Unser Literaturredakteur entdeckt sein Herz für Dackel

Es ist eine der unerlässlichen, wichtigen Eigenschaften von Krimskrams, dass seine Herkunft nie genau bestimmt werden kann – weshalb auch der Verlust nie wehtut und häufig gar nicht weiter auffällt. Wann dieser goldgelb schimmernde Dackel also ins Haus gekommen und schließlich auf der Fensterbank gelandet ist: keine Ahnung.

Er dürfte aus einem dieser Asia-Shops stammen, in denen es eigentlich alles gibt, Handtücher, Gläser, Süßwaren, Unterwäsche, Badehosen, Sonnenschirme, Baseballmützen und eben ganz viel Kitsch und Schnickschack; und gut möglich, dass er eins der Kinder erfreuen sollte.

So zwischen elegant, stolz und auf dem Sprung steht er da, dieser Dackel, ein gewisses Gewicht hat er auch, und so unecht wirkt er gar nicht, sieht man einmal von seinem glamourösen Goldschimmer ab.

Seit einiger Zeit starre ich häufiger auf den Fensterbankdackel. Das hat vielleicht mit den Lektüren des abgelaufenen Jahres zu tun, die mir, der ich alles andere als ein Hundeliebhaber bin, bestimmte Beziehungen zwischen Hunden und Mensch näher gebracht haben.

Das Jahr begann nämlich mit Sigrid Nunez’ sehr gutem Roman „Der Freund“, zu dem hier eine Dänische Dogge wurde. Diese war der Erzählerin von einem verstorbenen Freund hinterlassen worden, und irgendwann teilt sie auch das Bett mit dem Hund. Da schaut sie, wenn sie den Kopf wendet, in das Antlitz der Dogge, weil diese so riesig ist – eine Szene, die sich mir unauslöschlich eingeprägt hat.

Einige Jahre teilte ich meinen Buchmessenaufenthalt mit einem Rauhaarteckel

2020 endete mit Monika Marons Hundeerzählung „Bonnie Propeller“, die genau so niedlich ist wie die struppige Hauptfigur immer niedlicher und liebenswerter wird. Und auch das erste 2021er-Buch, das ich zwischen den Jahren zur Hand nahm, die Geschichte einer einsamen alten Frau und ihres Retrievers Charlie ist, Ottessa Moshfegs Roman „Der Tote in ihren Händen“, passt perfekt zu diesen Hundelektüren.

Doch der goldgelbe Fensterbankdackel weckt bei mir noch andere Assoziationen, gerade in einem Jahr, in dem die Frankfurter Buchmesse ausfiel. Denn einige Jahre teilte ich meinen Buchmessenaufenthalt mit einem weiblichen Rauhaarteckel, Fine oder, noch häufiger: Finchen gerufen.

„Das Finchen“ gehörte einem Kollegen von mir, bei dem ich in der Regel während der Frankfurter Buchmesse zu Gast bin, und Finchen, so machte es Jahr für Jahr mehr den Eindruck, schien ausgerechnet mich sehr in ihr Herz geschlossen zu haben. Häufig machte sie „unter sich“, wenn ich kam, ein Ausdruck für große Freude, wie mein Gastgeber und seine Frau mir erklärten. Weshalb ich es, nun denn, meinerseits nicht vermeiden konnte, Finchen stets ein paar Streicheleinheiten zu verabreichen.

Eines Tages starb Finchen

Während sie sich beim Buchmessentexteschreiben zurückhielt, hatte ich beim Fernsehgucken auf dem Sofa des Kollegen keine Chance: Finchen kroch unablässig auf meinen Schoß, und dann saß ich da mit Hund. Einmal erlaubte sich der Kollege auch den Spaß, Finchen zum Wecken in mein Zimmer zu schicken, was sich jedoch als ein eher unangenehmes, feuchtes Vergnügen erwies.

Und schon wieder rührend war es, wie sie einen anderen Kollegen, der nachts noch mit auf ein paar Weine kam, ins Bein biss. Er hatte sie zum einen, wie es hieß, nicht angemessen begrüßt. Zum anderen war Finchen aber auch angetreten, mich zu verteidigen.

Die Trauer bei meinen Gastgebern war groß, als Finchen eines Tages starb. Und auch ich fühlte mit. Denn da fehlte nun auf einmal jemand, wenn ich nach Frankfurt zur Buchmesse komme.

Diesen Hund hatte selbst ich als erklärter Hunde-Ignorant irgendwie lieb gewonnen. Insofern darf der goldgelbe Fensterbankdackel nie einfach so und spurlos verschwinden – dient er doch nicht zuletzt immer der Erinnerung an Finchen.