Über das gespaltene Verhältnis zu seiner Herkunft

War Marcel Proust von gesellschaftlichen Konventionen gehemmt? Saul Friedländer untersucht in einem Essay Homosexualität und das Jüdische im Werk des Autors.




Jeremy Irons und Alain Delon als Proust-Figuren Swann und Baron de Charlus in Volker Schlöndorffs Verfilmung „Eine Liebe von…Foto: mauritius images

Als Saul Friedländer vor gut einem Jahrzehnt einen Essay über Kafka zu schreiben begann, lag der Grund dafür nahe: Friedländer wurde 1932 in Prag geboren, sein Vater war gebürtiger Prager, studierte Jura an der deutschen juristischen Fakultät der Karls-Universität, wie Kafka 15 Jahre zuvor, und arbeitete – ebenfalls wie Kafka – als Berater einer Versicherungsgesellschaft. „Die Welt meiner Familie war die der Prager Juden, die einer etwas jüngeren Generation angehörten als Franz.“

Nun hat der Historiker, Holocaust-Überlebende und -Forscher abermals einen Essay über einen seinen literarischen Hausheiligen geschrieben: Marcel Proust. Doch dieses Mal wurde Friedländer, so bekennt er gleich zu Beginn in seiner Einleitung von „Proust lesen“ (Verlag C.H. Beck, München 2020, 208 Seiten, 20 €), von guten Bekannten gefragt: „Warum Proust?“

Darauf hatte er nur vage Antworten, etwa die Außergewöhnlichkeit, die Schönheit von Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Aber auch eine biografische Motivation gibt es: „Einige Themen des Romans kamen meinem eigenen jahrzehntelangen Nachsinnen, vor allem über Identität, sehr nahe.“

Sind Autor und Werk identisch?

Was Friedländer verschweigt, zumindest in der Einleitung seines Proust-Essays, ist sein französischer Hintergrund: Nach der Besetzung seiner Heimat durch die Deutschen flüchtete die Familie 1939 nach Frankreich, über Straßburg und Paris gelangten sie ins Landesinnere nach Néris-les-Bains im Department Alliers.

Als die Deutschen auch hier einmarschierten, versuchten seine Eltern in die Schweiz zu flüchten, wurden nach Auschwitz deportiert, konnten ihn aber in einem katholischen Internat unterbringen, wo er Krieg und Holocaust überlebt hat. 1948 emigrierte Friedländer nach Palästina; die französische Kultur hatte sich jedoch mitsamt der Sprache in ihn eingeschrieben. Ende der Siebziger schrieb er das Buch über seine Kindheit und Jugend auf Französisch: „Wenn die Erinnerung kommt“.

Prag, Paris, Palästina, danach ein Pendeln zwischen Tel Aviv und Los Angeles: verständlich, dass sich bei so einem biografischen Werdegang die Identitätsfrage ein Leben lang stellt. Bei Proust konzentriert sich Friedländer zunächst auf dessen jüdische Identität – die Mutter Jeanne Weil entstammte einer großbürgerlichen jüdischen Familie. Und auf die auffällig nicht-jüdische Identität seines Erzählers Marcels, der aus einer frommen katholischen Familie kommt. Die Mutter ist in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ die Tochter eines aus Combray stammenden Katholiken.

Die andere, nicht unwesentliche Identität ist die der geschlechtlichen Orientierung von Autor und Erzähler, seine Homosexualität. Während sich Marcel Proust offen dazu bekannte, ist sein Erzähler durch und durch heterosexuell. Er verliebt sich in Gilberte, die Tochter Swanns, bewundert die Mädchenschar in Balbec, schwärmt für Madame de Guermantes und verfällt schließlich Albertine, wovon die Bände „Die Gefangene“ und „Die Entflohene“ erzählen.

Widersprüche in Prousts Werk

Friedländer geht es um die Widersprüche in Prousts Werk, aber auch um jene, die es zwischen dem Ich-Erzähler der „Recherche“ und ihrem Autor gibt. Das Wechselspiel von Text und Autor steht im Zentrum dieses Essays, natürlich in dem Wissen, dass Proust ausdrücklich keine Autobiografie geschrieben hat; obwohl er in Briefen immer wieder Ähnlichkeiten eingestand, womöglich selbst entfernteste, nebensächlichste Lebensäußerungen seines Umfelds in das Werk einflossen.

Die Haltung des Erzählers zum Judentum ist eine ambivalente. Intensiver, nachdrücklicher als viele Proust-Forscher geht Friedländer der Frage nach, warum Proust die jüdische Identität seiner Mutter verändert hat. Und er andererseits durchaus fixiert ist auf das Jüdische in Figuren wie Charles Swann und Bloch. Letzterer ist der Jugendfreund des Erzählers, und obwohl Bloch diesem zwar nichts getan hat, kommt er häufig schlecht weg. Gleich zweimal werden seine Bewegungen mit denen einer Hyäne in einen Zusammenhang gebracht.

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Friedländers These: Proust wollte mit der fiktiven Genealogie seiner Mutter diese von ihrem Judentum „erlösen“. Weshalb sie unter anderem keinen Namen hat und ihr Aussehen nie genauer beschrieben wird – anders als das von Swann und Bloch, mit ihren vermeintlich typisch jüdischen Merkmalen. Gerade Bloch könnte als Paradebeispiel für diesen, wie Friedländer einräumt, „sonderbaren“ Erlösungsversuch stehen: „Er ist so dreist, wie sie empfindsam ist, so ungehobelt, wie sie perfekte Umgangsformen an den Tag legt, so hyänenhaft, wie sie … aristokratisch erscheinen mag.“

Schäferstündchen in Sodom und Gomorrha

Man muss Friedländer hier nicht unbedingt folgen. Zumal er selbst Prousts Erzähler eine gewisse „Unentschlossenheit“ attestiert. Dieser wisse häufig nicht, wie er sich zu dem Jüdischsein von Swann und Bloch verhalten soll, Zuneigung und Ablehnung trennt häufig nur ein schmaler Grat. Schließlich bezeichnet Friedländer das Vorgehen des Erzählers als „soziale Akrobatik“, vergleichbar mit der von Proust selbst. Zum Beispiel bei der Dreyfus-Affäre, in der Erzähler und Autor (dessen Vater Adrien von der Schuld des jüdischen Offiziers überzeugt war, was zu Verwerfungen innerhalb der Familie Proust führte) stets auf der Seite des Angeklagten stehen. Das jedoch weniger der jüdischen Zugehörigkeit wegen, sondern aus Gründen der Gerechtigkeit.

Nicht viel anders verhält es sich mit dem Milieu der Homosexuellen. Diesem ist Prousts Erzähler durchaus zugewandt. Dann wieder wird es mit einer „Sprache des Hasses“, so Friedländer, geradezu „der Inquisition“ in Augenschein genommen. Was sich insbesondere in der schillernden Figur des Baron de Charlus manifestiert. Charlus wird mit einer gewissen Bosheit porträtiert, später fast der Lächerlichkeit preisgegeben.

Saul Friedländer hat sich zvor essayistisch mit Franz Kafka beschäftigt.Foto: imago/Jens Jeske

Und doch schimmert stets Bewunderung durch. Charlus ist jenseits seiner Homosexualität die vielleicht unabhängigste, selbstbewussteste und freieste Figur der „Recherche“. Friedländer gibt zu, dass es etwas dünn sein könnte, die Widersprüche bei der Darstellung der Homosexualität womöglich allein auf gesellschaftliche Konventionen zurückzuführen; darauf, dass Proust sich einem großen Publikum anbiedern wollte.

Und dann gibt es wieder die so ausführliche – und wer sie nur einmal gelesen hat: unvergessliche – Darstellung des ersten Flirts mitsamt nachfolgendem Schäferstündchen des Schneiders Jupien mit Charlus auf dem Hof des Pariser Anwesens der Guermantes. Diese Anfangsszene des vierten Bandes, von „Sodom und Gomorrha“, ist um vieles eindringlicher, offener, farbiger geschildert als alle Liebesszenen des Erzählers mit Albertine. Was wiederum darauf hinweisen könnte, wie Friedländer glaubt, „dass der Erzähler einigen Lesern die sexuellen Vorlieben des Autors offenlegen wollte”.

Erinnerung als aktiver Prozess

Das Unbewusste des Autors schlägt diesem des Öfteren ein Schnippchen. Da entzieht sich der Erzähler hie und da der Kontrolle des Autors: im Sexuellen, bei der Erlösung der Mutter, in der berühmten Madeleine-Szene. Auch im Hinblick auf das auf unwillkürlichen Erinnerungen basierende Romankonstrukt. Friedländer weist auf die mitunter seltsame Zeitlosigkeit hin, die dem Ganzen anhaftet, obwohl die Zeit eines der bestimmenden Themen des Romans ist.

Und auf den Widerspruch (die wohl meistgebrauchte Vokabel des Essays), dass die Suche nach der verlorenen Zeit eine aktive ist, die unwillkürliche Erinnerung aber einen passiven Prozess darstellt. Der Kunstgriff des Autors käme der Erinnerung in die Quere. Friedländer versucht oft, die Betrachtungen des Erzählers über die Zeit, den Tod, die Erinnerung und die Liebe mit dem Leben des Autors kurz- und zurückzuschließen, mitunter vergeblich. Im Wissen darum, über Mutmaßungen nicht hinauszukommen.

Was aber nicht groß ins Gewicht fällt. Friedländer schreibt klar, verständlich, ohne Schnörkel. Sein Essay ist stilistisch ein Vergnügen und verschafft in gebotener Kürze tiefe Einblicke in die „Recherche“. Als Friedländer schließlich zugibt, viele Fragen nicht befriedigend beantworten, viele Widersprüche nicht auflösen zu können, hat er für sich selbst eine weitere Antwort auf die Frage „Warum Proust?“ gefunden: wegen der Erinnerung an die niemals wiederkehrende Mutter.

In „Wenn die Erinnerung spricht“ heißt es einmal im Gedenken an letzte Szenen mit der Mutter (und sofort denkt man dabei an Proust): „Ich sitze auf dem Bett, die Tür öffnet sich, und sie tritt ein: Schmal und aufrecht hebt sich ihre Gestalt gegen den Lichtschein ab.“ Nein, Friedländers Essay ist kein biografischer, so wie er seinerzeit den Essay über Kafka bezeichnet hat – obwohl auch dieser weit darüber hinausging. Trotzdem möchte man nach dieser Lektüre nicht nur ein weiteres Mal Proust lesen – sondern auch Friedländers Bücher.