Trennung in der Not

Joe Biden hat versprochen, sich als erstes um Wege aus der Coronakrise zu kümmern. Ob womöglich auch die US-amerikanische Museumslandschaft von einem möglichen Hilfspaket profitieren wird, bleibt abzuwarten.

„Für die Finanzierung von Museen ist es egal, wer Präsident ist“, sagte Max Hollein, Direktor des New Yorker Metropolitan Museum kurz vorm US-Wahltag in einem Interview im österreichischen „Standard“.

Unterstützung der öffentlichen Hand gibt es für amerikanische Museen traditionell nur in geringem Maß. Im Durchschnitt kommt nicht einmal ein Viertel des Budgets vom Staat oder den Städten. Die Museen leben von Eintrittsgeldern und vor allem von großzügigen Spendern. Von der Regierung zur Verfügung gestellte Coronahilfen, etwa für Non-Profit-Organisationen, waren schnell versiegt. Zusätzliche Kompensationen wurden von Museumsverbänden verzweifelt eingefordert, die Entscheidung darüber war von der Trump-Administration auf die Zeit nach der Wahl verschoben worden.

Viele US-Museen werden die Pandemie vielleicht nicht überleben

Die Situation vieler Häuser ist laut der American Alliance of Museums, einem der großen Museumsverbände der Vereinigten Staaten, alarmierend. Rund ein Drittel der Museen werden es wohl nicht schaffen, so die Schätzung.

Anders als in Deutschland haben die US-Museen im Moment geöffnet, allerdings mit deutlich weniger Besuchern und gebeutelt von Monate langen Schließzeiten, wie beim Metropolitan Museum in New York.

30 000 Besucher pro Tag verzeichnete das Haus vor der Pandemie. Ein Großteil waren Touristen. Nach der Wiedereröffnung sind es am Wochenende um die 7000 und unter der Woche 2000 bis 3000 pro Tag, so Hollein im „Standard“-Interview. 350 Mitarbeiter hat Hollein entlassen, 20 Prozent der Belegschaft. Und auch viele andere Museen im ganzen Land haben sich von Personal getrennt.

Nun versuchen immer mehr Museen sich zu retten, indem sie Kunstwerke verkaufen. Solche Verkäufe gibt es in Amerika auch ohne Pandemie, sie sind umstritten und nur geduldet, wenn das Geld für neue Ankäufe verwendet wird.

Jetzt aber hat der Branchenverband Association of Art Museum Directors seine Regularien vorübergehend geändert. Für die nächsten zwei Jahre, also bis 2022, ist den Museen der Notverkauf gestattet. Die Häuser dürfen also auch Werke verkaufen, um laufende Kosten oder Gehälter zu bezahlen.

Das Brooklyn Museum verkaufte zwölf Werke

Das Brooklyn Museum, eines der größten Museen New Yorks, machte als erstes davon Gebrauch. Im September wählte es zwölf Werke zum Verkauf aus. Den Erlös will es für den Erhalt und die Pflege der existierenden Sammlung verwenden. Bilder von Claude Monet, Jean Dubuffet, Edgar Degas und Joan Miró kamen bei Christie’s und Sotheby’s unter den Hammer. Allein das Gemälde „Lucretia“ von Lucas Cranach dem Älteren brachte 4,2 Millionen Dollar ein.
Natürlich fragt man sich: Wer kauft da jetzt ein? Sind es reiche Amerikaner, die so ihren Beitrag leisten? Und nach welchen Kriterien wählt wer im Museum die Werke aus? Wird nur verkauft, was ohnehin niemand mehr sehen will?

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Cranachs „Lucretia“, die Darstellung eines jungen, schönen und nackten Mädchens, das der Mythologie zufolge, sich selbst erdolcht, um ihre Ehre nach einer Vergewaltigung wiederherzustellen, sei lange nicht gezeigt worden, so wie alle anderen verkauften Werke auch, heißt es aus dem Museum. Eines davon war ein Papst- Bild von Francis Bacon, das der Künstler selbst nie im Museum hatte sehen wollen.

Jackson Pollocks „Red Composition“, das das Everson Museum of Art in Syracuse im Oktober versteigern ließ, zählte dagegen zu den wichtigen Werken des Hauses.

Wer entscheidet, was weg kann?

Auch das Baltimore Museum kündigte im Oktober an, sich von Stücken aus der eigenen Sammlung zu trennen. Rund 70 Millionen Dollar sollten die Verkäufe einbringen. Es handelte sich um drei Bilder von Andy Warhol, vom Minimalisten Brice Marden und vom abstrakten Expressionisten Clyfford Still. Die Pandemie sei nur ein Vorwand der Museen, sich ihrer Verantwortung des Sammelns und Bewahrens zu entziehen und vom überhitzten Kunstmarkt zu profitieren, erregte sich daraufhin der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Kunstkritiker Christopher Knight in der „Los Angeles Times“.

Wegen anhaltender Beschwerden zog das Museum in letzter Sekunde die Werke aus der Auktion wieder ab. Vorerst.

Es scheint vordergründig betrachtet naheliegend zu sein, sich von Beständen zu trennen, die nur selten gezeigt werden, um den Betrieb in der Krise am Laufen zu halten. Aber was ist schon entbehrlich? Kulturelle und künstlerische Bewertungen ändern sich, die ganze Weltwahrnehmung ändert sich rasant.

Wenn wir heute etwas verzichtbar finden, kann die nächste Generation einen guten Grund haben, sich wieder dafür zu interessieren. Bei deutschen Museen, die bislang gut vom Staat aufgefangen werden, gibt es die Diskussion um Verkäufe zum Glück noch nicht.