Und plötzlich ist die Nationalmannschaft spitze

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft und die Nations League – das schien sich mehr und mehr zu einem gespielten Witz zu entwickeln. Doch plötzlich ist alles anders. Am Samstagabend gelang dem Team von Joachim Löw durch ein 3:1 (2:1) gegen die Ukraine der zweite Sieg hintereinander – und ist damit nun vor dem finalen Gruppenspiel am kommenden Dienstag in Sevilla gegen Spanien sogar Tabellenführer, weil die Spanier im Parallelspiel in der Schweiz nur zu einem 1:1-Unentschieden kamen.

Wirklich ungewöhnlich das alles. Wie die Vorbereitung auf das Spiel in Leipzig – weil bis zum Nachmittag nicht klar war, ob die Begegnung überhaupt würde stattfinden können, nachdem es im Team der Ukraine weitere Coronafälle gegeben hatte. Selbst Bundestrainer Löw gab zu, dass in seiner Mannschaft „eine Unsicherheit zu spüren“ war. Manager Oliver Bierhoff sagte: „Wir haben natürlich gefiebert.”

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Bis zum Anpfiff hatte sich die Unsicherheit offenbar gelegt. Gerade zwei Minuten waren vorüber, als Philipp Max von der linken Seite in den ukrainischen Strafraum zurückpasste, Leon Goretzka den Ball jedoch hoch über die Latte jagte. Max durfte nach seinem gelungenen Debüt unter der Woche, beim 1:0-Sieg gegen Tschechien, gleich wieder ran

Sonst waren aus der Startelf vom Mittwoch nur Ilkay Gündogan, Robin Koch und Antonio Rüdiger übriggeblieben, der Mitte der ersten Hälfte seine zweite Gelbe Karte im Wettbewerb sah und damit kommenden Dienstag im letzten Länderspiel des Jahres gegen Spanien ausfallen wird. Koch spielte als Sechser im Mittelfeld und machte das sehr ansprechend; Matthias Ginter übernahm mangels anderer Alternativen die Position des rechten Außenverteidigers in der Viererkette.

Nach verheißungsvollem Beginn mit der frühen Chance von Goretzka hatten die Deutschen in der Folge einige Schwierigkeiten mit den tief und diszipliniert verteidigenden Ukrainern. Löws Mannschaft ließ den Ball kreiseln, fand aber keinen Weg durch das Dickicht der gegnerischen Defensive. Stattdessen gerieten die Deutschen sogar nach zehn Minuten in Rückstand. Roman Jaremtschuk traf aus elf Metern zum 1:0 für die Gäste, nachdem die Abwehr nicht entschlossen genug zu Werke gegangen war.

Manuel Neuer holte Sepp Maier ein

Manuel Neuer im Tor war gegen Jaremtschuks Schuss machtlos. Er schüttelte kurz den Kopf. Wieder kein Zu-Null-Spiel für Deutschlands Kapitän, der am Samstag in Leipzig einen Uralt-Rekord einstellte. Der Münchner bestritt sein 95. Länderspiel und ist nun mit Sepp Maier der Torhüter mit den meisten Einsätzen für die deutsche Nationalmannschaft.

Die Führung hätte den ersatzgeschwächten Ukrainern eigentlich perfekt in die Karten spielen müssen. Doch sie gaben ihren Vorteil zu schnell aus der Hand – weil sie den Deutschen mit ihren schnellen Offensivleuten nach einer Ecke endlich mal den Raum anboten, den sie brauchen, um ihre Stärken zur Geltung zu bringen. Goretzka trieb den Ball durchs Mittelfeld und spielte dann einen perfekten Pass in die Spitze zu Leroy Sané, der mit einem präzisen Schuss in die lange Ecke zum 1:1 vollendete (23. Minute).

Goretzka war der auffälligste Spieler auf dem Platz. Auch die Führung zehn Minuten später bereitete der Münchner vor. Einen langen Pass von Robin Koch nahm er auf artistische Weise aus der Luft an, seine Flanke von kurz vor der Torauslinie vollendete der frühere Leipziger Timo Werner an seinem ehemaligen Arbeitsplatz per Kopf zum 2:1.

Erster Heimsieg in der Nations League

Noch nie hatten die Deutschen ein Heimspiel in der Nations League gewonnen, sie hatten überhaupt erst einmal in diesem Wettbewerb gewonnen: im Hinspiel in der Ukraine. Ein Spaziergang war es allerdings auch diesmal nicht. Das Gefühl der Unantastbarkeit strahlt Löws Mannschaft nicht aus, vor allem nicht in der Defensive. „Es war ein sehr schwieriges Spiel. In der aktuellen Situation hilft nur eines: Siege, und das haben wir heute geschafft“, sagte Leon Goretzka.

Kurz nach der Pause hatten die Deutschen Glück, als der Ball nach einem Schuss von Alexander Sintschenko am Außenpfosten landete. Neuer wäre ohne Chance gewesen, weil Niklas Süle den Ball noch abgefälscht hatte.

Mitte der zweiten Halbzeit beruhigten sich die Nerven bei den Deutschen ein wenig. Nach einem der wenigen ansprechenden Offensivaktionen des Aushilfsaußenverteidigers Ginter, einem scharfen Pass in die Mitte erzielte Werner sein zweites Tor zum 3:1. Anders als bei den Länderspielen im September und Oktober, als die Nationalmannschaft die eine oder andere Führung noch weggab, brachten die Deutschen es diesmal seriös zu Ende. Mit ein bisschen Glück – weil die Ukrainer noch zwei Mal den Pfosten trafen. Tsp