Über die Einsamkeit des Skispringers

Einsamkeit ist ein großes Problem. In Zeiten der Pandemie ist es noch größer als ohnehin schon. Es gibt verzweifelte Menschen, die ihre Fernsehkabel durchschneiden, damit der Techniker vorbeischaut, dem man bei der Gelegenheit einen Kaffee anbieten kann. Hauptsache jemand ist mal da!

Wer das tut, der läuft ab Samstag allerdings Gefahr, die Sportart zu verpassen, die mehr über den Umgang mit Einsamkeit erzählt als alle anderen: Es handelt sich natürlich ums Skispringen. An diesem Wochenende beginnt die Saison mit den Wettbewerben in Wisla in Polen.

Der Skispringer ist noch verlorener als der Torwart, der nach einem folgenschweren Fehler allein im Strafraum sitzt und traurig ins Leere blickt. Der Springer sitzt in eisiger Höhe einsam auf einem Balken. Er nestelt häufig an seiner Skibrille herum, prüft, ob die Bindung sitzt, obwohl er weiß, dass Brille und Bindung sitzen. Es sind oftmals Versuche, das Unverrückbare – den Sprung – noch um wenige Sekunden zu verzögern.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräteherunterladen können (Link: https://app.adjust.com/3cue8rp?campaign=Textlink) ]

Vor dem Springer tut sich ein beängstigend-schönes Panorama auf. Er blickt auf die endlose Weite des Himmels. Und unter ihm, gefühlt so unendlich weit entfernt, befindet sich das Tal.

Dort muss er hin. Mit nichts weiter als Skiern unter den Füßen soll er die Schanze hinunterrasen, durch die Lüfte fliegen und hoffen, dass er sich bei der Landung nicht alles bricht. Keiner wird ihm dabei helfen. Nicht der Trainer, der schon am Hang steht und ihm gleich mit einer Flagge in der Hand zu verstehen gibt, dass der eisige Wind nun günstig steht und er losfahren soll. Und auch sonst niemand auf dieser Welt.

Die Einsamkeit ist zugleich Freund und Feind des Springers. Er hasst und liebt sie, weil sie ihm Angst, aber auch ein großes Glücksgefühl bereitet, wenn er sie denn schadlos überwunden hat und wieder zurück ist in der Gemeinschaft. Dann fühlt sich auch der Skispringer wohler – zumindest bis zum nächsten Sprung ins Ungewisse.