Traumatische Geschichte in Wimmelbildern

Der Pionier der Comic-Reportage bleibt sich in seinem aktuellen Buch „Wir gehören dem Land“(aus dem Englischen von Christoph Schuler, Edition Moderne, 256 S. 25 €) treu, inhaltlich wie stilistisch. Wieder geht es, ohne Seitenränder und manchmal ganz ohne Panels, um eine marginalisierte Bevölkerungsgruppe, deren Situation medial und politisch unterrepräsentiert ist.

Authentische Stimmen der Dene, einer „First Nation“ im kalten, einsamen, aber rohstoffreichen Norden Kanadas, werden journalistisch so aufbereitet, dass aus kurzen Episoden und verschiedenen Perspektiven ein komplexes Bild einer leidenden Gesellschaft entsteht: Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, häusliche Gewalt und der schleichende Verlust von Sprache und Tradition.

Willkürliche Grenzen durchschneiden angestammte Siedlungsgebiete, die Konzerne bringen zwar Jobs, aber auch die Zerstörung der Natur und der traditionellen Lebensweise sowie die Abhängigkeit von Marktpreisschwankungen, der Staat hilft mit Sozialhilfe und Infrastruktur, hat aber viele Jahrzehnte Kinder der Dene zwangsweise in Internaten von den ihren getrennt.

Entfremdet und enteignet

Kolonialismus und Paternalismus führen zur Entfremdung, das Fracking der Gasvorkommen und andere Ausbeutungen der Natur führen auch zum politischen Streit der Gemeinschaften verschiedener Gebiete untereinander.

Misshandelt: Eine Szene aus einer “Residential School”, bis in die 1990er betriebe Internate für indigene Kinder.Illustration: Joe Sacco / Edition Moderne

Sacco vermeidet allzu plakative Schuldzuweisungen an die Weißen, den kanadischen Staat, christliche Missionare und ihre Internate sowie an die Rohstoffkonzerne, aber seine Sympathien für die Dene sind klar. Leider gelingt es ihm nicht, jenseits von Aktivisten auch jüngere Dene zu befragen; diese tauchen nur als Gegenstand trauriger Betrachtung durch Ältere auf, die ihren antriebslosen Alkoholismus und ihre mangelnde Naturverbundenheit beklagen.

Sehnsucht nach dem alten naturverbundenen Leben

In der Zerrissenheit zwischen Gemeinschaft und Individualismus funktioniert weder das alte naturverbundene Leben, das sich manche zurückwünschen, noch das neue, moderne Leben, das andere anstreben.

Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Edition Moderne

Zeichnerisch und seitenkompositorisch tritt Joe Sacco bei seinen journalistischen Comics etwas auf der Stelle. Zwar gelingt es ihm auch in diesem Band, die überwiegend in Dialogen erzählte Reportage lebendig werden zu lassen, aber die vielen Seiten voller an Wimmelbilder grenzender, schwarz-weißer Detailfülle sind auf Dauer ermüdend, fast erschlagend.

Es wird Zeit für Sacco, auch in diesem Genre neue Wege zu beschreiten, wie er es bei seinen satirischen („Bumf“) und historischen Comics („Der Erste Weltkrieg“) schon teilweise getan hat.