Teutonische Wucht für alle

Musik ist manchmal auch nur ein altes, müdes Wort. Doch vor Peter Brötzmanns teutonischer Wucht versagen Metaphern erst recht. Ekstaseveteran. Free-Jazz-Kaputnik. Improvisationsextremist. Saxofonmuezzin. Lärmvandale. Konsonanzexorzist. Rohrreiniger vom Dienst. Keine Bezeichnung wird dem Furor gerecht, mit dem er sich den Weg freibläst zu den archaischeren Schichten einer Kunst, die, ob man sich nun von ihrer fröhlichen Zerstörungslust packen lässt oder vor ihr lieber Reißaus nimmt, am Ende eben unvermeidlich Musik bleibt.

Mit seinen Spalt- und Splitterklängen sprengt Peter Brötzmann jedes interesselose Wohlgefallen. Krähend, krächzend, rülpsend, quietschend, röhrend, hupend, tutend, zündet er eine Überblaskaskade nach der nächsten. Kaum ein Ton, der sich unter der vollen Breitseite, mit der er ihn nimmt, nicht verformen würde. Keine Floskel, an der man sich festhalten könnte.

Es ist ein Leichtes, Brötzmann vorzuhalten, oftmals gar nicht zu wissen, was er eigentlich spielt. Innerhalb dieser Willkür agiert er aber mit unvergleichlicher Souveränität. Es gibt Tausende, die handwerklich besser spielen, aber höchstens eine Handvoll, die bei seinem Powerplay mithalten können. Brötzmanns Ökonomie, mit der er als einer der wenigen Deutschen im Reich der improvisierten Musik Weltruhm erlangte, heißt Verschwendung bis zur Selbstaufgabe.

Wo in seinen Anfängen reiner Dilettantismus herrschte, verfügt er inzwischen sogar über eine halbwegs solide Basis. Sie erlaubt es ihm, auch unterhalb der eigenen Leistungsgrenze noch wie Brötzmann zu klingen. Nicht zuletzt eine vor 20 Jahren diagnostizierte COPD-Erkrankung, die er mit Atemübungen in Schach zu halten versucht, zwingt ihn dazu, mit seinen Kräften hauszuhalten: Das Duo mit der Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh ist ein schönes Beispiel dieser neuen Zurückhaltung.

Frieden mit dem Teufel der Jazztradition

Und auch mit dem Teufel der Jazztradition hat er seinen Frieden gemacht. Auf dem Soloalbum „I Surrender Dear“ nimmt er sich Standards wie „Nice Work If You Can Get It“ vor und arbeitet sich mit altersweiser Naivität durch die Themen, als würde er sie zum ersten Mal betasten.

Brötzmann, 1941 in Remscheid geboren, war 26 Jahre alt, als er 1967 mit „For Adolphe Sax“ im Trio mit Peter Kowald am Kontrabass und Sven- Åke Johannsson am Schlagzeug debütierte. Das Album begründete eine europäische Brachialität, die sich ausdrücklich von der afroamerikanischen Spiritualität eines Albert Ayler absetzen wollte.

Im Jahr darauf folgte in vergrößerter Besetzung die Platte, die bis heute als Urschrei der heimischen Szene gilt. „Machine Gun“ war für die deutschen 60er Jahre, was Ornette Colemans „Free Jazz“ und John Coltranes „Ascension“ für die amerikanischen waren. Jenseits des musikalischen Sperrfeuers herrscht freilich eine flirrende Beweglichkeit des Kollektivs, die Brötzmann von Beginn an politisch verstand. Und er hatte über die Jahre immer blendend eingespielte, individuelle Musiker an seiner Seite: die Pianisten Alexander von Schlippenbach und Fred van Hove oder die Schlagzeuger Han Bennink und Günter Baby Sommer.

Brötzmann aus der Konserve kennenlernen zu wollen, ist allerdings nur ein fader Ersatz für das Live-Erlebnis. Man muss seine zornige Präsenz aus nächster Nähe erlebt haben, um sich von seinem Berserkertum mitreißen zu lassen, am besten gemeinsam schwitzend im Dunst eines Kellerlokals, wo er zumindest in jüngeren Jahren, die Mitternacht verachtungsvoll im Blick, sich vom Tresen gerne noch ein Schnäpschen kommen ließ und seinen Mitmusikern zuknurrte: Spielen wir noch ein Liedchen!

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Diese Art von Brandbeschleunigung hat er längst hinter sich gelassen. In einem Interview mit Adam Olschewski, dem Chefredakteur des grundüberholten und zu völlig neuer Blüte erwachten „Jazzpodiums“, erzählt er auf fast 20 Seiten unter anderem, dass er sich vor zwei Jahrzehnten selbst trockenlegte (12/20 – 1/21, jazzpodium.de). Wie in dem buchlangen Gespräch, das er mit Christoph J. Bauer führte (Posth Verlag, Berlin 2012) berichtet er auch von seiner Nähe zur Bildenden Kunst. Brötzmann studierte nicht nur vier Jahre lang an der Wuppertaler Werkkunstschule und hat zahlreiche Plattenhüllen gestaltet.

In jungen Jahren verstand er sich als Teil der Fluxus-Bewegung und war Assistent von Nam June Paik. Seinen 80. Geburtstag am heutigen Samstag würde er sicher gerne auf der Bühne begehen. Pandemiebedingt wird es wohl bei einem Gang in sein Hinterhofatelier in Wuppertal-Elberfeld bleiben – und einem Ständchen von Duke Ellington oder dem Chicago-Blueser Howlin’ Wolf. Die hört er beim Arbeiten am liebsten.