Tier wohl

Ein Schwein blickt aus seinem engen Gefängnis in die Kamera, als könnte sie ihm Rettung aus seinem Joch bringen. Für das Tier kommt das emphatische und gleichfalls entlarvende Foto von Konrad Lozinski zu spät, doch sein Blick dringt direkt ins Herz. Ein visueller Hilfeschrei.

Wieder einmal nimmt sich der Projektraum „f3 – freiraum für fotografie“ unter der künstlerischen Leitung von Katharina Mouratidi engagiert eines Themas an. Fotografie, die die Wirklichkeit für Tiere in der industriellen Landwirtschaft, den Schlachtbetrieben, in Fischerei, bei Tiertransporten, in der Forschung, Mode und Unterhaltung dokumentiert. Es sind dekuvrierende, ja schockierende Bilder von 20 Fotografinnen und Fotografen. Unweigerlich stellt sich die Frage, mit welchem Recht sich Menschen anmaßen, Tiere derart despektierlich zu behandeln und ihnen jede Würde zu rauben. Eine Hand hat den Hals der Gans im Griff, während die andere mit einem Trichter die Nahrung in den Schnabel zwingt, um Stopfleberpastete zu produzieren. Luis Tatos Bild dieses Gewaltaktes mag ebenso wenig Neues zeigen wie die meisten Exponate der Ausstellung. Alles hinlänglich bekannt, aber wir lernen wegzuschauen und zu verdrängen, sonst müssten wir uns unbequeme Fragen stellen und Konsequenzen ziehen.

Deformierte Körper, winzige Käfige

Genau hier setzen die Aufnahmen an. Zuchtfüchse mit deformiert großen Körpern garantieren eine ertragreichere Pelzausbeute. Kristo Muurimaas Bilder führen hinter die Kulissen einer pervertierten Mode-Industrie. Die international prämierte Fotografin Britta Jaschinski, berühmt für ihre Aufnahmen von Tieren in freier Wildbahn, widmet sich hier den Endprodukten. Beschlagnahmte Accessoires aus Leopardenfell, für die schätzungsweise 20 der Katzen getötet wurden. Aber auch die der Unterhaltung dienenden Tiere in Gefangenschaft sind bemitleidenswerte Kreaturen, artfremd ausgestellt und zu Objekten degradiert. Von Aitor Garmendia stammt ein Bild, auf dem wir den Rücken der großen Braunbärin Tima sehen, betatscht von mehreren Kindern in einer spanischen Zirkusarena.

“The End of Meat”

„Seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere“, brachte Artur Schopenhauer seine Enttäuschung über die eigenen Artgenossen zum Ausdruck, der man sich nach dem Besuch dieser Ausstellung anschließen möchte. Allein, Katharina Moutardi wollte es nicht bei den Dokumenten der Tierzurichtung und -vernichtung belassen und einen positiven Eindruck integrieren. Der Dokumentarfilm von Marc Pierschel „The End of Meat“ aus dem Jahr 2017 lässt Aktivisten und Aktivistinnen zu Wort kommen, die dem Fleisch abgeschworen haben und ausgebeutete Nutztiere retten. Auf großzügigen, Sanctuaries genannten Farmen, ermöglichen sie den Kreaturen ein Leben in beschützter Freiheit. Das ist die Basis für Begegnungen auf Augenhöhe und führt zu innigen wie liebevollen Momenten zwischen Mensch und Tier. Bei Lüneburg lebt die Philosophin und Autorin Hilal Sezgin auf ihrem Hof mit den von ihr geretteten Tieren, die keine andere Aufgabe mehr haben, als selbstbestimmt zu leben.
f3 freiraum für fotografie, Waldemarstr. 17; bis 24. Mai; Mi–So 13-19 Uhr (5/3 Euro). Aktuell nur mit Zeitfensterticket unter https://fhochdrei.org/tickets/