Spinnen von innen

Röntgenbilder blicken unter die Haut. Sie machen sichtbar, was sonst verborgen ist. Hell heben sich die von den elektromagnetischen Strahlen nicht durchdrungenen Knochen im Negativ von den schwarzgrauen Weichteilen des Körpers ab. Das fasziniert und gruselt zugleich.

„Ich habe den Tod gesehen!“, ruft Anna Röntgen erschreckt, als Ehemann Conrad Wilhelm Röntgen ihr auf einem Leuchtschirm das Skelett der Hand präsentiert, die sie gerade unter die von ihm erfundene Apparatur hält. So geschehen im November 1895, wie das tolle Bilderbuch „Nette Skelette“ erzählt.

Knochen sind Blutfabriken, die dem Körper Stabilität verleihen

Oder ist es vielleicht doch eher das Leben, das sie erblickt? Ohne die Stabilität und den Schutz des Gerippes oder Panzers wären Mensch und Tier nichts als traurige Haufen aus Muskeln, Organen und Fett. Bewegungsunfähig sowieso und blutleer noch dazu. Menschliche Knochen sind Blutfabriken, die pro Sekunde etwa eine Million neue Blutzellen produzieren.

Solche interessanten Details beschreibt der auf Sachbücher spezialisierte Jan Paul Schutten in „Nette Skelette“. Der Autor fungiert als unterhaltsamer, Leserinnen und Leser immer wieder direkt ansprechender Conférencier, der sie durch eine erstaunliche Schule des Sehens führt.

[Behalten Sie den Überblick: Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über die aktuellsten Berliner Entwicklungen, auch um das Coronavirus. Jetzt kostenlos anmelden: checkpoint.tagesspiegel.de ]

Das nämlich ist die Röntgenfotografie seines niederländischen Landsmannes Arie van’t Riet. Bis 2012 arbeitete der Spezialist für Strahlenphysik in einem Krankenhaus. Inzwischen werden die von ihm „Bioramen“ genannten und teilweise digital kolorierten Röntgenstillleben von Tieren und Pflanzen auch in Kunstgalerien verkauft.

Die Schleiereule erscheint als klappriges Gerippe

Die Naturinszenierungen verströmen poetischen, irrealen, komischen Zauber. Etwa wenn aus einer mit Daunen und Federn bekleideten Schleiereule, die samt Küken auf einem Ast hockt, im Röntgenbild zwei klapprige Gerippe mit übergroßen Schnäbeln werden. Betrachtet man Schmetterling und Libelle, die zwischen Blumen schwirren, oder einen zwischen Seerosen schwimmenden Frosch, wähnt man sich zu Gast in einer gläsernen, künstlichen, wunderwirklichen Welt.

Mit Wissenschaftsfotografie haben Arie van’t Riets Röntgentüfteleien wenig zu tun, auch wenn man den Darm der Garnele, der sich als körperlanger Strich unter ihrem Panzer entlangzieht, deutlich sehen kann. Dagegen spricht das lebensnahe Herrichten der in Gliederfüßer und Weichtiere, Fische, Reptilien, Vögel und Säugetiere unterteilten Tiere.

Kletterkünstler. Die Stirn des Totenkopfäffchens fällt kleiner als die von Menschenschädeln aus.Fotos: Arie van’t Riet/Mixtvision

Der mausetoten Tiere übrigens. Zwar sieht es aus, als sei der wie ein grafisches Wunderwerk aus Linien und Bögen erscheinende Rochen schwebend in Meerestiefen fotografiert. Oder als sei die Biene direkt im Anflug auf eine Kirschblüte festgehalten. Doch schon im Vorwort erklärt Schutten, dass van’t Riet keine lebendigen Tiere der gefährlichen Strahlung aussetzt, vor der er sich in seiner Spezialfotowerkstatt selbst gut schützt. Sondern die Posen und Pflanzen sind allesamt posthum arrangiert.

Dafür sammelt er Unfallopfer mit möglichst intakter Anatomie am Straßenrand ein, kauft Fische auf dem Markt, sucht Insekten im Garten, besucht Präparatoren und lässt sich von Reptilienfreunden ihre verstorbenen Bartagamen, Pythons und Chamäleons schenken. Oder wie Schutten lustig van’t Riet charakterisiert: „Er gehört zu den wenigen Menschen, die man mit einer toten Maus sehr glücklich machen kann!“

Natur bestaunen, Neugier wecken, nicht analysieren

Die für die Tiere harmlos ausgefallene Ausnahme ist das filigrane Foto des „weichsten Weichtiers“, sprich einiger Schnecken, die mit ihren unterschiedlich kolorierten Häusern und tastenden Tentakeln auf hellgrauem Blattwerk unterwegs sind. Für Schnecken ist es im Gegensatz zu ungeduldigeren Tieren gar kein Ding, unbewegt auf der Stelle verharren. Ideale Voraussetzung also, um geröntgt zu werden.

[Arie van’t Riet, Jan Paul Schutten: Nette Skelette. Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen. Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann und Verena Kiefer. 127 S., Mixtvision, 24 €. Ab 8 Jahre]

„Nette Skelette“ will Natur bestaunen und Neugier wecken, nicht analysieren. Schutten schreibt keine biologischen Lektionen, sondern kurze Erklärstücke, die auch gut zum Vorlesen geeignet sind. Manche könnten faktensatter, weniger verplaudert sein.

So wie die sinnigen Vergleiche zwischen menschlichem und tierischem Körperbau. Der kleine Singvogel Stelze beispielsweise verfügt über einen riesigen Brustbeinkamm. Die helle, dem grauen Muskelgewebe vorgelagerte Fläche ist sehr gut im Bild zu sehen.

Beim Menschen befinde sich an der Stelle das Brustbein, erläutert Schutten, „ein eher bescheidener Knochen“. Der Brustmuskel der Stelze jedoch benötigt sehr viel Stabilität, damit sie sich kraftvoll in die Lüfte schwingen kann.