„Trumps politischer Stil war völlig hemmungslos“

Donald Trump hat die US-Wahl verloren, und schon reagiert auch der Buchmarkt darauf. Die vielen Trump-Bücher dürften sich zu Ladenhütern entwickeln oder gleich an die Verlage zurückgeschickt werden. Und sie müssen nächste Woche in den Buchhandlungen ganz sicher den Memoiren seines Vorgängers Barack Obama Platz machen, „A Promised Land“.

Knapp 800 Seiten stark ist allein dieser erste Teil von Obamas zweibändiger Autobiografie. Der erscheint am Dienstag nicht nur in den USA, sondern zeitgleich in über vierzig anderen Ländern der Erde, natürlich auch in Deutschland unter dem Titel „Ein verheißenes Land“, mit dann tausend Seiten.

In 25 Sprachen sei „A Promised Land“ übersetzt worden, heißt es von Verlagsseite. Drei Millionen Exemplare beträgt allein die erste gedruckte Auflage in den USA, und von 65 Millionen Dollar ist die Rede, die die Penguin Random House Verlagsgruppe an Obama und seine Frau Michelle (für ihre inzwischen allein in den USA über acht Millionen Mal verkaufte Autobiografie „Becoming“) bezahlt haben soll.

Dass man jetzt nach den Präsidentschaftswahlen das Erscheinen dieses Buches in den USA kaum erwarten kann, versteht sich, und so beschäftigen sich die amerikanischen Medien schon jetzt intensiv mit Obamas Erinnerungen, zuvorderst mit ihrer aktuellen Brisanz – auch wenn dieser erste Teil 2011 endet mit der Operation „Neptune Spear“, mit der Barack Obama die Tötung von Osama bin Laden in Auftrag gegeben hatte.

Palin weckte die dunklen Gespenster der Republikaner zum Leben

Doch porträtiert Obama in „A Promised Land“ zum einen ein bisschen auch Amerikas neuen Präsidenten Joe Biden, war dieser schließlich in beiden seiner Amtszeiten von 2009 bis 2017 Vizepräsident: „Ich mochte die Tatsache, dass Joe mehr als bereit war, meine Nachfolge anzutreten, falls mir etwas zustoßen sollte – und dass er diejenigen besänftigen konnte, die meinten, ich sei zu jung“, zitiert CNN aus „A Promised Land“.

Ausschlaggebend sei jedoch sein Bauchgefühl gewesen, weil Joe Biden „anständig, ehrlich und loyal“ gewesen sei. „Ich hatte die Überzeugung“, schreibt Obama, „dass Joe sich um die kleinen Leute sorgen würde und ich mich auf ihn verlassen konnte, wenn es schwierig werden würde. Ich sollte nicht enttäuscht werden.“

Zum anderen macht sich Obama Gedanken um die Entwicklung der Republikaner im allgemeinen und im speziellen über die Reaktionen auf seine Wahl 2008, die nichts mit seiner politischen Agenda zu tun hatten, nichts mit ideologischen Gegensätzen, sondern allein mit seiner Hautfarbe. Da geht es um eine Politikerin wie Sarah Palin, die 2008 von den Republikanern als Vizepräsidentschaftskandidatin nominiert worden war, und natürlich irgendwann um Donald Trump.

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Über Palin schreibt Obama: „Es machte den Eindruck, als würden mit Palin die dunklen Gespenster an den Rändern der Republikanischen Partei ihren Weg in die Mitte der Partei finden: Fremdenfeindlichkeit, Antiintellektualismus, paranoide Verschwörungstheorien.“

Von Trump wiederum hatte Obama als Geschäftsmann und Bankrotteur gehört, war ihm aber nie begegnet. Nun musste er auf dessen Äußerungen bei Fox News oder Blomberg TV reagieren, auf die Unterstellungen, er sei nicht in den Vereinigten Staaten geboren worden, auf das sogenannte „Birtherism“ der Republikaner.

„Es war“, zitiert CNN aus Obamas Buch, „als hätte meine Gegenwart im Weißen Haus eine tief sitzende Angst getriggert, als würden meine Gegner glauben, die natürliche Ordnung der Dinge löse sich auf. Genau das hatte Donald Trump begriffen, als er die Behauptung verbreitete, ich sei nicht in den Vereinigten Staaten zur Welt gekommen und daher kein rechtmäßiger Präsident“.

Und Obama weiter über Trump: „Er versprach Millionen Amerikanern, die wegen eines Schwarzen Manns im Weißen Haus verschreckt waren, ein Elixier zur Behandlung ihrer ethnischen Ängste.“

Chimamanda Ngozi Adichie schrieb in der “New York Times” eine epische Rezension

Womit sich wiederum die republikanische Partei gern gemein gemacht habe, namentlich die beiden republikanischen Fraktionschefs John A. Boehner oder Mitch McConnell. Der Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen sei ihnen vollkommen gleichgültig gewesen: „Sie mussten nicht wirklich glauben, dass ich das Land in den Bankrott treibe oder Obamacare die Euthanasie fördere. Der Unterschied von ihrem politischen Stil und jenem von Trump bestand nur darin, dass Trump völlig hemmungslos war.“

Geradezu episch ist die über 500 Zeilen lange Rezension der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie am Donnerstag in der „New York Times“ geraten. Interessanterweise geht Adichie darin überhaupt nicht darauf ein, wie Joe Biden und Donald Trump von Obama beschrieben oder erwähnt werden.

Kein einziges Mal fallen bei ihr die Namen von Biden und Trump. Was darauf hinweist, dass “A Promised Land” keine sensationellen, die aktuelle Situation in den USA noch einmal anders befeuernden Enthüllungen enthält, sondern viel mehr in die Tiefe geht, gerade im Hinblick der von Obama behandelten „black issues“ und der ständigen Gefahr eines Backlash der Weißen.

Adichie schreibt, dass Obamas Fokus primär ein politischer sei, er aber immer, wenn er persönlich werde, einen schönen Hang zum Nostalgischen habe. Und sie analysiert Obama nach ihrer Lektüre als einen Mann, der sich ständig dabei beobachtet, wie er sich selbst beobachtet.

An dieser Stelle erzählt Adichie von einem Streit, den sie des Öfteren mit einem ihrer Freunde habe, der jedes Thema hin und her wälzt und von allen Seiten betrachtet, ohne einen Standpunkt zu beziehen.

„Doing an Obama“ hat Adichie das getauft, um nach der Lektüre des Buches festzustellen, dass Obama in seinem Buch ziemlich oft den Obama mache. Und seine Frau zu ihm gesagt habe: „Es wirkt, als müsstest du eine innere Leere füllen. Deshalb kannst du nie nachlassen.“

Am Ende ihrer im höchsten Maß sympathisierenden Besprechung spricht die Schriftstellerin von einem „Schlüsselmoment“ in Amerikas Geschichte, den Obama mit „A Promised Land“ ausgeleuchtet hat. Und dass er darin von einem Land erzählt, dass sich gleichermaßen verändert und unverändert bleibt. Das wiederum ist eine präzise Beschreibung der aktuellen politischen Lage rund um das Weiße Haus.