Tanten, Stullen, Finsterlinge

Der November hat immer den Blues, ob mit oder ohne Pandemie. Schön, wenn man sich da angesichts fallender Blätter und trauriger Sonntage im Weh der Vergänglichkeit suhlen kann. Und nebenbei soll man, wie es heißt, in Monaten mit R gut Meeresfrüchte essen können.

Apropos Muschel. Das neue Album des Berliner Chansonniers und Musikkabarettisten Sebastian Krämer „Liebeslieder an deine Tante“ (Reptiphon/Broken Silence) müsste eigentlich in der Kurmuschel eines verwaisten Seebads uraufgeführt werden. So viel Salonorchester-Schmelz und sentimentale Streicher-Seligkeit tränkt die Arrangements. Stattdessen war ein Doppelkonzert im Heimathafen Neukölln angesetzt, das aber ausgefallen ist. Wenn die Sterne günstig stehen, wird es am 12. Dezember nachgeholt.

Sebastian Krämer singt “Freund mit Liebeskummer” vom neuen Album:

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Das schönste Lied hat Sebastian Krämer jüngst schon im Fernsehen bei der Verleihung des Bayerischen Kabarettpreises in der Sparte Musik vorgetragen. Als Dankeschön an die im Studio des Bayerischen Rundfunks aufgrund der Hygieneregeln unerwünschte Gattin.

„Kein Liebeslied für dich“ ist eine melancholisch- lakonische Huldigung, die sich hinter einer Aufzählung von Verneinungen versteckt. Im Eröffnungslied „Deine Tante“ fallen Lobpreisungen wie „Ich mag einfach wie du bist / sogar wie du eine Mettwurststulle ist“ zwar klarer aus, dafür stellt sich am Ende heraus, dass der Sänger eine ganz andere Flamme im Auge hat, nämlich Tante Hildegard.

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Wie das bei Krämer immer so geht, der noch jede Romanze mit einem bitteren Dreh versieht. Seit 25 Bühnenjahren mittlerweile schon. Der mal schmeichelnde Walzer-Melodien und mal treibenden Boogie Woogie auf dem Piano spielt und die Streicher-Piano-Besetzung mit eleganten Details wie Klarinette, Blockflöte und Horn anreichert.

Ein klarer Kindersopran singt von klinischer Depression

Alltagskummer, Alltagspannen – bei ihm werden daraus Wortgirlanden, die sich oftmals zu wenig um das Versmaß scheren. In Sebastian Krämers Idyllen nisten düstere Romantik und rabiate Reime. Fiel da in der Winterelegie „Freund mit Liebeskummer“ etwa gerade das Wort Ficken? Ja, gleich nach „in die Ferne blicken“.

In „Mein Affe“ besingt er Geschwisterliebe voller Hauen und Stechen. Selbst seine Kinder lernt Krämer schon an. Tochter Hedwig singt in „Frau Zielinski und der Finsterling“ in klarem Kindersopran von der klinischen Depression einer Lehrerin mit dem beißenden Wunsch, „wenn ich groß bin“ auch eine schwermütige Grundschulklassenlehrerin zu werden. „Denn dann muss man nicht zur Schule / man geht einfach nicht mehr hin.”