Supergirl Françoise Cactus ist tot

Diese Nachricht ist ein harter Schlag, man mag das kaum glauben. Françoise Cactus ist tot, gestorben am Mittwochmorgen im Alter von 57 Jahren in ihrer Wohnung am Kreuzberger Oranienplatz.

Dabei meint man, sie doch erst vor kurzem noch ganz fidel und aufgekratzt, wie es zumeist ihre Art war, beim Berliner Sender „radioeins“ gehört zu haben, wo sie einmal im Monat eine Sendung hatte und am kommenden Dienstag wieder zu hören gewesen wäre.

In der Radiosendung gab es nur Vinyl

In dieser Sendung hat sie ausschließlich Vinylplatten gespielt, viel seltsame Musik von französischen Chansons bis zu verquer-lustiger Elektronik, Musik, von der sie als Sängerin und Musikerin beeinflusst worden ist und die sie selbst mit ihrem Lebenspartner Brezel Göring produziert hat, jahrzehntelang, unter dem Bandnamen Stereo Total.
1995 veröffentlichten die beiden ihr erstes Album, „Ah oh ah“, und das war zu einer Zeit, als in Berlin und Hamburg in so mancher Bar das Easy Listening regierte, eine Mischung aus Schlagern, Schund, seifiger Elektronik und swingender Big-Band-Musik.

Françoise Cactus sagte seinerzeit in einem Interview, dass sie und Brezel sich mit ihrer Band „an tausend Stilen“ vergreifen würden: „Und dann machen wir irgendwelchen Scheiß damit.“

[Für alle, die Berlin schöner und solidarischer machen, gibt es den Tagesspiegel-Newsletter „Ehrensache“. Er erscheint immer am zweiten Mittwoch im Monat. Hier kostenlos anmelden: ehrensache.tagesspiegel.de. ]

Stereo-Total-Musik ist die Synthese aus Lo-Fi-Pop, Easy Listening und Spielzeugelektronik, zumeist arrangiert von Brezel, verfeinert von Françoises Schlagzeug und Stimme – aber immer so, dass es nicht zu und zu schön klingt, sondern gern auch mal daneben. „Klänge aus einer Ära, in der Virtuosität noch nicht erfunden war,“ haben sie das einmal genannt.

Mit diesem Sound eroberten Françoise Cactus und Brezel Göring die Welt, tourten durch die Staaten, hatten Hits in Japan und legendäre Auftritte in Russland oder Kasachstan, ohne wirklich berühmt werden zu wollen oder gleich bigger than the Beatles, wie ihre britischen Geistesbrüder, die Television Personalities einmal ein Alben betitelt haben.

Homebase blieb Berlin, natürlich

Nach Berlin kehrten beide immer wieder zurück, auch weil das, was sie künstlerisch ausmachte, nur hier denkbar war, in den achtziger und neunziger Jahren sowieso. Aber auch später, da sich die Stadt zunehmend veränderte, es sich unter der einstigen Berliner Ökonomie nicht mehr so entspannt leben ließ und ein Künstlerinnenoriginal, wie es Françoise Cactus war, es eher schwerer gemacht wurde.

So schöne, auf die eigene Sozialisation verweisende Zeilen wie in dem 2007er-Stück „Küsse aus der Hölle der Musik” schienen da schon klassisch aus Zeit gefallen zu sein: „Küss’ mich, wo du mich noch nie geküsst hast, im Père Lachaise, im Risiko, CBGBs, Chelsea Hotel”.

Francoise Cactus von Stereo Total vor einem ihrer Lieblingsbilder, “Auf der Wiese” von Pierre-Auguste Renoir.Foto: Mike Wolff

Geboren wurde Cactus 1964 in einem kleinen Ort in der Bourgogne, in La Grenoullière. „Ich wusste ganz früh, dass ich nicht die echte Tochter meiner Eltern war. Ich fühlte mich anders. Ich sah anders aus”, schrieb sie in ihrem ersten Buch, ihrer „Autobigophonie“.

Darin ist die Rede von einer Ersatzmutter, die Kriminalromane schreibt und sich nicht um ihren Nachwuchs kümmert, „die Kinder erzogen sich selbst oder gegenseitig“ – und von einem Leben, das sich jenseits aller bürgerlichen Stereotypen entwickelt.

Sie singt bei der Punkrockband Lolitas

Über ein paar Umwege kommt Cactus, selbstverständlich ein Künstlerinnenname, Mitte der achtziger Jahre nach West-Berlin. Hier arbeitet sie in der „taz“ im Layout, legt in Kellern und anderen Kaschemmen Platten auf und singt am Schlagzeug sitzend bei der Punkrockband Lolitas.

Nachdem sie Brezel Göring kennengelernt hatte und mit diesem in die Kreuzberger Oranienstraße gezogen war, sollte es mit Stereo Total losgehen, mit dem erwähnten Debütalbum. Auf dieses folgten Jahr für Jahr und später alle zwei, drei Jahre neue, von „Monokini“ über „Jukebox Alarm“ und „Musique Automatique“ bis hin zu „Les Hormones“ und zuletzt „Ah! Quel Cinéma“ aus dem Jahr 2019.

[embedded content]

Allein die Titel der Alben und der Songs sind sprechend und eine Klasse für sich, aber eben auch Songs wie „Liebe zu dritt“, „Supergirl“ oder „Schön von hinten“, um nur einige wenige großartige zu nennen.

Überdies schrieb Cactus weitere Bücher, produzierte Hörspiele, zeichnete und sorgte 2005 für Aufregung mit ihrer Wollpuppe „Wollita“. Diese war im Bethanien im Rahmen der Ausstellung „When Love turns to Poison“ zu sehen und brachte den Berliner Boulevard zum Schäumen.

Ihr vulkanisches Lachen

Das Wunderbarste an ihr war immer, dass sie sich selbst nicht über die Maßen ernst nahm; dass sie mit ihrer ungezwungenen Art und diesem manchmal vulkanisch aus ihr herausbrechenden Lachen selbst die größten Miesmuffel für sich einzunehmen verstand. Und so ließ es sich immer auch entspannt ein Gespräch mit ihr führen, über obskure Musik genauso wie über jeweils neuesten Alben.

Wenn man dann mal einwand, dieses oder jenes schon mal von Stereo Total gehört, war das gar nicht schlimm: „Wir bilden uns ein, dass es jedes Mal etwas ganz anderes wäre“, sagte Cactus bei einem dieser Interviews, „und wenn wir es später hören, merken wir: Ach so, ist ja doch dasselbe”.

Und dann lachte sie, unnachahmlich. Traurig und schlimm genug, dass es dieses „dasselbe“ nun nie wieder neu geben wird. Der einzige Trost: Das Werk von Françoise Cactus ist so groß und vielgestaltig, dass man sich noch sehr, sehr lange an sie erinnern wird.