Trampolin des Lichts

Der Säulenheilige, ein „kleiner grauer Stylit“, sitzt nicht betend auf einem Sockel, sondern klebt auf einer Holzplatte, deren Grau heller ist als dasjenige des Namensgebers. Der hat zwar durchaus etwas Körperhaftes, erinnert entfernt an einen Rückenakt oder Torso, besteht aber eigentlich aus einem schlichten, mit Leinwand bespanntem Schwamm. 1963, Gotthard Graubner macht sich mit solchen „Farbleibern“ auf den Weg zu seinen „Kissenbildern“ und „Farbraumkörpern“, mit denen er berühmt wurde. Zwei mittlere Formate und ein Diptychon sowie zwei Großformate (Preise auf Anfrage) präsentiert der Kunsthandel Wolfgang Werner in einer „Hommage zum 90. Geburtstag“ des 2013 verstorbenen Künstlers.

Wie Graubner zu seinen Farbkissen kam

Noch klarer zeigt sich Graubners Herantasten an den ureigenen Ausdruck in der hinreißenden, unbetitelten Arbeit (Zero 350). Eine kleine Mischtechnik in tuftigem Rosa, an den Rändern gerahmt vom puren Nessel. Darauf ein kleines Quadrat – wiederum aus mit Leinwand umhülltem Schaumstoff. Ein kissenartig weißes Zentrum, gefasst von kräftigem Magenta. Das Ganze schwebt in einem Kasten, mit dem der Künstler den Raum zwar schon betont, nach außen hin aber noch mit Holz und Plexiglas abgrenzt.

Nicht nur mit solch frühen Werken schlägt die Ausstellung einen erhellenden Bogen zu den ab 1970 entstehenden „Farbraumkörpern“. Ergänzend dokumentiert eine Fotoserie der „Nebelräume“, mit denen Graubner zum ersten Mal 1968 auf den Düsseldorfer Rheinwiesen auftrat, das Experimentieren mit der Bild-Raumwirkung. Der Künstler in Nebelschwaden, die aus einem mannshohen Luftballon strömen.

„Man braucht Luft zwischen den Dingen, um gut zu malen, wie die Empfindung zwischen den Ideen, um gut zu denken“, hat Cézanne in den Gesprächen mit Gasquet gesagt. In diesen Denkräumen formte Graubner die Farbe zum Gegenstand, die nichts weiter behauptet als sich selbst. In diesen Denkräumen formte Graubner die Farbe zum Gegenstand, zur elementaren Gestalt, die nichts weiter behauptet als sich selbst. Seine Bilder, so der Künstler einst, seien „Trampoline des Lichts“. Darauf scheinen die Farbpartikel munter auf und ab zu hüpfen und erzeugen eine Raumtiefe und Dynamik, in denen die Malerei zu atmen beginnt und wir atmen mit.

Während die Zero-Kollegen, zu deren Umkreis er gehörte, den Raum mit lichtkinetischen Objekten eroberten, blieb Graubner im Bild. Erweiterte den Begriff mit durchaus radikalen, aber nicht auftrumpfenden Elementen. Blieb stets ein wenig abseitig, still statt großsprig, eigensinnig und eigenbrötlerisch. Ein kauziger Herr mit Vollbart und Hut, verschmitzt und in einer anderen Zeit ruhend.

Von Orange durchtränkt

So auch 2003 im wandfüllenden „centro“. Trotz expressiver Anmutung scheint die Farbe mehr weggenommen als ungestüm hinzugefügt. Durchtränkt von Orange-Nuancen, bewirken die Schichtungen der zehn Zentimeter tiefen Leinwand über Synthetikwatte auf Leinwand einen Sog. Aus einigem Abstand dann reibt man sich die Augen: Im Zentrum kippt gedämpftes Orange in loderndes Rot. Graubner’sche Farbtrunkenheit, die die physikalischen und neuronalen Gesetze der Farbe auf unnachahmliche Weise sinnlich erfahrbar macht. Wie das tief dunkle Violett, das in „muar“ um schwarze Löcher schwebt oder die warme Gelb-Palette in „dona“, die zum Tanz im Raum aufgefächert erscheint und noch einmal die fast traditionelle Leinwand „aufgefächert II“ von 1957 auf den Plan ruft. Eine Arbeit aus Studienzeiten an der Düsseldorfer Kunstakademie. Drei Jahre zuvor war Graubner von Dresden an den Rhein übergesiedelt.
Kunsthandel Wolfgang Werner, Fasanenstr. 72; bis 7. November, Mo–Fr 10–18 Uhr, Sa 11–15 Uhr