Tim Stützle und Co. – die Jungen müssen spielen!

Vor ein paar Wochen, in seligen Zeiten, als die Pandemie am Abflauen zu sein schien, präsentierte die „Hockey News“ ihren Lesern die Teams, die ihrer Meinung nach für die olympische Goldmedaille im Jahr 2022 in Frage kommen. Die Bibel der nordamerikanischen Eishockeyfans hatte sechs Nationalmannschaften für diese Ehre auserkoren – und erntete dafür einen Shitstorm von der Leserschaft. Vorwurf: Eine Mannschaft fehle. Das holte die Zeitung schnell nach. Logisch. Deutschland fehlte, die neue Eishockeymacht in der Welt dieses Sports.

Das erscheint noch weit übertrieben, aber: Nationen wie Tschechien oder die Schweiz waren nicht im Kandidatenkreis für olympisches Gold in Peking. Und tatsächlich ist Deutschland, was die jungen Spieler angeht, vorne dabei in der Eishockeywelt. Leon Draisaitl wurde jüngst zum besten Spieler der abgelaufenen Saison in der National Hockey-League (NHL) gekürt. Und der Nachfolger des Kölner Jungs steht auch schon in den Startlöchern: Tim Stützle aus Viersen. Der Stürmer von den Adler Mannheim wurde am Mittwochmorgen im sogenannten Draft der NHL-Klubs von den Ottawa Senators an dritter Stelle gezogen – genau an der Position wie einst Draisaitl.

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Nicht wenige sagen dem jungen Mann vom Niederrhein eine ähnlich gute Karriere vorher wie dem Kölner. Nicht zu Unrecht, Stützle hat schon mit 17 Jahren das Spiel eines Männerteams organisiert. Er ist robust, läuferisch enorm stark und mit einer unglaublichen Übersicht ausgestattet. Tore schießen kann er auch, vielleicht ist er sogar vielseitiger als der große Leon Draisaitl.

Tasächlich ist Stützle, und das ist das Erstaunliche, nicht der einzige gute 18-jährige Eishockeyprofi aus Deutschland. Auch an Lukas Reichel von den Eisbären Berlin sicherte sich ein Klub aus der NHL die Rechte in der ersten Draftrunde, die Chicago Blackhawks. Und John Jason Peterka, ein ebenfalls 18 Jahre junger Mann aus München, wird wohl auch bald in der NHL spielen. Der dritte deutsche Spieler im Draft wurde von den Buffalo Sabres in der zweiten Runde (an 34. Stelle insgesamt) gezogen, wie es so unschön heißt..

Nun ist das alles nicht überraschend, der Aufschwung des deutschen Eishockeys begann vor zwei Jahren mit der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Südkorea und viel wichtiger als das: In den Nachwuchszentren in München und Mannheim wurde nicht erst seitdem so akribisch gearbeitet wie nie zuvor im deutschen Eishockey, es werden noch mehr Spieler nach Draisaitl und nun Stützle kommen und zu sehen sein – wenn diese Sportart dann endlich im Lande wieder auf die Beine kommt.

Nun ist die DEL gefragt – Ideen müssen her, um endlich spielen zu können

Denn das ist das Absurde: Junge gute Spieler – ja. Eine Liga die spielen kann – nein! Die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) hinkt in der Coronakrise allen anderen Sportarten im Lande hinterher. Ohne ordentlich Zuschauer will und kann sie nicht spielen, heißt es. Das Geld fehle. Die DEL ist aber auch nicht auf dem Wege, die Situation zu lösen. Da wird nur gejammert. Und das ist fatal, denn: Junge Spieler wie Stützle und Reichel trainieren seit Wochen nur, haben kaum oder keine Matchpraxis. Peterka ist schon nach Österreich gewechselt, um spielen zu können.

In dieser Situation ist nun die DEL gefordert. Die Jungen müssen spielen in der Liga, daher muss die Liga spielen. Irgendwie. Notfalls auch nur mit den Klubs, die sich die Krise leisten können. Denn wer viele Talente hat, der muss ihnen auch eine Chance geben, sich weiterzuentwickeln. Damit sich die gute Prognose für das deutsche Eishockey dann auch irgendwann weiter in internationalen Erfolgen niederschlagen kann.