Späte Gerechtigkeit für Superhelden

Die wichtigste Änderung im vierstündigen Directors Cut des Superheldenspektakels ”Justice League” ist erst ganz am Schluss zu sehen. “For Autumn” lautet die Widmung im Abspann, hinter den Worten verbirgt sich eine so tragische wie chaotische Produktionsgeschichte, die selbst Hollywood-Qualitäten besitzt. Mitten in der Postproduktion und heftiger Auseinandersetzungen um die finale Kontrolle über die 300-Millionen-Dollar-Produktion beging die Tochter des Regisseurs Zack Snyder 2017 Suizid.

Kurz zuvor hatte das Studio Warner Snyder bereits das Vertrauen entzogen und den Regisseur Joss Whedon, einen der Architekten des “Marvel Cinematic Universe”, von der Konkurrenz abgeworben. Er sollte das Premium-Produkt, das die Zusammenführung von Batman, Superman, Wonder Woman, Flash, Aquaman und anderer DC-Superhelden vollzieht, beaufsichtigen. Die Familientragödie brachte die Arbeit vorübergehend zum Stillstand, vor dem Hintergrund der zunehmenden Differenzen mit Whedon sah sich Snyder schließlich außerstande, den Film zu beenden. Er nahm eine zweijährige Auszeit.

Über das, was danach mit seinem Film geschah, kursieren die verschiedensten Versionen. Einige der Beteiligten, darunter Whedon und Warner-CEO Kevin Tsujihara sind nach MeToo-Enthüllungen heute nicht mehr mit dem Studio affiliiert. “Justice League” kam im November 2017 mit verheerenden Kritiken in die Kinos; wenigstens ein Mal waren sich Fans und Kritiker einig. In einem „Vanity Fair“-Porträt aus dem Februar bestätigte Snyder, dass er bis heute den von Whedon fertiggestellten Film nicht gesehen habe. „Es würde dir das Herz brechen“, soll ihn seine Frau Deborah Snyder, neben Christopher Nolan eine Produzentin des Films, gewarnt haben.

Superman-Fans protestieren am Times Square

Dass Zack Snyder noch einmal die Möglichkeit erhalten hat, seine Version fertigzustellen, ist nicht zuletzt einer einmaligen Fan-Kampagne zu verdanken: von Protesten auf Comic-Messen über Online-Petitionen bis zu einer crowdfunding-finanzierten Werbung über dem New Yorker Times Square. Der „Justice League“-Flop hat die Warner-Bosse in jeder Hinsicht schlecht dastehen lassen. Mit „Justice League“ wollte das Studio den Vorsprung der Konkurrenz von Marvel, deren „Avengers: Infinity War“ ein halbes Jahr später knapp zwei Milliarden Dollar einspielt, mit einem einzigen Film aufholen. Stattdessen stand man vor den Ruinen des teurem DC-Franchises, mit einem verbrannten Zack Snyder und einem toxischen Joss Whedon an Bord, gegen den im vergangenen Jahr schließlich eine Reihe von Schauspieler:innen Vorwürfe eines missbräuchlichen Verhaltens am Set öffentlich machten.

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Für Zack Snyder bekommt die persönliche Tragödie jetzt doch noch ein, wenn auch wehmütiges Happy-end. Warner gab ihm weitere 70 Millionen Dollar, damit er endlich seinen Film realisieren konnte; für ihn mehr als eine Rehabilitierung. Snyder erhielt die Chance, das Herzensprojekt „Justice League“ für seine Tochter Autumn, den einzigen Comic-Nerd in der Familie, wie er der „Vanity Fair“ erzählte, zu Ende zu bringen.

Diese Geschichte ist natürlich viel zu groß für eine profane Comic-Verfilmung, selbst wenn die Superhelden und Städtezertrümmerer von DC eher Göttern ähneln. Mit vier Stunden ist Snyders Version, inklusive Takeouts und neu gedrehtem Material, doppelt so lang wie das Whedon-Fiasko. Zur Zeit des Sandalenfilms nannte man das wohl „Epos”.

Ehrenrettung für alle DC-Superhelden

Snyder erweist dem zusammengeschusterten Original tatsächlich eine Art Ehrenrettung. Allein für die Einführung der neuen Figuren Aquaman, Flash und dem Sechs-Millionen-Dollar-Man Cyborg (Ray Fisher), der einen Solofilm verdient gehabt hätte (inzwischen wurde Fisher nach anhaltender Kritik an Warner vom Studio gefeuert), lässt er sich fast 90 Minuten Zeit.

(Jetzt auf Sky)

Wo „Justice League“ in der ersten Hälfte an Tiefe gewinnt, fällt Snyder im Finale dann aber auch nicht mehr ein als Whedon. Hauptsache: größer, lauter, destruktiver. Ab einem gewissen Budget unterscheiden sich diese Superhelden-Franchises eben nur graduell, unabhängig von der “persönlichen Vision” eines Regisseurs. Die Existenz dieser Redux-Fassung begründet sich für Warner vor allem wohl darin, die Fans zu beruhigen; und die neue Streaming-Plattform HBO Max mit frischem Content zu füttern.

Erst am Ende findet “Justice League” zu seiner wahren Bestimmung, leistet der Film mehr als ein ganzes Team von Superhelden. Über den Abspann singt Allison Crowe Leonard Cohens „Hallelujah“, es war das Lieblingslied von Autumn Snyder. “Justice League” ist ihr Requiem.

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