltsfilmen sinnvoll umgegangen werden kann.

Relevant sind diese Filme insofern, als sie im klaren Bewusstsein ihres medialen Lenkungspotentials entstanden. Sie geben Beispiel für Zeitzeugnisse, die die Menschheit nicht zum eigenen Andenken ins Weltall schicken wollen würde, sie aber als Teil ihrer Menschheitsgeschichte nicht verleugnen kann, indem sie sie zerfallen ließe. 

Die Datenmengen sind viel zu groß, vieles wird verloren gehen

Wenn die meist schwachen Impulse ähnlicher Gedenktage im Fall dieses Welttages doch begünstigen, bewegte Bilder von Menschen, die nicht mehr leben, an Menschen, die noch nicht leben, zu übermitteln und ihnen Kontext beizugeben, sind wesentliche Schritte genommen. Vielleicht gibt dieser Welttag auch Impulse für die Perspektive der Zeitzeugenschaft. Als Mensch der Gegenwart bin ich derjenige, der den Stoff für zukünftige Archive schafft, gleichermaßen also Subjekt wie Objekt.

In der weiteren Archivierung müssen wir die Dokumentation von Ereignissen, die Produktion von Filmen und Serien als exponentiell denken. Das digitale Erfassen ist technologisch und kulturell den Teenager-Jahren entwachsen, in denen es beim ersten Welttag vielleicht noch steckte.

Die Datenmengen des Audiovisuellen werden so groß, dass menschliche Augen und Ohren sie nur noch theoretisch konsumieren können. Schon die Bollywood-Filme einer Dekade übersteigen den Bestand mancher Archive der Gegenwart. Jedes – auch nur schmal relevante – Ereignis, jede Krönung wird zusätzlich zu den üblichen Kameras von tausenden Handykameras festgehalten.

Welche Perspektiven werden Teil des filmischen Erbes?

Die Ermordung Kennedys wäre, würde sie heute stattfinden, durch hunderte Smartphones und aus unzähligen Winkeln dokumentiert. Zu Beginn der Filmgeschichte filterte die Knappheit von Mitteln vor, welcher Eindruck erfasst wurde. Heute stellt sich die Frage, was aus all dem Erfassten zukünftig Teil eines Erbes werden sollte, welche Ereignisse, welche Perspektiven relevant bleiben.

Das betrifft auch die Überlegung, wann etwas Triviales wie ein Werbespot im zeitlichen Abstand doch auch hinreichend stark ein Gefühl vom gesellschaftlichen Kontext und Menschenbild gibt.

Am Ende steht so auch die Frage, welches eigene Erbe wir in den zukünftigen Archiven hinterlassen wollen oder was wir hinterlassen wollen würden. Unser audiovisuelles Wunscherbe wird nicht vollständig archivierbar oder zu steuern sein.

Vieles, was uns heute bewegt, was wir als historisch relevant empfinden, wird verlorengehen; vieles anders interpretiert werden. Es bleibt in einer Schwebung zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, dem Entborgenen und Verborgenen. Zum Glück “…for us and all the future.”