Suche nach dem Licht

Für einen Moment die Energie der Farbe in sich aufsaugen, den Wirbeln auf der übermannshohen Leinwand nachspüren. Was nur vor dem Original geht, ist kostbar geworden in Zeiten geschlossener Ausstellungen. Dass ihre Bilder keinem Menschen begegnen dürfen, ist für die Malerin Ulrike Seyboth bitter. Monatelang hat sie mit dem Zeichner Ingo Fröhlich, ihrem Lebenspartner und Kompagnon auch beim Ausstellungsprojekt in der Guardini Stiftung, an der Präsentation gefeilt: „Da kommt die Essenz zusammen.“

Keinen Tag war die Galerie seit der ausgefallenen Vernissage im Dezember geöffnet. „Ich zeichne die Zeit, du malst den Moment“, haben die beiden ihren Dialog genannt. In den ausgestellten Werken ist das Wirken der Zeit als strömende Strichbewegung, impulsive Geste, malerische Spur eingefangen.

Eine Muschel in Prenzlauer Berg

Wie solche Arbeiten entstehen, erzählt Ulrike Seyboth in ihrem Atelier. Es gleicht einer Muschel, die sich nach außen hin abschließt. Unsichtbar für Passanten draußen hat sich die Malerin hinter der blickdicht verrammelten Erdgeschossveranda eines DDR-Plattenhochhauses in Prenzlauer Berg eingerichtet. Früher waren die verwinkelten Kammern eine Arztpraxis. Jetzt leuchtet die Vorfrühlingssonne direkt auf den Aquarelliertisch, wo sich collagierte Arbeiten in Mappen schichten.

Grün, Türkis, Rosa, Blau und immer wieder Rot geben den Ton an. Das graue Berlin ist weit weg. Aber Corona-Zeiten sind keine Zeiten des unbändigen, freien Arbeitens für Seyboth. Sichten ist angesagt. Nach Berlin kam die im Erzgebirge geborene Malerin in den Wendejahren. Kaum Meisterschülerin an der Kunsthochschule Weißensee suchte sie wieder das Weite, wurde in Paris zur Wahlfranzösin. In Montreuil dockte sie bei einem anarchistischen Kollektiv an, fand hier für zehn Jahre ihren Arbeitsort.

Mittlerweile geht sie jedes Jahr zusammen mit Ingo Fröhlich mehrere Monate auf Reisen. Fürs „Atélier vagabonde“ wird der Van des Künstlerpaars mit gerollten Leinwänden, Papieren und Malmaterial vollgestopft und am Zielort temporär eine Werkstatt eingerichtet. Ob im Süden oder Norden, Italien, Island oder Wiepersdorf: „Ich suche das Licht“, sagt die 51-Jährige. Stipendien und Freunde helfen, die intensiven Inspirations- und Arbeitsphasen zu ermöglichen. In Salento trug die Malerin ihre Leinwand ins Freie, ließ sich von Windwirbeln durchpusten.

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Als farbkräftige Keimzelle der Serie „Ionian Sea“ hängt das von Farbkringeln lebende Bild jetzt in der Ausstellung. Es korrespondiert mit den sanfteren Rhythmen auf Fröhlichs vor Ort entstandenen Bleistiftnotaten. Ein andermal, in der Schweiz, vereitelte nervtötendes Pressluftgehämmer das Arbeiten.

Vor Wut stopfte Seyboth eine misslungene Leinwand in die Waschmaschine. Jetzt strahlt das Stück, von Neuem bearbeitet, an der Atelierwand Kraft und Optimismus aus. Rot und immer wieder glühendes Rot, Pink, Orange dominieren ihre weißgrundigen Bilder. „Vielleicht ist das meine Antwort auf das viele Grün in der Landschaft“, meint Seyboth. Mut erfordere ihre Art, zu arbeiten. Ein Farbfleck wird gesetzt, ein anderer antwortet, und schon ändert sich alles. Jeder Strich kann das fragile Ganze zerstören.

Vorsicht ist der Feind der Malerei

Wie beginnen? Wann den Schlusspunkt setzen? „Vorsicht ist der Feind der Malerei“, meint Seyboth und lacht. Ihre abstrakten Skripturen lassen an Ernst Wilhelm Nay, Cy Twombly und die Farbgesten des späten Monet denken. Sie selbst nennt eher John Cage als Impuls aus Studienjahren: den Prozess wichtig nehmen, nicht das Werk, das entsteht. Dem Zufall kommt sie mit allen Mitteln zu Hilfe. Sie kratzt, schabt und pinselt, stempelt mit Schaumstoffelementen, malt mit Fingern.

Auch Scheitern gehört dazu. Bei Papierarbeiten greift Seyboth neuerdings zur Schere. Mit beherztem Schnitt wird die „schöne Stelle“ aus dem Verworfenen gerettet. Die „Pièces perdues“ schichten sich erneut zu lockeren, verspielten Gefügen. Ganze Serien entstehen. Sie schwelgen unverblümt im Farbharmonischen, fast barock. Gefährlich wird es, wenn man zu sehr weiß, wie es geht. „Dann muss man sich selbst ein Bein stellen“, meint die Künstlerin.

[Guardini Galerie, Askanischer Platz 4, bis 26. 3. Einzelbesuche nach Anmeldung (info@guardini.de) sind möglich. Buch: Torstraße 111. Zwanzig Jahre Kunst- und Projekthaus in Berlin-Mitte, Lukas Verlag 284 S., 200 Abb., 30 €.]

Viel Zeit und Kraft gehen seit Jahren neben der Malerei in ein Projekt, das jetzt auf über 200 Seiten zwischen nachtblauen Buchdeckeln dokumentiert ist: „Torstraße 111“ heißt das aufwendige, feine Künstlerbuch voller Fotos, Texte und gelebter Momente. Seit Ingo Fröhlich 1999 von dem Hausbesitzer des leer stehenden Mietshauses die Schlüssel in die Hand gedrückt bekam, hat sich das Kunst- und Projekthaus als Freiraum allen Verwertungsinteressen entzogen.

Das nach außen hin unscheinbare Haus hat Charakter. „Eine Seele“, meint Seyboth. Es gibt neun Selbstkosten-Ateliers, ein rares Gut in Berlins Mitte. Schon über 300 internationale Künstler wurden im Ruinencharme der in Eigenarbeit entkernten Immobilie gezeigt. „Ich habe Struktur hineingebracht“, meint Seyboth, die das Ausstellungsprogramm zusammen mit ihrem Mann leitet. Ein Verein sorgt für Kontinuität. Ihr Traum für die Zukunft wäre eine Stiftung. Vorerst bremst Corona alles aus.

Die Ausstellung soll nach Frankreich gehen

Und der Brückenschlag nach Frankreich? Die Ausstellung in der Guardini Stiftung soll eigentlich auf Reisen gehen, nach Sens im Burgund. Im Hof der gotischen Kathedrale will Ingo Fröhlich das Maßwerk der Fensterrose mit Kreideschwüngen zum Leben erwecken. Wie er einen Raum mit nichts als ein paar Linien verwandeln kann, zeigt seine zweigeschossige Wandarbeit in der Berliner Schau. Schon durch die Schaufenster von draußen ist sie zu erspähen.

Auch die Farben auf Seyboths Leinwänden opponieren gegen den Lockdown. Sie strahlen und wollen wahrgenommen werden. Wenn andere bei ihren blumigen Farbenexplosionen an Rosen und Malven denken, stört sie das nicht. Die Schönheit dürfe man nicht scheuen. Die Verpflichtung zur Freiheit nimmt sie für sich in Anspruch, auch als politische Haltung.