Steffi und die Schwamm-Intelligenz

Bevor man mit Stefanie Sargnagel über ihren Debütroman „Dicht: Aufzeichnungen einer Tagediebin“ sprechen kann, macht sie das Stefanie-Sargnagel-hafteste überhaupt: Sie geht nicht ans Telefon. Wer hier was durcheinandergebracht hat, ist egal, weil das Interview-Verpennen prima zu der Persona passt, die sich die ehemalige Kunststudentin und Callcenter-Mitarbeiterin Stefanie Sprengnagel aus Wien ausgedacht hat: Die ewige Hängerin hat Besseres zu tun, im Idealfall nämlich nichts.

Sargnagel, heute 34, wurde mit Prosa-Miniaturen auf Facebook und Twitter zum Liebling des Literaturbetriebs. Schon in ihrer 2014 veröffentlichten Parodie auf „Eines Tages, Baby“, den viralen Erbauungstext der Poetry Slammerin Julia Engelmann, steckte vieles, wofür sie bis heute verehrt und blöd gefunden wird: „Fahr dem Typen eine Reihe vor dir mit den Fingern in die Haare, Baby. Schnorr einen Euro. Schnorr zehn Euro. Ritz dich, Baby. Rauch eine Tschick. Bring wen um. Chill.“ Der Sargnagel-Sound klingt, wie ihre Karikaturen für das Magazin „Falter“ aussehen: absurd und böse, auf eine abgründige Art urkomisch.

Sie nennt das Buch einen “alternativen Bildungsroman”

Bei alle dem kultiviert die Figur Stefanie Sargnagel eine hedonistische Trägheit, die Konservative bis aufs Blut reizt, wie auch die Aktionen ihrer Satire-Burschenschaft Hysteria. Auf ihre Texte folgte eine Hetzkampagne der rechten „Kronen-Zeitung“, aber auch eine Einladung zum Bachmannpreis. Nach einigen Sammelbänden bringt sie nun doch einen Roman heraus, einen „alternativen Bildungsroman“, wie sie nach dem verpassten Interview per Mail schreibt, über die Teenagerjahre einer Wienerin – die zufällig Stefanie Sargnagel heißt („Dicht: Aufzeichnungen einer Tagediebin“, 256 Seiten, Rowohlt, 19,99 Euro).

Natürlich hadert die Roman-Steffi mit Autoritäten und dem System, natürlich geht sie ungern zur Schule, umso lieber dafür in den Türkenschanzpark, wo sie mit ihrer besten Freundin Sarah rauchend und diskutierend der Volljährigkeit entgegenlümmelt. Sargnagels Roman handelt von der Slacker-Werdung einer Musterschülerin, aber eigentlich handelt er von Michi.

Im Zentrum steht der Beisl-Philosoph Michi

Als Stefanie und Sarah alt genug sind, um in die Beisln der Stadt zu dürfen, lernen sie Michael kennen: einen Kneipenphilosophen, der in besseren Zeiten ein Dandy gewesen wäre, wie Sargnagel im Roman schreibt, koboldhaft und auf irre Weise lebensklug. Noch den größten Schnodder, den er sich von den Tellern der Restaurantgäste klaut, kann er mit seiner Catchphrase als Hauptgewinn vermarkten: „Vom Feinsten.“

Michi wird zum Fixstern von Stefanies Jugend, seine Wohnung zum Treffpunkt ihrer seltsamen Freundeskreisfamilie: Hippies, freundliche Süchtige und windige Typen schneien hier vorbei, Stefanie probiert sich durchs Repertoire der gängigen Rauschmittel. Viele Spitzengeschichten, die zu Spitzenposts im Netz werden könnten.

Man wundert sich also, warum Sargnagel jetzt, wo nur noch Hardcore-Traditionalisten Netzliteratur als Larifari abtun, einen klassischen Roman geschrieben hat. Immerhin ist sie nicht nur die Königin der Facebook-Prosa, sondern auch eine Schriftstellerin, die lange das Image pflegte, das Schreiben so gut es geht zu vermeiden: Selbst ihr Beitrag zum Bachmannpreis war ein Metatext über die Qualen des Schreibens.

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Eigentlich fasst sie sich lieber kurz

Das kurze Festhalten von Gedanken mache ihr Spaß, lange Texte würden ihr schwerfallen, sagt sie. Neulich schrieb sie in der „Zeit“, sie liebe die Pointierung. Es interessiere sie nicht, wie das Licht durchs Fenster fällt. Sie wolle zum Punkt kommen, in einem Satz, und dann weiter spazieren gehen.

In „Dicht“ wird folgerichtig wenig beschrieben und viel spaziert. Chronistenhaft penibel ist Sargnagel vor allem, wenn sie Beisldialoge und die kuriosen Machtdynamiken an den Tresen der Stadt beschreibt. Ihr Freundeskreis habe geholfen, die Details zusammenzutragen. Mit dem Gefühlshaushalt ihrer Teen-Steffi wiederum hält sie sich selten lange auf.

„Die Ich-Figur geht eher staunend durch die Welt“, führt sie aus. „Sie ist lieber wie ein Schwamm, der alles aufsaugt, als sich zu mit ihren eigenen Seelenleben auseinanderzusetzen. Da tiefer zu gehen, wäre wohl nochmal eine andere Arbeit gewesen, die mir eigentlich nicht wichtig war. Mal abgesehen, dass auch die Aufzeichnungen mit denen ich gearbeitet habe, nicht sehr introspektiv waren.“

Viele Figuren hätten das Potenzial zur Karikatur

Sargnagels unverstellte Sprache klingt in Langform weniger konzentriert als in ihren Posts und Artikeln, ihre Lässigkeit ab und zu nachlässig. Dann wieder ist ihre Lakonie eine Superkraft. Wie alle Milieuromane, die von „kultigen Typen“ leben, birgt auch „Dicht“ ein Risiko: Viele der Figuren hätten das Potential zur Karikatur zu werden, von Michi bis zu „König Mao”, einem dauerbetrunkenen Dauergast im Türkenschanzpark, der gern Monologe hält – „über die Weltpolitik oder darüber, wie gequält er von seiner Geilheit war“.

Sargnagel geht mit Typen wie ihm so schonungslos wie liebevoll um, opfert die Menschlichkeit ihrer Figuren aber nie der Pointe: Es sind schließlich echte Freunde, die da verfremdet beschrieben werden. „Die Sorge, die ich eher hatte, war: Romantisiere und verkläre ich das nicht zu sehr, lasse ich unangenehme Dinge außen vor?“, sagt sie. „Darauf hab ich dann geachtet: dass ich auch die unangenehmen Seiten der Leute nicht beschönige. Die Übergriffigkeit zum Beispiel.“

Obwohl ihr Tagediebe-Zirkel Steffi viel Nestwärme schenkt, ist er nicht immer ein sicherer Ort. „Nie wieder bin ich von so skurrilen alten Männern bedrängt worden wie mit 15. In keinem anderen Alter laden diese Männer häufiger uneingeladen ihren sexuellen Frust an einem ab wie als Teenagerin“, heißt es im Roman.

Trockene Worte für menschliche Regungen

Wie schmerzbefreit die jugendliche Steffi bedrohliche, unangenehme Erfahrungen wegmoderiert, verwundert Sargnagel selbst. „Ich habe ja viele alte Aufzeichnungen über die Zeit und war selber erstaunt, wie man es damals einfach normal fand, dass man jeden zweiten Tag belästigt wird oder bei jedem zweiten Heimweg verfolgt“, sagt sie. „Das war irgendwie der Preis, wenn man als Mädchen abenteuerlich unterwegs sein sollte.“

Die kuriose Zwischenwelt, die die Roman-Steffi so liebt, liebt nicht immer zurück. Oder zu sehr. Michi lebt nicht mehr, aber seine Wohnung hat Sargnagel wohl nie so ganz verlassen. In den besten Momenten entlädt sich ihren Texten die Spannung zwischen einer Jugend im Votivpark und ihrem Leben als gehypte Autorin, die immer wieder als derb bezeichnet wird, als kalkulierend provokant, aber oft bloß trockene Worte für sehr menschliche Regungen findet. Auf Twitter postet sie Bilder von Michi, schreibt dazu: „Es rührt mich, dass meine Michi-Geschichte die Leute rührt.“ Vielleicht ist es auch deshalb ein Roman geworden, weil ein Buch mehr nach Denkmal aussieht.