Traditionelle Gitarrenpädagogik

Die Mutter von Dave Grohl ist Lehrerin. Sie wird nicht begeistert gewesen sein, als ihr damals 17-jähriger Sohn Mitte der Achtziger die High School abbrach, um Drummer bei einer Punkband in Washington D.C. zu werden.

Die inzwischen pensionierte Virginia Grohl konnte ja nicht wissen, dass aus dem einst spillerigen Kerl einmal ein Weltstar werden würde. Einer, der in Seattle gleich mit zwei Bands Rockgeschichte schreiben würde, erst mit Nirvana und seit 1995 mit den von ihm gegründeten Foo Fighters.

Auftritt bei der Inaugurationsfeier von Präsident Biden

Virginia Grohl ist Fan, hatte viele Jahre lang einen Klappstuhlplatz am Bühnenrand. Umgekehrt ist auch Dave Grohl ein großer Bewunderer seiner Mutter, die 35 Jahre lang an öffentlichen Schulen unterrichtet hat. So kommt es, dass der Musiker sich etwas intensiver für das US-Bildungssystem interessiert als der durchschnittliche Rockstar.

Im vergangenen Sommer schrieb er deshalb im Magazin „The Atlantic“ einen Essay mit dem Titel „In Defense of our Teachers“, in dem er sich für bessere Schutzmaßnahmen der Lehrkräfte in der Pandemie aussprach. Er riet – einer Empfehlung seiner Mutter folgend – zu mehr Fernunterricht, bei allen Problemen die das mit sich bringt.

Wie sehr Dave Grohl das Thema am Herzen liegt, zeigte sich auch bei den Inaugurationsfeierlichkeiten für Präsident Biden, wo er mit den Foo Fighters auftrat und den „unerschütterlichen“ Lehrer*innen das Lied „Times Like These“ widmete. Eine Hymne, die zwar schon fast 20 Jahre alt ist, aber wie gemacht zu sein scheint für die schwierige Gegenwart. Leider wählte die Band eine etwas arg staatstragend-reduzierte Interpretation, die erst am Ende zur euphorischen Energie des Songs vordrang.

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Die Reaktionen in den Sozialen Medien waren dennoch begeistert, wie man den Foo Fighters ohnehin nie ernsthaft böse sein kann. Dafür ist Bandchef Dave Grohl einfach zu sympathisch, zu sehr ehrlicher Rocker, der selbst mit gebrochenen Bein noch auftritt, und gelegentlich witzige Aktionen bringt, etwa wenn er Rick Astley für ein „Never Gonna Give You Up“-Cover auf die Bühnen holt

[„Medicine At Midnight“ erscheint RCA/Sony.]

Dass die Foo Fighters schon ewig keinen richtigen Charthit mehr hatten, macht überhaupt nichts, Stadien können sie weiterhin ausverkaufen. Ihre Fans lieben sie bedingungslos, und sie werden auch das am heutigen Freitag erscheinende zehnte Album des Sextetts wieder feiern. Denn „Medicine At Midnight“ ist eine feine Rock’n’Roll-Lehrstunde, bei der die Foo Fighters ihre Stärken souverän ausspielen. Runtergebretterte Riffs, melodisches Refrains, irre Schlagzeugpower – alles wird vorbildlich durchdekliniert.

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Gelegentlich experimentiert die Band aber auch mit neuen Unterrichtsinhalten. So beginnt der Titelsong für ihre Verhältnisse fast schon funky mit einer synkopierten Cowbell, einer prominenten Bassline und verhaltenen Synthesizer-Akkorden. Man denkt kurz an Pearl Jam – Seattles andere Großband –, die 2020 mit „Dance Of The Clairevoyants“ einen beglückenden Dancerock-Ausflug gewagt hat.

Doch die Foo Fighters ziehen im Refrain dann schnell wieder alles gerade, ein Phänomen, das noch ein paar mal zu beobachten ist, wenn sie sich ansatzweise in Richtung Disco bewegen.

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So richtig trauen sie sich noch nicht auf die Tanzfläche. Dass Dave Grohl die Platte als „dance record“ bezeichnet hat und sogar meinte „Es ist unser David Bowie ,Let’s Dance’-Album“, fällt in die Kategorie Übertreibung. Die Foo Fighters sind schließlich eine Band mit drei Gitarren und das machen sie auch immer wieder unmissverständlich deutlich, wenn sie etwa im aggressiven „No Son Of Mine“ zusammen mit Grohl aufheulen, fauchen und herumzucken. Dass ein mehrmals auf der Platte auftauchender weiblicher Background- Chor dazu ein paar „Uhhhs“ beisteuert, fällt nicht weiter ins Gewicht.

Bei aller Genrekonventionalität gibt es auf dem von Greg Kurstin (Adele, Pink) produzierten und in L.A. aufgenommene Album immer wieder beeindruckende Momente wie die von Streichern begleitete Single „Shame Shame“, die in ihrem wohlig-wehmütigen Refrain an frühe Hits der Foo Fighters erinnert. Und mit welcher Hochdruck-Dynamik „Holding Poison“ zwischen Prog- und Stonerrock herumdeliriert ist schlicht atemberaubend. Im Balladenfach kommt „Medicine At Midnight“ allerdings bestenfalls auf eine 4+.

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Das angekischte „Chasing Birds“ klingt wie eine verunglückte Hommage an Elliott Smith und „Waiting On A War“ leidet unter einem trivialen Holpertext. Hat Grohl, dessen Jugend von Kalter-Krieg-Angst begleitet war, zunächst noch etwas zu erzählen („I’ve been waiting on a war since I was young/ Since I was a little boy with a toy gun/ Never really wanted to be number one/ Just wanted to love everyone“), fragt er im Refrain schlicht „Is there more to this than that?“.

Der Sänger hat den Song für seine elfjährige Tochter geschrieben, die ihn mit der Frage überraschte, ob es Krieg gebe. Trost und Aufheiterung spendet das Lied kaum. Aber wahrscheinlich hört die kleine Harper eh ganz andere Musik – etwas mit Beats und ohne Gitarren.