Stephen Hendry hat noch viel Arbeit vor sich

Stephen Hendry begann sein Comeback mit einem Foul. Die erste Kugel, die der 52-Jährige nach neun Jahren Snooker-Ruhestand spielte, geriet zu kurz. Auch sonst lief nicht alles optimal für den Schotten in seinem Match gegen Matthew Selt, er verlor in der ersten Runde der Gibraltar Open mit 1:4.

„Grundsätzlich war ich ganz zufrieden, ich habe keine leichten Fehler gemacht. Aber ich muss mich bei den langen Stößen verbessern“, sagte Hendry nach der mit Spannung erwarteten Rückkehr auf die professionelle Snooker-Tour. Auch Eurosport-Kommentator Rolf Kalb sah durchaus positive Ansätze: „Ein Schuss in den Ofen war es auf keinen Fall. Prinzipiell hat er zwar klar verloren, aber das lag auch am Gegner“, sagte er dem Tagesspiegel.

2012 hatte der Rekordweltmeister seine Karriere beendet, nach einer 2:13-Niederlage im Viertelfinale der Weltmeisterschaften in Sheffield. Dorthin, ins legendäre Crucible Theatre, möchte Hendry nun noch einmal zurück.

Ob es dafür schon in diesem Jahr reicht, daran gibt es durchaus Zweifel. Nicht nur wegen der klaren Niederlage gegen den Weltranglisten-35. Selt am Dienstagabend in Milton Keynes. Die Snooker-Tour im Jahre 2021 ist nicht mehr vergleichbar mit der Zeit, in der Hendry den Sport dominiert hatte. „Sein Lochspiel ist da, aber das Material ist anders als das was er von damals kennt“, sagt Kalb.

Zwischen 1990 und 1999 wurde Hendry sieben Mal Weltmeister, er revolutionierte das Spiel, weil er es anders anging als viele Profis zu dieser Zeit. Hendry verfolgte einen offensiven Ansatz, versuchte nahezu jede Möglichkeit zum Lochen einer Kugel zu nutzen. Berühmt wurde er mit dem „langen Einsteiger“, schwierigen Stößen, mit denen er in ein Break kam.

Im einzigen Frame, den er beim Comeback gewann, schaffte Hendry gleich ein Century

Genau damit hatte er am Dienstag seine Probleme. „Daran werde ich arbeiten“, kündigte er unmittelbar nach dem Match an. Dass er das Spiel immer noch beherrscht, zeigte er im zweiten Frame, den er mit einem 100er-Break gewann und dabei fast genauso stoisch dreinblickte, wie zu seinen besten Zeiten. Es war das 776. „Century“ in seiner Laufbahn. Bis heute haben nur Ronnie O’Sullivan, John Higgins und Judd Trump mehr geschafft.

Trump nannte den Comeback-Versuch von Hendry kürzlich eine „komische Geschichte“. Er glaube nicht daran, dass der frühere Superstar mit den Profis von heute wirklich mithalten könne. O’Sullivan hatte seinen alten Rivalen hingegen ermutigt, es noch einmal zu versuchen. „Wenn es jemand schaffen kann, dann ist es Hendry“, sagte der amtierende Weltmeister.

Immerhin scheint Hendry wieder richtig Bock auf Snooker zu haben. „Ich war sehr nervös, als ich mich im Hotel umgekleidet habe. Es war ein gutes Gefühl. Denn ohne Lampenfieber, kannst du keine Leistung zeigen“, sagte er. Als er vor neun Jahren aufgehört hatte, fehlte ihm längst die Motivation, es all den aufstrebenden Talenten zu beweisen, wo er doch nichts mehr beweisen musste.

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Viel am Snookertisch stand Hendry in den vergangenen neun Jahren nicht. Auch wenn er dem Spiel als TV-Experte weiter verbunden blieb. Vor rund einem Jahr fing er dann wieder an und gab im September 2020 bekannt, dass er ein Comeback plane. Der Weltsnookerverband stattete ihn darauf mit einer Wildcard für die Tour aus, doch Corona verzögerte die Rückkehr von Hendry an den Tisch.

Ursprünglich wollte er Ende des vergangenen Jahres bei der UK Championship wieder einsteigen, doch aufgrund der Lockdown-Bestimmungen in Großbritannien konnte Hendry sich nicht so vorbereiten wie geplant und sagte ab. Als nächstes peilte er die Welsh Open im Februar an. Doch eine Panne bei der Meldung für das Turnier verhinderte seinen Start.

Nun ist er tatsächlich zurückgekehrt, die Qualifikation für die WM-Endrunde im April ist sein Antrieb. In der aktuellen Verfassung sei er dafür aber noch nicht gut genug. „Ich habe jetzt noch etwas mehr als einen Monat, um besser zu werden. Mein Spiel reicht noch nicht für das Crucible, aber sich für die WM zu qualifizieren, bleibt das Ziel“, sagte er am Dienstagabend.

Die Qualifikation für die WM in Sheffield bleibt sein erklärtes Ziel

Sollte es damit in diesem Jahr nicht klappen, würde Hendry zur Saison 2021/22 einen neuen Versuch starten. Die Tourkarte gilt auch in der kommenden Spielzeit. Er wisse, dass er sein langes und sein Defensivspiel verbessern müsse. Es ist das, was die Topspieler vom Rest des Feldes unterscheidet.

Denn Kugeln versenken, das können inzwischen alle Profis fast fehlerfrei. In dieser Hinsicht war Stephen Hendry das große Vorbild. Kleinigkeiten machen heute den Unterschied aus. Das Stellungsspiel und die taktische Variabilität. In dieser Hinsicht hat der Dominator von einst viel aufzuholen, vor allen Dingen in Sachen Spielpraxis.

Ob er davon genug bekommt, hängt aber wiederum von seinen Leistungen ab. Und in dieser Hinsicht ist Eurosport-Kommentator Rolf Kalb skeptisch. Er glaubt zwar, dass Hendry wieder ein ordentliches Niveau erreichen könne, aber „ich sehe ihn nicht im Kreis der zukünftigen Turniersieger.“

Unabhängig davon, ob Hendry letztlich Erfolg hat und wie sich dieser für ihn ganz persönlich darstellt, tut seine Rückkehr tut dem Snooker gut. Die Aufmerksamkeit für sein Comeback war im Vorfeld schon groß, nun ist es an ihm selbst, dabei zu bleiben. „Ich genieße es einfach, wieder zu spielen“, sagte er am Dienstag. Noch schöner dürfte es für ihn werden, wenn er dabei auch gewinnt.