Tanz mit mir durch den Lockdown

Dieses Album schmerzt: Es ist „Disco“ ohne Disco. Was der Titel verspricht, ist in der Wirklichkeit unmöglich. Die Musik spielt, der Club bleibt zu. Das Album klingt wie eine Erinnerung aus einer längst vergessenen Zeit. Weißt du noch, als wir einfach so in einen Club gingen und unbeschwert tanzten? Als wir Hedonisten ohne Masken waren und keine Pandemisten mit Kontaktbeschränkungen?

„Disco“ heißt das am Freitag erscheinende 15. Album von Kylie Minogue, der bekanntesten Popsängerin Australiens, die sich im Laufe ihrer Karriere immer wieder gewandelt hat. Sie sang eine Schauer-Ballade mit Nick Cave, produzierte mit James Bradfield von den Manic Street Preachers einen Indie-Popsong und nahm für ihr letztes Album Anleihen beim Folk.

Schunkelnummern mit Funk-Referenzen

Der Referenzrahmen blieb jedoch Tanzmusik. Die Sängerin ließ ihre Songs gewissermaßen an der langen Leine laufen, sie waren Bastardversionen unter der Discokugel. Denn mal ehrlich: Wo sonst funktioniert Kylie?

Inzwischen braucht sie längst niemandem mehr etwas zu beweisen. Wenn die 52-Jährige singt, berührt sie Millionen. Ihre Lieder sind kollektive Träume geworden. Man bekommt sie einfach nicht mehr aus dem Kopf. Will man auch gar nicht. La-la-la-la-la-la-la.

Mit dem neuen Werk wirft sie einen Blick zurück. Auf die eigene Laufbahn, die so viele wunderbare Stücke hervorbrachte, dass es in London, Berlin und Melbourne Clubabende nur mit Kylie- Musik gab. Zwölf Titel befinden sich auf dem Album, allesamt drängen nach vorne, rufen zur Disco-Ekstase auf, bloß keine Ruhe, bloß keine Einkehr. Müde sein können wir später. Das Leben passiert jetzt, in diesem Moment. Blöd nur, dass der Resonanzraum deutlich geschrumpft ist: von der Großraumdisco zur WG-Küche.

Doch eines Tages werden wir wieder nach einer durchtanzten Club-Nacht aufwachen, Glücksmomente im Kopf und einen Kater im Schädel. Dadurch ähnelt „Disco“ einer Zeitschleife, einmal als musikalische Referenz an die späten 70er Jahre – zum anderen als Gedächtnisstütze, wie das Leben post-Corona sein sollte und dürfte. Was einmal war, wird wieder sein.

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Auf „Disco“ finden sich zahlreiche Schunkelnummern mit Funk-Verweisen, nur die dezenten Hall-Effekte erinnern an die Jetztzeit. Donna Summer läuft im Geist mit, allerdings ohne den Soul in der Stimme. „Last Chance“ ist eine Hommage an die Bee Gees, eine feine Studio-54-Hymne mit etwas mehr Wumms als die 70er Jahre es produktionstechnisch gestattet haben.

Der effektvolle Song „Real Groove“ könnte auch ein Track vom aktuellen Album der Londoner Sängerin Dua Lipa sein. Es lässt sich nicht mehr genau herauskristallisieren, wer hier wen beeinflusst haben könnte. Die junge Londonerin hat in Interviews oft ihre Wertschätzung für Kylie Minogue zum Ausdruck gebracht. Wäre doch eine tolle Referenzkette, wenn sich Kylie 2020 auf Dua Lipa beruft, die sich auf Kylie 2001 bezieht. Wie es schon eine Band aus den 80er Jahren in ihrem Namen prophezeite: Pop Will Eat Itself.

[„Disco“ erscheint am 6.11. bei BMG]

Natürlich geht es gar nicht anders, als jede Zeile auf Corona-Tauglichkeit abzuklopfen. Die Platte ist zu großen Teilen im Lockdown entstanden. Zum ersten Mal hat die Sängerin selbst Songs eingespielt, sich beigebracht, wie man im Homestudio produziert. „We’re a million miles apart in a thousand ways“, heißt es in dem Stück „Say Something“.

Der Opener „Magic“, gleichzeitig die zweite Single, ist eine herzerwärmende Mutmachnummer. Glaubst du an Zauberei? Ja, möchte man rufen, an was denn sonst in diesen düsteren Tagen. Pop war immer auch Eskapismus, ob in der Thatcher-Ära, im Kalten Krieg oder nach der Finanzkrise.

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Das dazugehörige Video wurde in London unter zeitgemäßen Bedingungen produziert. Kylie sitzt auf einem – selbstverständlich – goldenen Thron, die Tänzer bewegen sich auf fest zugewiesenen Plätzen, mit Sicherheitsabstand zueinander. Man denkt sofort an die Youtube-Clips von Tanzveranstaltungen dieses Sommers, in denen sich Menschen bloß nicht zu nahe kommen durften auf einem vorgezeichneten Dancefloor. Ausgelassenheit sieht anders aus.

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Einige Stücke sind – wie üblich bei Kylie Minogue – ein bisschen belanglos geraten. „Monday Blues“ hat zu viel Spielzeuggedöns im Hintergrund, der Hörer kapiert schon nach einem Refrain, dass die Sängerin hier nach Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag auf das Wochenende hinfiebert. Wäre doch bloß jeder Tag wie der Samstag. Muss er deshalb so kl-kl-kl-klappern?

Und brauchte es wirklich die hochgedrehte Beatgeschwindigkeit in dem Stück „Where Does The DJ Go“? Es klingt nach Kinderrave mit Clownsauftritt.

Ihre Musik ist ein Monolith im Meer des ständigen Wandels

Doch das greift Kylie Minogue nicht an. Die Sängerin ist ihr eigenes Genre geworden. Ihr Set auf dem Glastonbury-Festival 2019 ist laut BBC das am meisten gesehene in der 50-jährigen Geschichte des Festivals. Durchschnittlich 3,2 Millionen Menschen sahen sich die Aufzeichnung im Fernsehen an – 100.000 Zuschauer standen live vor der Pyramid Stage, selbst die Ordner hatten eine eigene Choreografie einstudiert.

Kylie wird mit „Disco“ keinen Kritikerpreis gewinnen, keinen Verkaufsrekord brechen und vermutlich keine neuen Fans begeistern. Ihre Musik ist ein Monolith im Meer des ständigen Wandels, unberührt von Trends und verlässlich wiedererkennbar. Deshalb ist sie genau richtig zur Zeit – ein digitales Kaminfeuer im Herzen der Clubkultur. Was gleichzeitig bedeutet: Diese Platte ist eine Zumutung. Die ganze Zeit kitzelt Kylie die Hörer mit Tanznummern – wie ein Sternekoch, der mit verführerischen Aromen aus seiner verschlossenen Küche lockt.

Man will die Arme ausbreiten, den nächsten Unbekannten auf der Tanzfläche umarmen und zum Rhythmus stampfen. Geht nicht. Jeder tanzt allein. Disco im Lockdown. Bis wann? Wie steht es derzeit groß am Berghain: Morgen ist die Frage.