Uns kann nichts mehr schocken

Es soll ja immer noch Menschen geben, die den britischen Komiker Sacha Baron Cohen nicht kennen. Der ehemalige US-Verteidigungsminister und spätere Vize-Präsident Dick Cheney zum Beispiel, den Cohen in seiner Satireshow „Who is America“ dazu brachte, vor laufender Kamera ein „Waterboard“ zu signieren.

Oder der republikanische Kongressabgeordnete Jason Spencer, der Cohen vor zwei Jahren in einem Selbstverteidigungskurs gegen islamistische Terroristen seinen nackten Hintern entgegenstreckte, weil religiöse Fanatiker nichts mehr fürchten, als mit „Schwulheit“ infiziert zu werden. Dabei fiel auch das „N-Wort“, kurz darauf trat Spencer widerwillig zurück.

Zugegeben, Sacha Baron Cohen hat viele Gesichter, für seine Charaktere verschwindet er hinter den bizarrsten Prothesen und Perücken. Aber was Menschen alles erzählen – und im Fall von Borat Sagdijev, einem Sexisten, Rassisten und Antisemiten, sind es bevorzugt Amerikanerinnen und Amerikaner –, wenn sie sich unter ihresgleichen wähnen, ist immer wieder erschreckend. Allerdings auch, nach vier Jahren unter Donald Trump, nicht mehr allzu überraschend.

Rudy Giuliani geht Cohen auf den Leim

Cohens jüngstes Opfer ist „Amerikas Bürgermeister“ und Trump-Anwalt Rudy Giuliani, den er in seinem Mockumentary-Sequel „Borat Subsequent Moviefilm“ in einer kompromittierenden Situation mit einer vermeintlich Minderjährigen in einem Hotelzimmer ertappt.

Die osteuropäische Nachwuchsjournalistin nestelt gerade an Giuliani herum, vorgeblich um sein Mikrofon zu richten (nachdem der zuvor schon kaum seine Hände von ihr lassen konnte), als der kasachische Starreporter Borat in einem rosafarbenen Fetisch-Outfit in den Raum platzt und losbrüllt: „Stop, das ist meine Tochter. Sie ist 15, sie ist zu alt für dich!“ Die Szene endet damit, dass ein verwirrter Giuliani Hals über Kopf flüchtet.

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Welche sprachlichen Entgleisungen lediglich lost in translation sind und welche intendiert, ist der rhetorische Trick der Kunstfigur Borat; Dick Cheney beglückwünschte er einst zu seinem „War of Terror“. Die satirische Sprachfigur der „eigentlichen Rede“ hat in Trumps Amerika allerdings stark an Wirkung eingebüßt. Heute ist im Prinzip nichts mehr unsagbar, wenn selbst der Präsident seinen Bürgern empfiehlt, sich zum Schutz vor Covid-19 Desinfektionsmittel zu injizieren.

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Darauf wies Cohen kürzlich in seinem Gastbeitrag im „Time Magazine“ hin, der die Überschrift trug: „We Must Save Democracy From Conspiracies“. Der Artikel sollte wohl auch als Rechtfertigung dienen, warum er 14 Jahre nach „Borat“, damals auf dem Tiefpunkt der Bush-Regierung, seinen schnauzbärtigen Amerika-Versteher erneut auf die Menschheit loslässt.

Das Amerika von Trump und Weinstein

In „Borat Subsequent Moviefilm“ schickt der kasachische Präsident den geschassten Reporter – als Gnadenakt für den ersten Film, der das Land weltweit zur Lachnummer machte –, nach Amerika zurück, weil dessen amtierender Präsident, so hört man, gut auf Autokraten zu sprechen sei.

Dass die Pandemie Cohen dabei zur Hilfe kommen würde, gehört zu diesen kleinen Wundern, die die Unterscheidung zwischen Improvisation und geskripteten Sketchen, zwischen Dokumentation und Inszenierung in seinen Pranks manchmal so herrlich verkompliziert.

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Giuliani ist natürlich eine leichte Beute, der „Fox-News-Experte“ hat sich mit seinen deliranten Interviews in den rechten Meinungssendungen des Senders längst als unzurechnungsfähig diskreditiert. Die vorab geleakten Szenen aus dem „Borat“-Sequel dienten vermutlich eher Werbezwecken als zur Entlarvung Giulianis.

Denn Cohen, zuletzt in seiner ersten ersten Rolle in der Netflix-Serie „The Spy“ zu sehen, arbeitet trotz allen groben Klamauks immer auch suggestiv; allein die Kombination „Tochter“ und „Hotelzimmer“ triggert im Amerika von Trump und Weinstein eine Kette von Assoziationen. Man muss Giuliani in der Szene zugute halten, dass er wohl tatsächlich nur sein Hemd in die Hose stecken wollte.

WG mit Verschwörungstheoretikern

Was von „Borat Subsequent Moviefilm“ bleibt, ist vor allem die Erkenntnis, dass die 14 Jahre zwischen beiden Filmen einen verdammt langen Zeitraum darstellen; zwischendurch wurde Amerika sogar von einem „bösen Präsidenten“ (Borat) regiert – gemeint ist natürlich Obama. Was damals noch nach obskuren Ansichten vom gesellschaftlichen Rand klang (Waffennarren, Evangelikale, Abtreibungsgegner, Antisemiten, Rassisten), dröhnt heute durch den Echoraum der amerikanischen Medien.

Borat (Sacha Baron Cohen) und seiner Tochter Tutar (Maria Bakalova) auf der Flucht vor Rudy Giuliani.Foto: Amazon Studios

Einmal geht Cohen mitten in der Pandemie „undercover“, um mehrere Tage mit zwei Verschwörungstheoretikern zu leben. Doch die Gespräche der drei Männer über jüdische Komplotte und Demokraten, die in Wahrheit für das Virus verantwortlich sind, reproduzieren auch nur die kruden Theorien, die man bereits aus der Berichterstattung von Fox News bis CNN kennt. Cohens körperlicher Einsatz fällt hinter die Wirklichkeit zurück.

Sein Brachialhumor legt jedoch auch eine durchaus hintergründige Dialektik offen. Zwar gibt es unfassbare Szenen wie die, in der Borat im Donald-Trump-Fatsuit einen Auftritt von „Vize-Pussygrabber“ Mike Pence stürmt, um ihm seine Tochter Tutar (die bulgarische Schauspielerin Maria Bakalova) als Geschenk der kasachischen Regierung zu überreichen.

Oder die in einer Südstaaten-Bäckerei, deren Konditorin ihm, ohne die Miene zu verziehen, „Jews will not replace us“ auf eine Torte schreibt. Doch diese kindischen Streiche, die Cohen in „Time“ fast entschuldigend eine satirische Notwendigkeit nennt, stellen nur den Unterbau für seine politische Mission.

Trost von einer Holocaust-Überlebenden

Gerade wenn es um Antisemitismus geht, können Cohens Interventionen erhellend sein. Für Borat bricht eine Welt zusammen, als seine Tochter auf rechten Seiten im Netz liest, dass der Holocaust – in seinem (fiktiven) Kasachstan ein nationales Ereignis, das gefeiert wird – eine Lüge ist. Ausgerechnet zwei alte jüdische Frauen, denen er in der Synagoge später in antisemitischer Kostümierung gegenübersteht, retten sein Weltbild, als sie Borat versichern, dass der Holocaust keine Erfindung ist.

(Ab Freitag auf Amazon Prime)

Dankbar und gerührt lässt er sich von der über-80-jährigen Dim Evans, einer Holocaust-Überlebenden, sogar in den Arm nehmen. Es ist nicht ganz klar, ob Evans eingeweiht war; aber in einer Komödie voller stereotyper Überzeichnungen und medialer Megalomanie erscheint diese hinreißende kleine Szene plötzlich größer als das große Ganze.

Zehn Tage vor der US-Wahl verschafft „Borat Subsequent Moviefilm“ dem Land vermutlich kein karthatisches Erlebnis mehr. Cohen gibt sich auch keiner Illusion hin, dass die Wahl die politische Kultur verändern wird; das hat er mit Michael Moore gemeinsam. Die Frage „Wer ist Amerika?“ lässt sich heute nicht mehr so leicht beantworten.