Soundtrack für graue Wintertage

Gerade jetzt im November gibt es ja diese Tage, an denen man am liebsten gar nicht aufstehen möchte. Eine bleigraue Wolkendecke versiegelt den Himmel, eisiger Wind treibt Sprühregen durch die Straßen. Da genügt ein Blick aus dem Fenster, um den Körper zurück in die weichen Kissen zu drücken.

Als Soundtrack für so einen lazy day bietet sich das neue Album der Dirigentin Ariane Matiakh an. Zusammen mit den Pianistinnen Mona und Rica Bard und der Staatskapelle Halle hat sie Werke von Max Bruch eingespielt, das Konzert für zwei Klaviere und Orchester aus dem Jahr 1916 sowie die „Suite nach russischen Volksmelodien“ von 1903.

Der Puls schlägt langsam in den meisten der Sätze, der Hörer wird vom dunkel-samtigen Wohlklang der Spätromantik umfangen. Tröstend wirkt diese Musik und zugleich auch morbide, weil sie um das nahe Ende aller harmonischen Gewissheiten weiß. Ihr zu lauschen, weckt Gefühle, wie man sie auch beim Anblick der verschlissenen Pracht eines alten venezianischen Palazzo empfindet.

Die Aufnahme entstand in der Händel-Halle in Halle/Saale

Das beim Label Capriccio erschienene Album ist ein Dokument der sehr kurzen Amtszeit von Ariane Matiahk als Generalmusikdirektorin an den Bühnen Halle. Im Herbst 2019 trat sie ihr Amt an, fünf Monate später wurde der Vertrag „in gegenseitigem Einvernehmen“ wieder aufgelöst, ohne weitere Erklärungen. Immerhin das CD-Projekt mit dem Klavierduo Bard konnte noch in der Hallenser Händel-Halle realisiert werden.

Mit wenigen düster-dräuenden Takten des Orchesters zieht Max Bruch den Vorhang für sein Doppel-Klavierkonzert auf. Ganz alleine setzen dann die Solistinnen ein, mit einer zarten, tastenden Linie, zu der erst nach und nach die Streich- und Blasinstrumente wieder hinzutreten. Langsam beginnt auch der zweite Satz, doch die Stimmung ist schon ein wenig aufgehellt. Sehnsuchtsvoll singt die Oboe, Vitalität erfasst auch Mona und Rica Bard, deren Hände nun immer schneller die Tastaturen traktieren.

Ein Hornruf leitet das folgende Adagio ein, die Pianistinnen verfallen erneut in bittersüße Tagträume, scheinen vergebenen Gelegenheiten nachzutrauern. Zur Pflichterfüllung mahnt das Orchester im Finale, mit virtuosen Läufen und Akkordketten umspielen die Solistinnen das wilhelminisch-wuchtige Hauptthema, das mit breitem Tempo und viel Pathos voranschreitet.

Das Lied der Wolgaschlepper wird zum Rausschmeißer

Eine kurze Kraftanstrengung, nach der sich der Hörer wieder in die Federn fallen lassen kann. Denn zur Eröffnung der russischen Suite beschwört Bruch die endlose Weite der Tundra. Dann tönt ein schläfriges Englischhorn über sanftem Streichergesang, die zwei forsch-folkloristischen Tänze, die folgen, bilden nur ein Intermezzo, dann geht es zurück in einen gemächlichen Schreitrhythmus. „Trauermarsch“ steht in den Noten, doch die Stimmung bleibt milde, diese Musik erzählt nicht von Abschiedsschmerz, sondern von liebevoller Verklärung.

Schließlich aber kommt, was kommen musste: der Rausschmeißer. Die Suite lässt der Komponist mit dem altbekannten Lied der Wolgaschlepper enden, allerdings in einer furiosen Fassung, mindestens dreimal so schnell, wie man dieses „Zieht euch warm an!“ von Ivan Rebroff in Erinnerung hat. Der Zuhörer fühlt sich förmlich aus dem Bett katapultiert. Na dann: an die Arbeit!