Ulrike Draesner: “Sie zeigt Schönheit und Schrecken”

Frau Draesner, Sie kommen gerade von einer Reise zurück in Berlin am Bahnhof an, und man kann Ihnen sogleich zum Literaturnobelpreis gratulieren, mittelbar!

(lacht) Danke. Aber ich bin natürlich so überrascht wie wir alle.

Und wie die Preisträgerin. Haben Sie Louise Glück schon persönlich erlebt?

Nein, leider nicht. Sie wollte keinen direkten Kontakt. Als ich Glück vor Jahren übersetzt habe, liefen Mails an Sie immer nur über ihre amerikanische Agentur. Sie selbst blieb lieber verborgen.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie die beiden 2007 und 2008 bei Luchterhand erschienenen Gedichtbände „Averno“ und „Wilde Iris“ ins Deutsche übertragen haben?

Es war eine Idee von Luchterhand. Der Verlag hatte die Rechte an Büchern von ihr erworben und mehrere Autoren zu einem kleinen Wettbewerb mit Probeübersetzungen eingeladen. Daran habe ich teilgenommen und bekam den Zuschlag. Wobei ich Louise Glück als Lyrikerin vorher schon kannte. Ich habe ja Anglistik studiert, und in Harvard entdeckte ich 2005 Gedichtbände von ihr im Schaufenster eines Buchladens und habe sie gekauft.

No jokes on names, doch Louise Glück verdient eine Ausnahme. Sie hatte das Glück, auf keiner der zumeist irrtümlichen Kandidatenlisten für den Nobelpreis zu stehen.

Umso besser. Ich finde es ein ganz wichtiges Zeichen, dass so an die Bedeutung der Poesie erinnert und eine Lyrikerin geehrt wird, deren Gedichte höchst aktuelle Aspekte berühren. Wie sie Natur beschreibt oder den weiblichen Körper, wie sie eine Rückbindung an wesentliche Mythen unserer Kultur sucht. In „Averno“ dringt sie buchstäblich in die Unterwelt vor, fragt, was ist Persephone für eine Frau und wer Hades als Mann, und was macht eine Demeter auf der Erde? In diesen Gedichten gerät man als Leserin in immer tiefere Schichten und macht eine abenteuerliche Reise in die Innenwelt von Menschen, weil sich in Louise Glücks Versen Hautschicht um Hautschicht löst.

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Sie sind selbst auch Lyrikerin. Spüren Sie da eine innere Verwandtschaft?

Das nicht unbedingt. Der Reiz beim Übersetzen ist für mich eher, dass man ein anderes poetisches Reich betritt. Auch ist unser literarischer Stil ganz verschieden. Louise Glück arbeitet mit bewussten Wiederholungen oder repetitiven Variationen, zudem ist die Syntax im Englischen auf den ersten Blick einfacher strukturiert, was im Deutschen dann leicht mal etwas monoton wirkt. Aber ich habe diese relative Einfachheit in meinen Übersetzungen ebenso bewusst versucht beizubehalten.

Das Nobelkomitee spricht von der „austere beauty“, von einer strengen Schönheit in Glücks Gedichten.

Ja, ihre Verse sind schön, die Inhalte oft schrecklich.

Wurden Sie in der Eile schon angefragt, ob Sie nun weitere Gedichte von Louise Glück übersetzen würden? Sie hat ja insgesamt zwölf Lyrikbände veröffentlicht.

Nein, jetzt müssen wohl erstmal die beiden schon übersetzten Bände neu aufgelegt werden.

Sie sind vergriffen. Leider können Sie ja nicht nach Stockholm reisen, um Louise Glück einmal persönlich kennenzulernen.
In diesen pandemischen Zeiten sicher nicht. Die übliche Feier findet auch gar nicht statt.