Tennis Borussia und die Härte der Regionalliga

Eine knappe Viertelstunde braucht Markus Zschiesche, um nachdrücklich auf sich aufmerksam zu machen. „Der ist schlimmer wie Wollitz. Unmöglich“, sagt einer der Ordner auf der Haupttribüne im Berliner Jahnsportpark. „Der eine ist leise, der andere laut“, erwidert sein Kollege. Markus Zschiesche, der Trainer des Regionalliga-Aufsteigers Tennis Borussia, zählt an diesem Nachmittag ganz sicher nicht zu den Leisen.

Im Spiel gegen die VSG Altglienicke ist der 38-Jährige von der ersten Minute an im Wettkampfmodus. Zschiesche tigert die Seitenlinie entlang, gibt Anweisungen, schreit und brüllt, und wenn er meint, dass er für seine Spieler nicht gut genug zu hören sein könnte, legt er zusätzlich die Hände an den Mund, um eine Art Verstärker zu formen. Für Zschiesche ist es das Pflichtspieldebüt mit seinem neuen Klub, für die Fußballer von Tennis Borussia das erste Regionalligaspiel nach insgesamt zehn Jahren in den Niederungen der Berlin- und Oberliga.

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Ein großer Schritt sei das, hat Zschiesche gesagt. Dafür beginnt TeBe gegen Altglienicke ausgesprochen forsch. Die Mannschaft attackiert den Aufstiegsfavoriten früh und hat durch Rudolf Ndualu, einen von sieben Neuzugängen in der Startelf, schon in der zweiten Minute die erste richtig gute Chance. „Die Mannschaft hat ihr Herz auf dem Platz gelassen“, sagt Zschiesche. „Man hat gesehen, dass wir auf jeden Fall mithalten können, auch über 90 Minuten, nicht nur eine Halbzeit.“

Zwischenzeitlich bahnt sich sogar eine Sensation an. Am Ende aber erfährt der Aufsteiger auf schmerzhafte Weise, was in der Regionalliga verlangt wird: Cleverness und Konzentration bis zur letzten Sekunde. In der Nachspielzeit verschuldet der sonst so starke Torhüter Jens Fikisi einen Foulelfmeter, den Tolcay Cigerci zum 3:2 (2:2)-Endstand verwandelt. Direkt danach pfeift der Schiedsrichter ab. „Selten bitterer verloren“, sagt TeBes Kapitän Nico Matt.

Rückkehr an den Ort des Schreckens

Die Rückkehr Tennis Borussias auf die schon wieder deutlich größere Bühne findet genau dort statt, wo die überregionale Präsenz des Klubs im Juni 2011 ein vorläufiges Ende gefunden hatte. Im Jahnsportpark verlor der frühere Bundesligist damals die Relegation um den Verbleib in der Oberliga 1:2 gegen Borea Dresden. TeBe stieg ab und war erstmals in seiner Geschichte nur noch sechstklassig.

Trotz der sportlichen Enttäuschung denken viele Fans, die im Juni 2011 dabei waren, auch mit einem wohligen Schauer an dieses Spiel zurück – weil mehr als 1000 Zuschauer gekommen waren, darunter auch Leute, die sich lange nicht bei TeBe hatten blicken lassen. Und so hatte dieser triste Nachmittag bei allem Frust über den Abstieg in die Berlin-Liga auch etwas Tröstliches: Wenn es tatsächlich um die Existenz des Vereins geht, kann TeBe immer noch jede Menge Unterstützer mobilisieren.

Bei der Rückkehr neun Jahre später sind im Jahnsportpark wegen der Coronavirus-Pandemie keine Zuschauer erlaubt. „Vier Monate freuen wir uns auf diesen Moment – und dann das“, sagt TeBes Vorstandsmitglied Steffen Friede. „Das ist schon ein bisschen bitter.“

Statt Auswärtssupport gibt es für die Fans ein Public Listening im Casino des Mommsenstadions. Knapp 80 Leute sind gekommen, um sich in der Stadiongaststätte in Charlottenburg gemeinsam die Radioübertragung aus dem Jahnsportpark in Prenzlauer Berg anzuhören. Zum Heimspielauftakt am kommenden Samstag gegen Chemie Leipzig dürfen dann rund 850 Zuschauer ins Mommsenstadion, 620 Karten sind in den freien Verkauf gekommen, 450 bereits verkauft.

Die Favoriten tun sich schwer – auch Altglienicke

Zum Auftakt der neuen Saison haben sich die Favoriten schwergetan: Chemnitz und Cottbus haben am Samstag verloren, Jena nur unentschieden gespielt. Und auch die VSG Altglienicke, die eine Woche zuvor durch ein 5:1 gegen den BFC Dynamo ins Berliner Pokalfinale eingezogen war, sieht sich am Sonntag vom Aufsteiger TeBe vor einige Probleme gestellt. „Wir hatten gehofft, dass wir sie überraschen können“, sagt Kapitän Matt.

Zweimal gehen die Gäste in Führung, beide Male durch Rudolf Ndualu, zweimal gleicht Altglienicke fast im Gegenzug aus. In der Offensive verfügt Tennis Borussia erkennbar über hohe individuelle Qualität, in der Defensive ist die Mannschaft bei der Einschätzung möglicher Gefahren hingegen manchmal noch ein bisschen naiv. Trotzdem hält sie das Spiel auch in der zweiten Halbzeit offen. Bis in die Nachspielzeit, als auch bei der VSG langsam die Hoffnung zu schwinden scheint. „Nach dem 3:2 hat sich Altglienicke gefreut, als ob es schon der Pokalsieg wäre“, sagt Markus Zschiesche. „Das spricht für uns.“