Tausche Baby gegen Revolver

Der Titel klingt nach Hingabe. „I’m Your Woman“, durch dick und dünn. Wer Julia Harts Film sieht, merkt jedoch: Der Satz hat einen resignierten Unterton. Nach dem Motto: „Ich bin deine Frau – und sonst nichts.“ Jean (Rachel Brosnahan) sitzt tagein, tagaus allein zu Haus, während ihr Mann Eddie (Bill Heck) mit dubiosen Geschäften das Geld verdient. Eines Tages bringt er ihr ein Baby mit, gegen ihre Langweile.

Jean wird im Laufe des Films eine Entwicklung durchlaufen von der Hausfrau, die mit dem Preisschild am Nachthemd kämpft, hin zur wehrhaften Gangsterbraut. Die Wandlung beginnt, als eines Nachts ein Kumpan ihres Mannes an die Haustür hämmert. Sie soll sich anziehen, das Baby nehmen und dann nichts wie weg. Was passiert ist? Das weiß Jean genauso wenig wie das Publikum.

Von diesem begrenzten Blickwinkel aus entwickelt der Film, der jetzt auf Amazon Prime zu sehen ist, zunächst eine gewisse Spannung. Jean und „ihr“ Baby sind auf der Flucht, ziehen von Unterschlupf zu Unterschlupf, um sie herum eine feindselige Umgebung. Nur Cal (Arinzé Kene), ein früherer Kollege von Eddie, steht Jean zur Seite. Ihr Mann selbst bleibt verschwunden.

Die Chance auf einen feministischen Gangster-Klassiker

Die Eckpunkte von „I’m Your Woman“ sind altbekannt, und doch verschieben Regisseurin Julia Hart und ihr Ehemann Jordan Horowitz, die gemeinsam das Drehbuch geschrieben haben, die Perspektive. Die Themen, die sie verhandeln, sind sehr zeitgemäß; die Emanzipationsgeschichte Jeans ebenso wie die Paarkonstellation – Jean ist weiß, Cal schwarz. Das erregt Aufsehen, gerade in den USA der siebziger Jahre, in denen der Film spielt. Auch in eine Polizeikontrolle lässt Hart die beiden geraten.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Zuweilen ist dem Film die Freude am Vintage-Look allzu deutlich anzumerken, etwa wenn Jean Zuflucht in einem Blockhaus im Nirgendwo findet und „I’m Your Woman“ plötzlich wie ein Werbespot für einen Campingladen anmutet. Im ganzen Film dominieren Orange- und Ockertöne, häufig im Kontrast zu blauen Ausstattungsstücken, die im Bild platziert sind.

Auch die Lichtsetzung greift das Farbschema auf. Kameramann Bryce Fortner, der mit Hart zuvor den Disney-Film „Stargirl“ gedreht hat, lässt die Räume orange leuchten. Durch die Fenster und Türen dringt gleichzeitig ein kaltes Blau, eine Illustration der Bedrohung, der sich Jean ausgesetzt sieht.

Rachel Brosnahan („The Marvelous Mrs. Maisel“) gelingt es, die ständige Anspannung der Figur spürbar zu machen. Ihre Augen blicken wie durch einen Vorhang des Argwohns auf ihre Umgebung. Durchaus zurecht, wie sich herausstellen soll.

Am Ende doch nur ausgetretene Genre-Pfade

Nach halber Laufzeit bricht das Autorenduo Hart und Horowitz aus dem bis dorthin so reduzierten Set-up aus. Jean bekommt Gesellschaft von Cals Familie, während Cal und das Baby dramaturgisch in den Hintergrund treten. Mit dieser Öffnung geraten nicht nur die bislang zentralen Konfliktlinien aus dem Blick, es geht auch viel von der klaustrophobischen Spannung verloren.

Hart verabschiedet sich von der Zurückhaltung der ersten Filmhälfte und rückt stattdessen Jeans brachiale Erweckung in den Mittelpunkt. Unter Anleitung von Cals Frau (Marsha Stephanie Blake) wagt es Jean, ihre Scheu zu überwinden. Wie schon in ihrer Superheldinnen-Geschichte „Fast Color“ aus dem Jahr 2018, zelebriert Hart Momente weiblicher Solidarität.

Doch während die Hauptfigur von „Fast Color“ versucht, ihre ungewöhnlichen, übermenschlichen Kräfte in den Griff zu bekommen, inszeniert die Regisseurin nun eine Frau, die ihre Kraft erst entdeckt und sie nach und nach entfesselt.

In der Geschichte zeigt sich das vor allem darin, dass Jean lernt, mit einem Revolver umzugehen und im entscheidenden Moment abzudrücken. Damit schlägt „I’m Your Woman“, diese feministische Variante des urmännlichen Gangsterfilms, dann doch sehr ausgetretene Genre-Pfade ein. Schießerei, Verfolgungsjagd, am Ende ist doch alles wie immer. Nur dass diesmal eine Frau den Finger am Abzug hat.