Und jetzt ab nach oben!

Nachdem Hertha BSC am Samstagabend mit der vorletzten Maschine, die vor der endgültigen Schließung von Tegel dort noch landen durfte, aufgesetzt hatte, stellten sich Matheus Cunha und Bruno Labbadia noch auf dem Rollfeld ins ausgeleuchtete Dunkel und hielten ein Schild „#Danke TXL“ in die Kameras. Zwar verbinden weder der 21-jährige Brasilianer noch der 54 Jahre alte Trainer eine besonders innige Liebe zum schließenden Flughafen, doch an diesem Abend hätten sie vermutlich auch ein Schild mit „Make Hertha Great Again“ in den Berliner Himmel gehalten, wenn es ihnen denn einer gereicht hätte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte der Hauptstadtklub mal wieder ein Fußballspiel gewonnen. Über allem schwang der Satz des Abends: „Die Mannschaft hat diesen Sieg gebraucht.“

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Gesagt hatte ihn Labbadia, der erfahrene Trainer, für den das 3:0 beim FC Augsburg gleichfalls der 100. Sieg als Bundesligatrainer war. Ja, die Mannschaft hat den Sieg wirklich gebraucht, nach fünf sieglosen Spielen am Stück. Und auch Labbadia selbst hat ihn gebraucht. Nicht, weil er, sondern das Umfeld schon nervös geworden war.
Das war wegen vieler investierter Millionen Euro und ausbleibender Erfolge langsam unruhig geworden. Hinzu kamen jüngste Meldungen, wonach der Investor Lars Windhorst, der inzwischen 274 Millionen Euro in den Verein gepumpt hat, weitere 100 Millionen, die für diesen Herbst versprochen waren, erst über die Spielzeit verstreut überwiesen werden.
Von Labbadias Vor-, Vor-, Vor-, Vorgänger im Amt, Pal Dardai, stammt der Satz, wonach man als Trainer nach sechs sieglosen Spielen weg vom Fenster ist. Nun stand zwar nicht zu befürchten, dass dieses Schicksal Labbadia ereilt hätte, wäre es mit einem Sieg in Augsburg nichts geworden. Zu sehr weiß die Vereinsführung um Manager Michael Preetz, dass Labbadia ein guter Griff ist. Und das lässt sich über das gute Dutzend Trainer, das Hertha in den vergangenen zwölf Jahren beschäftigt hat, sehr selten behaupten.
Der zweite Saisonsieg im siebten Bundesligaspiel verschafft Trainer und Mannschaft eine kleine Verschnaufpause für die Zeit der nun anstehenden zweiwöchigen Länderspielpause. Ob es der erhoffte Befreiungsschlag war, wird sich erst noch zeigen müssen. „Wir machen gerade eine Entwicklung, es geht voran“, sagte Labbadia. „Das tut unfassbar gut nach dieser langen Durststrecke“, gestand Alexander Schwolow, der sich als Torwart zusätzlich über das erste Zu-Null-Spiel der Saison freute.
Für Herthas Trainer war der zweite Saisonsieg eine „logische Konsequenz“ der vergangenen zwei, drei Wochen, in denen er eine „gute und stete Entwicklung“ beobachtet habe. Doch im Fußball gebe es eben keinen Ersatz für positive Resultate, wie er sagte: „Siege brauchst du einfach für die Fortentwicklung einer Mannschaft. Deswegen tut der Sieg sehr gut.“

Labbadia sagt: „Wir haben noch viel Arbeit vor uns“

Zufrieden dürfte den Trainer stimmen, dass die drei Tore von Cunha, Dodi Lukebakio und Krysztof Piatek jeweils von Stürmern erzielt wurden. „Stürmer sind abhängig von Erfolgserlebnissen. Tore sind wichtig für Stürmer, das befreit und gibt Selbstvertrauen“, sagte der frühere Angreifer Labbadia aus eigener Erfahrung. Besonders im Fall Piateks hoffe er auf eine positive Signalwirkung. „Er wird jetzt erste Wahl sein“, sagte Labbadia über den 25-Millionen-Winter-Einkauf. Denn, und das trübte die Stimmung im Lager der Berliner, Startelf-Stürmer Jhon Cordoba, der in Augsburg verletzt ausgewechselt werden musste, wird wegen einer Bänderverletzung im Sprunggelenk voraussichtlich bis Jahresende ausfallen. „Das ist sehr schade, das trifft uns sehr. Das ist eine Verletzung, die reinhaut“, sagte Labbadia.
Erfreulich dafür, dass sich Neuzugang Matteo Guendouzi als erfrischendes wie belebendes Element im Zentrum an der Seite von Niklas Stark aufspielte. „Wir finden uns gerade“, sagte Stark, der im defensiven Mittelfeld eine bessere Figur abgab als in der Innenverteidigung, wo Dedryck Boyata und Neuzugang Omar Alderete wachsam und schnörkellos agierten.
Darauf lässt sich aufbauen, das jüngste Erfolgserlebnis schafft Zutrauen und ein weiteres Stück Überzeugung. „Ich bin froh, dass Vieles funktioniert hat, aber ich bin kein Träumer“, sagte Labbadia, „wir haben noch viel Arbeit vor uns.“ Insofern kommt die Länderspielpause, in der Hertha mehr als ein Dutzend Nationalspieler abzustellen hat, erneut zur Unzeit. Das treffe zwar auch andere Bundesligisten, „aber bei so vielen Abgängen und Zugängen, die wir hatten, ist jede Unterbrechung für uns ein Stück weit Gift“, sagte Labbadia. Die Mannschaft habe noch sehr viel Bedarf im Zusammenspiel. „Wenn wir diese zwei Wochen jetzt mit allen hätten, wäre das ein Quantensprung.“

Nach der Länderspielpause wird es happig für Hertha

Nach der Länderspielpause kommt es für die Berliner am 21. November im Heimspiel gegen Borussia Dortmund gleich so richtig happig. Dann geht es nach Leverkusen, danach kommt es zum Stadtderby mit dem 1. FC Union.
Tatsächlich zeigt die Formkurve Herthas nach den jüngsten Spielen gegen Leipzig, Wolfsburg und nun Augsburg leicht nach oben.

Doch fast alle Stammspieler verstreut es nun erst einmal wieder in alle Welt. Nicht allerdings über Tegel. Der Flughafen ist Geschichte. Für Bruno Labbadia hatte die späte Samstagabend-Ankunft noch persönlich etwas Besonderes. Es war seine erste und letzte TXL-Landung als Hertha-Trainer.