Thomas Hettche: „Unsere Fantasie bedeutet Freiheit“

Thomas Hettche, 1964 geboren, lebt in Berlin. Mit seinem Roman „Herzfaden“ (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020, 286 S, 24 €) ist er für den Deutschen Buchpreis nominiert. Der wird am Montag, den 12. Oktober um 18 Uhr im Frankfurter Römer verliehen.

Herr Hettche, es wirkt überraschend, vielleicht sogar etwas anachronistisch, einen Roman über die Augsburger Puppenkiste zu schreiben. Wie sind Sie darauf gekommen?
Wie findet man seine Stoffe? Und was fasziniert einen so sehr, dass man mehrere Jahre seines Lebens damit verbringt? Das lässt sich schlecht erklären. Der erste Impuls war wohl: Jemand erzählte mir von Walter Oehmichen, dem Gründer der Augsburger Puppenkiste, und von seinen beiden Töchtern Hannelore und Ulla, und diese deutsche Geschichte passte so gar nicht zu meinen Kindheitserinnerungen an das Urmel und Jim Knopf. Da gab es eine Lücke, ein Geheimnis. Das war der Ausgangspunkt.

Wollten Sie ursprünglich ein Kinder- oder Jugendbuch schreiben?
Tatsächlich hatte ich zunächst vor, ein Buch für meine Tochter zu schreiben. Sie war zehn, als ich mit dem Roman begann. Mit 13, 14 Jahren, dachte ich, wird sie es lesen und verstehen können.

Es ist dann aber doch mehr geworden, ein Roman für alle Altersklassen.
Jede Geschichte, die man erzählen will, entwickelt ein Eigenleben und fast immer wirft sie die Pläne über den Haufen, die man zu Beginn hat. In diesem Fall führte mich die Lebensgeschichte Hannelore Oehmichens, die als Puppenschnitzerin über Jahrzehnte alle Marionetten der Puppenkiste geschnitzt hat, zu der besonderen Magie, die von Marionetten ausgeht. Und während der Roman entstand, interessierte mich die Frage immer weniger, ob dies nun ein Buch für Erwachsene oder Jugendliche wird.

Bestehen denn Märchen ausschließlich aus Geschichten für Kinder?
Natürlich nicht. Marionetten sind schließlich auch nicht nur ein Spielzeug für Kinder. Man könnte auch fragen: Ändert sich denn etwas an der Art und Weise, wie unsere Fantasie Dinge belebt, wenn wir älter werden? Abermals: nein! Die Figur der Molly Bloom bei Joyce wird beim Lesen doch auf ganz dieselbe Art lebendig wie Frau Waas aus Michael Endes Roman über Jim Knopf.

Man muss also nicht Kleists Einlassungen über das Marionettentheater oder Theodor Storms „Pole Poppenspieler“ gar nicht kennen? Sie verweisen in ihrem Roman an mehreren Stellen darauf.
Nein, überhaupt nicht! Wissen Sie: Kleist spricht in seinem Aufsatz über das Marionettentheater von der „Grazie“ der Puppen. Das ist ein sehr alter Begriff, der meint, dass das Sinnliche und Nicht-Sinnliche in einem bestimmten Verhältnis stehen müssen, damit wir etwas schön finden. Wer jemals die Eleganz gesehen hat, mit der Marionetten sich bewegen, weiß sofort, was gemeint ist. Aber für mich ist Grazie auch ein guter Begriff für das, was mich als Schriftsteller interessiert. Ein Roman, der seine Geschichte nicht reflektiert, ist hohl, einer, der bei aller sprachlichen Kraft nichts über Menschen zu erzählen weiß, ist leer.

Ist das Ihr Ideal als Schriftsteller?
Ich strebe danach, dass ein Roman Inhalt und Form in ein bestimmtes Verhältnis setzt. Und zwar aus einem bestimmten Grund: Ist diese Balance erreicht, lesen wir mit dem Herzen und dem Verstand zugleich, denkend und empfindend. Dann überwältigt uns ein Text, betäubt uns aber nicht, sondern lässt uns selbst tanzen wie die Marionetten, die Kleist beschreibt. Und wenn das gelingt, müssen Sie seinen Aufsatz nicht kennen, um den Roman zu lesen.

Was ist nun das Besondere an der Augsburger Puppenkiste, was hat sie literarisch sonst noch gereizt?
Die Puppenkiste wurde zwar von Walter Oehmichen und seiner Frau gegründet, aber als sie 1948 Premiere hatte, bestand das Ensemble vor allem aus Jugendlichen im Alter der beiden Töchter. Die waren meist noch keine 20. Als mir das klar wurde, verstand ich, dass es sich bei diesem Theater um ein Projekt der Generation meiner Eltern handelte, also von Menschen, geboren um 1930, die ihre ganze Kindheit im Faschismus verbracht hatten. Und das interessierte mich. Denn aus Erzählungen weiß ich, dass diese indoktrinierte Generation das Kriegsende oftmals als Verrat erlebt hat, als Enttäuschung darüber, dass ihre kindliche Begeisterung missbraucht worden war. Und diese Generation war dadurch prägend für die ersten Jahrzehnte unseres Landes, dass sie sich ihr ganzes Leben lang schwer damit tat, sich noch einmal für etwas zu begeistern.

In Ihrem Roman stellt sich das etwas anders dar.
Ja. Meine Frage war: Haben sich die Erfahrungen dieser Generation in der Puppenkiste niedergeschlagen? Und dann stellte ich fest, dass diese jungen Leute sehr bald begannen, nach aktuellen Stoffen zu suchen. 1951, ein Jahr nach Erscheinen, adaptierte man etwa den „Kleinen Prinzen.“ Und kaum gab es das Fernsehen, inszenierte die Puppenkiste für das neue Medium: Jim Knopf war die erste deutsche Fernsehserie. Auch diesen Stoff sicherte man sich in Augsburg gleich nach dem Erscheinen des Buches. Die Antwort dieser jungen Leute nach dem Krieg war also nicht Flucht in eine Märchenwelt, sondern die Suche nach Geschichten, die ihre Erfahrungen als Märchen abbildeten. Das fand ich hochinteressant.

Wie haben Sie recherchiert?
Ich bin zunächst nach Augsburg gefahren und habe versucht, ein Verhältnis zu der Stadt zu gewinnen, war in den Archiven, habe viel über die Kriegs- und Nachkriegszeit gelesen. Dann war ich natürlich in verschiedenen Aufführungen der Puppenkiste, hab’ mir alles zeigen lassen, mich als Puppenspieler versucht, und vor allem mit Klaus Marschall gesprochen, dem Sohn Hannelore Oehmichens, der das Theater heute leitet. Und ich habe ihre Schwester Ulla besucht und mir vonder Kindheit der beiden erzählen lassen.

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Die Ihnen berichtete, wie es im Urlaub war, als ihr Vater 1939 in den Krieg musste und der Urlaub abgebrochen wurde, der Szene, mit der ihr Roman beginnt.
So einfach ist das nicht. Diese Szene ist fiktiv. Keine Ahnung, wie sich jener Moment tatsächlich zugetragen hat. Ich schreibe ja Romane, keine Sachbücher oder Biografien. Das heißt: Nach der gründlichen Recherche, die mir sehr wichtig ist, entsteht eine Geschichte, die sich von den Fakten auch wieder entfernt. Das, was ich erzählen will, hat mit tatsächlichen Ereignissen nur indirekt zu tun

Wie sind Sie zu der Idee mit den zwei Erzählebenen gekommen, der in roter und der in blauer Schrift gehaltenen? Was war entscheidend für den Aufbau des Romans?
Ich wollte von der Magie der Marionetten nicht nur historisch berichten, sondern sie für den Leser auch erlebbar machen. Die Marionetten, die wir alle aus unserer Kindheit kennen, sollten selbst lebendig werden. Also habe ich mich entschieden, wenn es schon um Märchen geht, auch selbst eines zu erzählen.

Die beiden verschiedenfarbigen Schriften sind ja eine Verbeugung vor Michael Endes „Unendlicher Geschichte“, die zweifarbig gedruckt wurde.
Der Roman, dessen Handlung mit Kriegsbeginn 1939 einsetzt, endet damit, dass die Puppenkiste 1961 den „Jim Knopf“ für das Fernsehen vorbereitet. Und so sind die beiden Farben eine Hommage an Michael Ende, da haben Sie recht. außerdem mag ich es, wenn Bücher schön sind, wenn man sie gerne anfasst, weil sie in Leinen gebunden sind, weil sie ein schönes Papier haben, eine schöne Schrift. Ich erinnere mich noch genau an die Faszination, die Bücher auf mich als Kind ausübten, besonders, wenn es Abbildungen gab. Deshalb gibt es in „Herzfaden“ jetzt die wunderbaren Illustrationen von Matthias Beckmann. Das Buch als Medium ist viel zu großartig, als dass es sich hinter den digitalen Medien verstecken müsste

Hat deshalb das Mädchen in der roten Ebene, der Gegenwarts- und Märchenebene, ein iPhone dabei? Warum stammt es aus einer gescheiterten Beziehung und lebt mal bei dem Vater, mal bei der Mutter?
Na ja, eine Dreizehnjährige gibt es heutzutage nicht ohne Smartphone. Das ist weniger Medienkritik als Realismus. Und was die Familienverhältnisse angeht, so fällt auf, dass die Geschichten der Puppenkiste häufig von Patchworkfamilien erzählen: Jim Knopf kommt nicht nur im Postpaket nach Lummerland, er wird auch noch falsch zugestellt. Vom Urmel, das aus einem unbekannten Ei schlüpft, weiß niemand so genau, was es überhaupt ist. Ich halte es für bezeichnend, dass gerade diese Kriegsgeneration nach neuen Familienmodellen Ausschau hielt und deren Geschichten weitergab. Daran knüpft der Roman an, dafür will er sensibilisieren.

Erinnern Sie sich noch, was Sie an der Augsburger Puppenkiste am meisten mochten, Sie sind Jahrgang 1964, also drei Jahre nach dem Start im Fernsehen geboren.
In Zeiten des linearen Fernsehens mit seinen drei Kanälen entscheiden ja wenige Jahre darüber, was einen prägte. Bei mir war es nicht zuerst das Urmel oder Jim Knopf, sondern Kalle Wirsch, der Erdmännchen-König. Ich fand das sehr, sehr unheimlich. Und faszinierend daran war ja: Man sah als Kind die Fäden, man sah, dass die Gesichter aus Holz waren, man sah, dass das Meer eine blaue Plastikfolie war. Aber das tat der eigenen Imagination keinen Abbruch! Im Gegenteil, würde ich heute sagen.

Hatten Sie als Kind Marionetten?
Nein. Zum ersten Mal habe ich bei meinen Recherchen eine in der Hand gehabt und das war wirklich ein faszinierender Moment. Auch ohne jede Erfahrung bewirkt das Zusammenspiel von Spielkreuz, Fäden und den pendelnd aufgehängten Gliedmaßen, dass die Bewegungen der Puppe sofort etwas Natürliches haben, als würde sie tatsächlich lebendig. Das war schon magisch. Und ich verstand in dem Moment sofort, weshalb Walter Oehmichen immer stolz sagte, Marionettenspielen sei nichts anderes, als mit einem toten Stück Holz zu wackeln. Das Wunder ist, dass dieses tote Stück Holz dabei lebendig wird.

Hat das Marionettentheater eine Zukunft, gerade im digitalen Zeitalter?
Walter Oehmichen sagte auch, der Unterschied zwischen einem menschlichen Schauspieler und einer Marionette bestehe darin, dass der Schauspieler seinen Tod auf der Bühne nur spiele, eine Marionette aber tatsächlich sterbe. Und so ist es wirklich: Wenn der Puppenspieler, der mit seinen Bewegungen dieses hölzerne Ding zum Leben erweckt hat, damit aufhört, ist die Marionette nichts als totes Holz. Und das ist wirklich ergreifend, denn der Zuschauer begreift in diesem Moment, dass er selbst es ist, der diese magische Verwandlung vollbringt. Das ist etwas ganz Einfaches und zugleich ganz Grundlegendes.

Lässt sich das mit dem Lesen von Büchern vergleichen?
Ich denke schon. Marionetten unterscheiden sich nicht von der Literatur. Schwarze Buchstaben auf einem Blatt Papier, das ist nichts anderes als hölzerne Figuren – es braucht unsere Fantasie, um die Wörter und Sätze zu beleben. Und in diesem Moment erleben wir: Unsere Fantasie bedeutet Freiheit. Ein solches Freiheitsgefühl vermitteln die perfekten Fiktionen der digitalen Medien nicht. Ich hoffe, dass es immer Menschen gibt, die verstehen, wie kostbar diese Freiheit ist.