Stromgitarren im Swimmingpool

Ein großer Vorteil des Comiczeichnens besteht darin, dass man währenddessen Musik hören kann. Die Frankfurter Ateliergemeinschaft Labor stellte sich deshalb gleich zu Beginn eine Stereoanlage in die Mitte ihres großen Raumes.

Zeichnerin Moni Port lernte auf diese Weise viele Bands kennen, zu denen auch Tocotronic zählten. Weshalb sie jetzt bei einer wunderbaren Hommage an die 1993 in Hamburg gegründete Gruppe mitmachen kann: Elf Comiczeichnerinnen und -zeichner – darunter Jim Avignon, Anna Haifisch und Tine Fetz – haben in „Sie wollen uns erzählen“ Tocotronic-Songs interpretiert.

Dirk von Lowtzow schrieb zu jedem Song einen kleinen Text

Port entschied sich für „Die Erwachsenen“ vom unbetitelten 2015er-Album, das sie in sieben ganzseitigen Panels umsetzt. Sie kombiniert rot-weiße Bilder von Jugendlichen mit kleineren Schwarz-Weiß-Porträts der Band beim Musizieren. Der in mächtiger Druckbuchstaben-Handschrift gehaltene Songtext bildet dabei einen dominanten Blickfang.

Auch bei den anderen Beiträgen werden Dirk von Lowtzows mal poetische, mal parolenhafte, mal rätselhafte Texte größtenteils Wort für Wort wiedergegeben. Philip Waechter behandelt sie in seiner „Electric Guitar“-Adaption wie die Bildzeilen eines Comicstrips und stellt sie an den oberen Rand seiner schwarz-gelben Panels, die die im Lied besungene Reihenhausjugend illustrieren.

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Ähnlich hält es die kürzlich für ihr Debüt mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnete Julia Bernhard, deren „Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools“ zunächst wirkt wie der Ausschnitt aus einer klassischen Graphic Novel, um dann die vielen Wassermotive des Textes in eine fast surreale Überflutungsszenerie münden zu lassen – inklusive Happy Ending. Ein schönes Beispiel, zu welch überraschenden Fantasie-Höhenflügen Popmusik anregen kann.

[Michael Büsselberg (Hg.) „Sie wollen uns erzählen. Zehn Tocotronic-Songcomics“, Ventil Verlag, 125 Seiten, 25 €.]

Auf die Tocotronic-Frühphase beziehen sich vier der Comics des von Michael Büsselberg herausgegebenen Bandes. Dazu gehört „Drüben auf dem Hügel“ vom legendären „Digital ist besser“-Debüt. Dirk von Lowtzow, der zu jedem der ausgewählten Lieder einen kleinen Text geschrieben hat, vergleicht Arne Zanks hämmernde Schlagzeugschläge in jedem vierten Takt des Liedes mit einem „Konzert irr gewordener Spechte“ im Schwarzwald.

Eigentlich eine tolle Bildidee. Sascha Hommer hat den schraddeligen Zweiminüter allerdings als Zusammenkunft seltsamer Knubbelwesen visualisiert – auch fein. Die vier sehen aus, als würden sie sich gut mit den lustigen Toco-Vögeln verstehen, die Arne Zank in seiner Bandbiografie gezeichnet hat. Supersüß und die perfekte Zugabe.